Die 200.000 exjugoslawischen Wiener hinterlassen im gesamten öffentlichen Raum der Stadt ihre Spuren. Welche das sind, und was uns das über Teile der Jugo-Dijaspora sagt, habe ich auf mehreren Spaziergängen dokumentiert.
Ein aufgelassener Balkan-Grill am Gürtel in Meidling. Man könnte dieses Foto als Einzelbeispiel abtun. Nur, es zeigt einen Trend: Entlang der günstigeren und weniger prestigeträchtigen Straßenzüge verdrängen Restaurants und Lokale frischer Zugezogener die derer, die etwas länger hier sind.

Sofern die überhaupt eine Überlebenschance haben. Siehe diese Geschichte aus dem Archiv von Balkan Stories.
Die Jugo- und Türkenlokale ziehen in etwas teurere Gegenden weiter. Und werden ihrerseits teurer.
Dass es in der Gegend nicht ganz vorbei ist mit den Jugolokalen, zeigt diese Hinterlassenschaft.

Wenn man balkanische und österreichische Trinkgewohnheiten kennt, und die Lokale in der Umgebung, kann man nur die rhetorische Frage stellen: Von wem sonst soll ein halbleeres Heineken stammen?
Auch diese offenkundig alte Ankündigung ist ein Zeichen, dass die Goldene Zeit der Jugo-Lokale in Wien vorbei ist. Auch wenn das Lokal, in dessen Fenster dieses Poster seit Jahren verbleicht, nach wie vor halbwegs gut geht.

Alltäglichen Sorgen gilt dieses ebenfalls ausgebleichte Plakat, nur wenige Meter weiter.

Zahnbehandlungen in Bosnien sind weitaus günstiger als in Österreich. Viele Jugo-Migranten erster und zweiter Generation können sich eine Zahnbehandlung oft nur unten leisten.
Offener Nationalismus
Etwas unschöner wird es, wenn einige jüngere Aktivisten ihren Platz im öffentlichen Raum erobern wollen. Auch dieses Foto stammt vom Gürtel in Meidling.

Serbischstämmige Jugendliche wollen dem nicht nachstehen.





Fußballfans markieren ihr Gebiet. Nationalismus ist oft nicht weit
Weit häufiger als Graffiti sind weniger überraschend Stickers auf Lichtmasten, Postkästen, Schaltkästen usw.
Jugendliche und junge Erwachsene kroatischer Abstammung sind in Wien in dem Fach überraschend präsent – vor allem, wenn man bedenkt, dass ethnische Kroaten gleich welcher Nationalität in der österreichischen Bundeshauptstadt eine deutlich kleinere Gruppe sind als ethnische Serben oder Bosnjaken.
Dynamo Zagreb und Hajduk Split haben in Wien offenbar mehrere Fangruppen, die in ihren Stadtteilen unabhängig voneinander den öffentlichen Raum erobern wollen.



Das geht häufig mit offenem Neofaschismus einher. Die Šahovnice, die Schachbretter, auf diesen Fotos sind alle Ustaša-Wappen. Sie sind in Kroatien wie in Österreich verboten. Dass etwa die Ultras von Dinamo Zagreb, die Bad Blue Boys, ein massives Neonazi-Problem haben, ist bekannt. Und wird offenbar von den Wiener Fans toleriert oder gutgeheißen.



Bei ethnischen Serben ist offenbar Partizan Beograd die deutlich populärere Mannschaft. Auch hier sind offenkundig mehrere Fangruppen am Werk, und nicht nur die Grobari.


Keinem Klub zuordnen konnte ich diese Sticker.


Auch sie zeigen, wie sehr Fußball und Nationalismus miteinander einhergehen, vor allem, aber nicht nur am Balkan.
Von den schwer nationalistisch belasteten Delije von Crvena Zvezda Beograd fand ich auf meinen Spaziergängen nur ein Pickerl. Das war interessanterweise überklebt mit einem Pickerl aus Visoko in Bosnien. Das Design ähnelt nicht dem üblichen Auftreten der Demoni Visoko, den Ultras des drtoigen Fußballvereins.

Bei den Bosniern scheinen klar die Maniacs die größte Präsenz in Wien zu haben. Das sind die Ultras von Željezničar Sarajevo, kurz: Željo.


Auch der FK Sarajevo und Zrinjski Mostar haben hier ihre Anhänger. Zrinjski ist der fast rein ethnisch-kroatische Fußballclub von Westmostar. Mit der West Mostar Crew hat er eine offen neofaschistische Ultrasgruppe. (Siehe etwa diese Reportage.)



Etwas überraschend dieser Sticker an der Kreuzung Gablenzgasse/Gürtel in Ottakring.

Es gibt auch sozusagen all-jugoslawische Fußballfans mit Selbstironie. Die Wiener Tschuschen sind ein Fanclub von Rapid. Zumindest ursprünglich hatte die Mehrheit der Mitglieder ex-jugoslawischen Migrationshintergrund. Daher auch der Name.

Randerscheinung Politik
Weitaus seltener als das Revier des eigenen Fußballclubs zu markieren oder den eigenen Nationalismus zu dokumentieren geht es den meist jungen Aktivisten um Politik. Aber auch solche Beispiele habe ich auf meinen Spaziergängen gefunden.


Die serbischen Studentenproteste haben überraschend wenige Spuren im öffentlichen Raum in Wien hinterlassen. Deren nationalistische Unterstützer waren im Vergleich zu Serbien deutlich aktiver beim Pickerl-Kleben als die linken oder liberalen.



Das lässt keine Rückschlüsse zu, welche politische Haltung die Aktivisten der Studentenproteste in Wien haben.
Außer Sympathien für die Massenproteste in Serbien haben die Gruppe Blokada Beč und die Aktivisten, die in Eigenregie mit Stickern auf die Proteste aufmerksam machen wollen, nichts miteinander zu tun.
Mehr über die Massenproteste in Serbien könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.
Manchmal geht’s politische Ziele, die nicht auf ein Herkunftsland beschränkt sind, sondern die international verfolgt werden sollten. Nicht ganz klar ist, ob sich hier Aktivisten aus der Dijaspora ausdrücken oder heimische Aktivisten sie für sich reklamieren.
So oder so, das kann man uneingeschränkt als jugoslawisch bezeichnen.


Ein unerwartetes Ergebnis
Kultur in all ihren Erscheinungsformen war bei meinen Spaziergängen in den vergangenen Wochen überraschenderweise kein Thema.
Ich fand etwa keine Poster, die für bevorstehende Konzerte von Sängern oder Bands aus dem ehemaligen Jugoslawien werben – weder auf legalen noch illegalen Plakatierflächen wie etwa auf den Stützsäulen von Wiens Hauptbibliothek.
Die einzige Ausnahme ist praktisch vor meiner Haustür.

Er wirkt sehr neu. Die Urbana Scena in Ljubljana wurde im Vorjahr in Kuga Studio umbenannt.
Immerhin kann ich jetzt vermuten, dass ein kulturinteressierter Slowene oder eine kulturinteressierte Slowenin in meiner Nachbarschaft wohnt. Würd ich gerne kennenlernen.
Ein unerwartetes Ergebnis meiner (un-)jugoslawischen Spaziergänge.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
