Draža Mihailovićs Enkel

In Banja Luka prügeln selbst ernannte Četniks auf mich ein. Mir bleibt nur die Flucht. Was es mit dem Angriff auf sich hat, lest ihr hier.

„Stell dich zu uns, trink was mit uns“, sagt mir der Typ links im Titelbild. Es ist Freiluftparty in der Avlija beim Cinecitta im Stadtzentrum von Banja Luka. Die Mitglieder der Gruppe im Bild und ich sind draufgekommen, dass wir gewissermaßen alle aus Österreich kommen. „Fotografier uns“, haben sie gesagt, als sie mich mit meiner Kamera gesehen haben.

Die vier leben und arbeiten alle oben –seit Jahrzehnten. Geboren sind sie meines Wissens nach alle in Serbien. Nach Banja Luka sind sie übers verlängerte Wochenende gekommen. Zum Feiern offensichtlich.

Ein Gin Tonic für mich ist schnell gemischt. Ich hab erst ein kleines Bier getrunken heute abend. Mir wäre mehr nach weniger betrunkener Gesellschaft, vorzugsweise weiblich. Aber man will nicht unhöflich sein.

Was vor der Eskalation passiert

„Weißt du, ich bin Četnik“, klärt mich der links im Bild sehr bald sehr ungefragt auf. Ich beschließe, möglichst schnell auszutrinken und mir andere Gesellschaft zu suchen. So weit es geht, widersetze ich diplomatisch dem nationalistischen Müll, mit dem er mich zutextet.

„Schau, ich bin nicht hier, um über Politik oder Geschichte zu diskutieren. Lassen wir das“.

„Ihr versteht uns Serben einfach nicht. Wir sind doch die Gleichen. Wir sind auch Christen. Wir Orthodoxen, wir sind die stärksten Christen. Wir müssen gemeinsam gegen die Überfremdung Europas kämpfen“.

So geht das eine gefühlte Ewigkeit dahin. Es wird nicht besser.

„Weiß du, wer Draža Mihailović war“, fragt er mich. Ich nicke genervt und seufze. „Das ist mein Held. Das ist der Held von uns allen Serben. Für mich besonders. Das war mein Großvater“, sagt er stolz. Ich bemerke, dass ich erst die Hälfte meines Gin Tonic getrunken habe.

„Um Draža Mihailovićs Enkel zu sein, bist du 40 Jahre zu jung, du Volltrottel“, denk ich mir.

Wenn ich nicht eingreife, mach ich mich mitschuldig

Ein großer und schlacksiger Mittzwanziger kommt auf uns zu. Ob er ein Foto machen darf, fragt er. Ich hab ihn vorher bemerkt, wie er andere Gäste fotografiert hat.

Bevor ich reagieren kann, hat mir der rechts im Bild den Arm auf die Schulter gelegt und zieht mich gewissermaßen ins Bild. Mit der linken Hand macht er die drei Prsta. Das Handzeichen der serbischen Nationalisten. Drei abgespreizte Finger. Offenbar steht er ideologisch nicht weit vom selbst ernannten Četnik.

Ein Foto mit mir und gleichzeitig drei prsta. Genau das, was ich brauche…

In nur 20 Sekunden eskaliert die Situation.

„Du arbeitest doch für Dodik und für Vučić“, schreit der schwarz Gekleidete den jungen Fotografen an. Paranoia ist Begleiterscheinung und vielleicht Voraussetzung für Nationalismus. Nicht nur für serbischen.

Der Schwarze packt den Kameragurt mit seiner auftrainierten Bauarbeiterfaust und zieht den Fotografen zu sich auf den Tisch. Der Bursch hat keine Chance, Widerstand zu leisten. Der Linke, der selbst ernannte Četnik, lacht. Wahrscheinlich will er dem Fotografen die Kamera wegnehmen.

Dem Burschen kommt das Weiße aus den Augen. Er weiß nicht, was passiert, und wie er hier rauskommt.

Ich falle dem Schwarzen buchstäblich in den Arm. Ich greife sein Handgelenk und ziehe es nach oben. Ich hoffe, dass ich so seinen Griff auf den Halsgurt der Kamera lockern kann. „Das ist genug“, sag ich ihm noch.

Er lässt los, nach einigem Zögern und einigem Ziehen meinerseits.

Der Bursch ist weg, so schnell kann man kaum schauen. Man kann es ihm nicht verdenken.

Hätte ich hier nicht eingegriffen, hätte ich mich mitschuldig gemacht an diesem gewalttätigen Übergriff auf den Fotografen. Hätte ich mich mitschuldig gemacht, dass Rechtsradikale den öffentlichen Raum nach Belieben dominieren können.

Die Četniks gehen auf mich los

„Schleich dich, du Arschloch“, herrscht mich der Linke an. Bevor ich ein Wort sagen kann, tritt er mich gegen das Schienbein.

Er tritt mich ein zweites Mal, bevor ich meine Sachen zusammensammeln kann.

In mir kocht Wut auf. Am liebsten würd ich ihm mit der Faust ins Gesicht schlagen.

Nur, der ist alleine schwerer und stärker als ich. Und er ist der Kleinste von den vier.

Im Gedränge der übervollen Avlija drücke ich mich langsam am Tisch vorbei. Als ich ihm den Rücken zuwende, spüre ich einen Schlag gegen die Schulter. Sekunden später ein Schlag gegen den Hinterkopf.

Wahrscheinlich ist es der Četnik.

Eineinhalb Schritte weiter greift der Schwarze über den Tisch hinweg auf die Träger meines Rucksacks. Er will mich zu sich ziehen.

Ich ziehe mit aller Kraft dagegen. Ich kann mich losreißen.

Glücklicherweise beeinträchtigt der erhebliche Alkoholpegel der Gruppe ihre körperliche Koordinationsfähigkeit. Sonst wäre ich nicht so glimpflich davongekommen.

„Du Arschloch“, schreit mir der Četnik nach.

In die Menge wollen sie mir doch nicht nachrennen. Das würde auffallen. Im Gegensatz zu dem Geschehen jetzt. Bei der Musiklautstärke hier und der Menschenmenge haben weder die Kellner noch die Leute an den Nebentischen mitbekommen, was passiert ist.

Öffentliche Gewalt ist am Balkan ziemlich akzeptiert. Vor allem, wenn sie von Nationalisten kommt

Banja Luka ist nur der Schauplatz dieses Übergriffs. Ansonsten hat es mit der Sache nur indirekt zu tun.

In Banja Luka ist es wahrscheinlicher, dass es zu einem solchen Übergriff kommt als in Wien. Das ist ein gesamtbalkanisches Problem, kein bosnisches oder republikaserbisches. In Zagreb hab ich vor Jahren eine im weiteren Sinne vergleichbare Situation erlebt. Damals gelang es uns, in einem Lokal eine Schlägerei zu verhindern. Die Eskalation ging von einer Gruppe junger Nationalisten aus – damals an die 20 Jahre jünger als die Gruppe, die am Freitag auf mich losging.

Für die Gewalttätigkeiten solcher Leute hat man in dieser Weltgegend mehr Verständnis als etwa in Österreich und in Deutschland. Wer hier fest genug mit der Faust auf den Tisch schlägt, hat Recht. Wer sich dem widersetzt, ist der eigentlich Schuldige.

In Banja Luka, in Zagreb, in Bor. Man suche es sich aus.

In einem solchen Klima wissen Leute wie die vier im Titelbild, dass sie sehr wahrscheinlich keinerlei Konsequenzen zu befürchten haben, so lange sie es nicht sehr übertreiben. Schon gar nicht von den nationalistisch durchsetzten republikaserbischen Behörden.

Das ist das eigentliche Problem.

Mir geht es gut. Ich bin nicht verletzt. Wütend bin ich immer noch.

Die Gesichter im Titelbild sind aus rechtlichen Gründen verfremdet. Das Foto entstand auf ausdrücklichen Wunsch der Abgebildeten. Es wurde ca. 15 Minuten vor dem Überfall gemacht.

Über den Vorfall hat auch Lupiga geschrieben, ein renommiertes kritisches Portal in Zagreb. Lupiga ist auch Kooperationspartner von Balkan Stories.

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12 Gedanken zu “Draža Mihailovićs Enkel

  1. Die ‚Überfremdung Europas‘ ist leider schon im vollen Gange und das muß man sagen dürfen, ohne als Rassist oder Rechtsradikaler abgeurteilt zu werden. Ein Moslem hat mal zu mir gesagt: „Wir müssen Europa nicht erobern: Wir kommen einfach rüber ..“. Das ist nicht meine Meinungsäußerung, was ich hier schreibe, sondern das sind harte Fakten und Dinge, die man sehen kann, wenn man die Augen öffnet ..

    1. Sagen darfst du es. Nur darfst du dich dann nicht beschweren, wenn du für das gehalten wirst, als das du dich zu erkennen gibst. Zumal angesichts des Nazi-Jargons „Überfremdung“.

      Du darfst dich dann auch nicht beschweren, für das gehalten zu werden, als das du dich zu erkennen gibst, wenn du mit NS-Jargon anlasslose Gewalttaten von Nationalisten rechtfertigst und verharmlost. Für dich sind Migranten das Problem, das nationalistische Gewalt rechtfertigt. Ansonsten würdest du diese Zeilen nicht geschrieben haben.

      Das ist keine Meinungsäußerung. Das ist eine Tatsache. Eine, die jeder sehen kann, der seine Augen öffnet.

      1. Da hab ich wohl einen Narzissten im Mark getroffen, dass er mir so böse die Worte im Mund rumdreht und meine Offenheit gegen mich verwendet. Wenn du jetzt schon aus selbstgerechter Rache so reagierst, wie reagierst du erst, wenn wirklich jemand NS-Jargon benutzt? Ich finde, dass ein Erwachsener eine andere Meinung auch vertragen sollte, ohne gleich mit Steinen zu werfen. Wie ich dich einschätze, bist du durch deine unterschwellige Aggression überall gefährdet und das hat nichts mit Nationalismus zu tun, du dummer Bub ..

      2. „Überfremdung“ ist NS-Jargon. Da gibt es nichts zu deuteln. Du hast dieses Wort ganz ohne Not verwendet, gleichsam instinktiv. Ich brauche dir dieses Wort nicht im Mund umdrehen, schon gar nicht böse. Du hast es selbst verwendet.

        Du postest unter einer Geschichte über nationalistische Gewalt die Anmerkung, man werde ja noch über „Überfremdung“ reden müssen. Also: „Haltet den Dieb“.

        Nicht, dass diese Leute anlasslos gewalttätig waren, und von sich aus und ganz unprovoziert von irgendjemandem, ist das Problem. Nein, die Überfremdung ist es. Und offenbar auch, dass sich jemand dieser Gewalt entgegenstellt. Das ist deinem jüngsten Kommentar zufolge eben „unterschwellige Aggression“.

        Und natürlich ist mein deutlicher und vielleicht polemischer Widerspruch zu deinem Kommentar „selbstgerechte Rache“. Wofür soll ich mich denn bitte rächen wollen?

        Sorry, das ist das gleiche Herumgeopfere wie von den Wokies, die jeden polemischen Widerspruch sofort als „Hass“ interpretieren.

  2. Ich hab die Worte bewusst unter Anführungsstriche gesetzt, um zu kennzeichnen, dass ich die Wortwahl als Zitat übernommen habe. Das Wort ‚Überfremdung‘ haben die Schweizer zuerst benutzt. Dass es NS-Jargon sein soll, war mir nicht bewusst. Ich bin weder Rassist, noch Nazi. Übrigens machst du genau das, was du den ‚Wokies‘ unterstellst. ‚Rache‘ ist wohl ein zu starkes Wort. Aber ich habe etwas geschrieben, was dir missfallen hat und hast du gleich entsprechend entsprechend reagiert. Ich könnt ja ebenfalls fies sein und sagen, dass ein Göbbels stolz auf deine herabsetzende Rhetorik wäre. Das tu ich aber nicht, weil ich ja gegen den Hass ankämpfe.

    Das war übrigens kürzlich politisches Thema, dass man in Deutschland nicht mehr sagen darf, was man denkt. Ich bin froh, dass die Grenzen jetzt dicht sind und viele afghanische und syrische Schwerverbrecher abgeschoben werden. Ja, aber deshalb hab ich keine Aversionen gegen die moslemischen Menschen an sich. Es werden nur hierzulande zu viele. Von der Natur her sind wir übrigens alle Rassisten. Jeder hält zu seiner Sippe und seinem Stamm. Uns ist eben nur der Verstand gegeben, dieses atavistische Erbe geistig zu kompensieren.

    Du klopfst meine Kommentare immer auf sachliche Fehler ab und wenn keine da sind, unterstellst du sie. Hättest du Empathie und Menschenliebe, Einfühlung und Verständnis auf für unangenehme Meinungen, dann hättest du es leichter im Leben. Aber da sind wir wieder beim Narzissten, der ja bekanntlich immer Recht hat und alle anderen ins Unrecht setzt. Dir gehts nicht um Wahrheit, sondern ums Rechthaben.

    Ich belass es jetzt dabei. Du hast mit mir genau das getan, wovor ich gewarnt habe. Du hast kein Respekt vor anderen Meinungen und ziehst sie in den Schmutz. Ich teste meine potentiellen Freunde auch immer am Anfang, indem ich ein wenig provoziere. Du hast den Test nicht bestanden. Bist durchgefallen. Aber das wird dir auch egal sein. Ich wünsch dir noch viel Erfolg und Milliarden Klicks, denn das ist ja dein Glück, darauf baust du auf. Armer Mensch.

      1. Zum vierten Mal steckst du mich in eine Schublade. Langsam bekomm ich Zweifel an deiner Intelligenz. Merkst du eigentlich noch was, Junge. Ich war noch nie Opfer, du Dumpfbacke ..

    1. Oder, um es präziser zu sagen: Du vertritts die altbekannte Linie: „Ich meine, was ich sage, ich meine nicht, was ich sage, ich stehe hinter dem, was ich sage, ich bin nicht verantwortlich, für das, was ich sage. jedes Wort, das ich sage, ist so zu nehmen, wie es ist, kein Wort, das ich sage, ist so zu nehmen, wie es ist. Ich überspitze und provoziere, ich sage die Wahrheit. Das Ding ist es selbst, und sein Gegenteil. Und wenn es mir nicht passt, ist der Andere schuld.“

      OK. So kann man auch durchs Leben gehen. Aber bitte dann nicht beschweren, wenn das andere Menschen nervt.

      1. Danke, jetzt machst du mich lachen. Ein Clown also, der für Erheiterung sorgt. Da ist mein Daumen ganz oben. Verzeih also bitte, wenn ich dich als einen Vollidioten einschätzte. Das nehm ich gern zurück, du liebe Witzfigur ❤️

  3. Na, servas! Klingt wüd, bin froh, daß dir nicht mehr passiert ist. Wobei sowas ja auch psychisch ziemlich heftig ist, hoffe, du kannst das gut verdauen. Gut, daß du die Geschichte aufgeschrieben hast.
    Eine Verständnisfrage hätte ich noch: Wieso haben serbische Nationalisten so einen Haß auf Dodik und Vučić? Okay, im Verhältnis zu radikalen Großserben sind die zwei ja noch direkt nett – aber daß sie für diese Leute derartige Haßfiguren sind, leuchtet mir nicht ein. Ist das Konkurrenzfaschismus?
    Und bitte: Do not feed the troll! Der Kommentar-Thread wird dann ja völlig unlesbar und du kannst sicher was Besseres mit Deiner Zeit anfangen.
    Alles Gute!
    Če

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