Knapp unter dem Gipfel des Trebević über Sarajevo steht eine Berghütte, die längst zum Geheimtipp für Einheimische geworden ist. Mit viel Engagement von Sarajlije gebaut, steht sie für Sarajevos goldenen Moment in der Geschichte und für eine mögliche Zukunft.
Am letzten Stück gerate ich ein wenig ins Keuchen. Igor hat den steilen Aufstieg zum Planinarksi Dom Jure Franko auf 1.439 Metern Seehöhe gewählt. Es ist ein schmaler Pfad, mit vielen Wurzeln und Steinen.

Mit den Hügeln in Sarajevo komme ich mittlerweile einigermaßen zurecht. Das hier ist steiler und unwegsamer als ich gewohnt bin. Einen so anspruchsvollen Aufstieg hab ich seit zehn Jahren nicht gemacht.
Der Weg davor war nicht das geringste Problem.
„Ich wusste, das schaffst du, und ich wollte dich ein wenig herausfordern“, sagt Igor mit seinem typischen verschmitzten Lächeln. Igor führt Leute berufsmäßig aus der Komfortzone heraus. Er ist Lehrer. Heute ist Bajram, und er hat frei.
Mit Lazar und mir will er genießen, was er als den besten Ausblick auf Sarajevo beschreibt.

Als wir auf der Berghütte ankommen, meldet ein großes schwarzes Zottelmonster unser Ankommen mit lautem Bellen. Wie ich später erfahren werde, heißt das kleine Hundebaby Dexter und gehört Primož Juvan. Primož ist Gründer und Eigentümer des Planinarski Dom Jure Franko.

Eine jugoslawische Geschichte. Eine bosnische Geschichte.
Spätestens hier hört die Berghütte auf, reine Berghütte zu sein. Sie steht ein bisschen für das, was Sarajevo wieder sein könnte, und gleichzeitig irgendwie immer noch ist.
Die Berghütte Jure Franko, sie ist eine jugoslawische Geschichte und eine bosnische Geschichte. Ermöglicht von vielen Sarajlije und einem Slowenen. Oder zwei, je nach Interpretation.
„Ich leb seit ungefähr 20 Jahren hier“, sagt mir Primož. Wie man am Namen erkennt, ist er aus Slowenien. Der Liebe wegen ist er nach Bosnien gezogen. Hat geheiratet. Ist geblieben.
Das kommt in diese Richtung nicht sehr oft vor. Viel häufiger ist, dass bosnische Staatsbürgerinnen oder Staatsbürger mit EU-Ehepartner nordwärts ziehen.
Benannt ist diese Hütte nach Jure Franko. Der Slowene war der erfolgreichste jugoslawische Riesentorläufer bei den Olympischen Winterspielen in Sarajevo 1984. Er gewann damals die Silbermedaille.
Auch wenn er in Slowenien nach wie vor eine bekannte Größe ist, in Sarajevo ist er wahrscheinlich bekannter als zuhause. Wie kein anderer verkörpert er den Goldenen Moment in der Geschichte der Stadt. Sarajevo ’84 ist bis heute ein geradezu monumentaler positiver Bezugspunkt für die Sarajlije. (Mehr siehe hier.) Keiner steht so für diese Geschichte wie Jure Franko.




Wie bittere Ironie wirkt, dass vielleicht zwei Gehstunden von hier die Überreste der Bobbahn der Olympischen Winterspiele vor sich hinverfallen. Immerhin sind sie als Lost Place eine Touristenattraktion geworden. Seit Jahren dienen sie lokalen und internationalen Graffiti-Künstlern als Flächen. (Mehr siehe hier.)
Wie bittere Ironie wirkt auch, dass die Grenze zwischen den beiden bosnischen Teilstaaten Federacija und Republika Srpska (RS) am Trebević in kaum nachvollziehbaren Zickzacklinien verläuft. Auf jeder Wanderung überquerst du die Grenze x-mal. Wo man gerade ist, lässt sich oft nur anhand des Zustands der Straße erraten. Je schlechter der Belag, desto eher Republika Srpska.
Andererseits unterstreicht der aberwitzige Grenzverlauf am Trebević, wie künstlich die Grenze ist. Sie löst sich in Absurdität auf. Bergpfade, Berghütten, Ausflüglerrestaurants und Natur sind zu einer eigenen Welt zusammengewachsen. So wie’s bei der Bergwanderung kein Sie gibt, so gibt’s auf 1.400 Metern keine Ethnie mehr.
Primož beschränkt sich bewusst aufs Notwendige
Fanny serviert uns Flaschenbier. Es ist Tuborg. „Die haben mit „Die haben mir als Einzige einen verlässlichen Liefervertrag angeboten“, erklärt Primož. Als Gegenleistung macht er auf der Fassade Hütte Werbung für den Konzern. Das bricht ein wenig die Idylle, aber man kann nicht alles haben.

Fanny macht ein paar Wochen hier Urlaub. Sie ist Wallonin aus Belgien. Für Kost und Logie – oder jedenfalls Logie – kellneriert sie ein wenig, wenn sie da ist. Gemeinsam mit ihr sind ein paar Brasilianer hier oben. Sie schlafen im ersten Stock.

Wenn Fanny anderwärtig beschäftigt ist, springt einer andereren Berggäste für sie ein.
Jetzt etwa macht sie Pause.

2018 begann Primož, den Planinarski Dom Jure Franko zu bauen. Viele Freiwillige aus Sarajevo und dem Umland machten mit.
Einer war Igor.

Igor ist begeisterter Bergwanderer- und Steiger, und packt bei solchen Vorhaben gerne an. Auch Dragan hat er seinerzeit geholfen, sein berühmtes Hotel Promaja zu bauen. (Siehe diese Reportage.)
Eine Fotoreportage auf der Webseite von Radio Sarajevo gibt einen Einblick in die Bauarbeiten für Berghütte. Igor sieht man leider auf diesen Fotos nicht. Dexter schon.
Wie Dragan beschränkte sich Primož bewusst aufs Notwendige und wendet sich an Naturfreunde und nicht an Massentouristen. „Ich wollte eine echte Berghütte für Bergwanderer“, erzählt er. „Dazu gehört, dass diese Hütte nicht einfach mit dem Auto zu erreichen ist.“ Primož ist der Einzige, der mit seinem Auto hier zufahren darf. Auch die Vorräte bringt er selbst.
Ich lerne Dexter näher kennen
„Ist der Blick auf Sarajevo nicht schön“, fragt mich Lazar. „Ja, sehr“, sage ich. Nur für ein Foto heute nicht geeignet. Es ist ein heißer Tag. Eine Dunstglocke liegt über Sarajevo.

Die Sonne brennt direkt auf die Bänke vor der Hütte. Igor, Lazar und ich ziehen uns ins Innere der Hütte zurück.

Dexter kommt herein und schaut, was wir so treiben. Er ist zehn und für sein Alter ausnehmend neugierig. Als ich ihn rufe, steht er so schnell bei mir, wie es seine 65 Kilo und der enge Platz zulassen.
Möglicherweise liegt es auch daran, dass auf dem niedrigen Tisch vor uns mittlerweile unser Essen ausgebreitet ist. Dexter schaut sehr interessiert. „Nein, für dich gibt’s nichts“. Dexter lässt sich von derlei Grausamkeiten gegen die Hundeseele nicht entmutigen.
Ich drücke sanft seinen Kopf weg, als er dem Essen ein wenig zu nahe kommt, und lenke ihn mit viel Streicheleinheiten ab. Dexter sabbert kräftig. Das ist das einzig Negative, das man über ihn sagen kann.
Warum Jure Franko ein wenig beleidigt ist
Für Primož war es nie eine Frage, dass er die Hütte nach Juro Franko benennen wird. Jure ist Landsmann, für Sarajevo wichtig, und Primož ist selbst begeisterer Skifahrer. Das hat ihn auch hierher gebracht, wie er vor acht Jahren dem Portal Klix erzählte.
„Beim Skifahren in Sarajevo hab ich meine Frau kennengelernt“, schilderte Primož in der Geschichte. Das ist mittlerweile 23 Jahre her. Seit 22 Jahren lebt er hier, engagiert sich in seiner neuen Heimat. So ist er etwa auch bei der Bergrettung.

Auch geistig ist er völlig in der neuen Heimat angekommen. So vergaß er etwa, Jure Franko zu fragen, ob er die Hütte nach ihm benennen dürfte. Nicht, dass Jure Nein gesagt hätte. Nur, gekränkt war er schon, als er erfuhr, dass eine Berghütte nach ihm benannt wird, und er auch nicht zur Eröffnung eingeladen war.
Der Lapsus ist von Primož erscheint im Rückblick etwas verständlicher. Er kratzte damals alles Geld für die Baumaterialien der Berghütte zusammen. Sogar sein Fahrrad verkaufte er. Hätten nicht seine Freunde und Freiwillige bei den Bauarbeiten ausgeholfen, es gebe die Hütte bis heute nicht.

Das ist typisch bosnisch. Das Ausmaß der Solidarität hier ist beeindruckend. Siehe etwa diese Geschichte.
Was Tito mit Allem zu tun hat
Mein Blick fällt auf einen Tito-Kalender. Wahrscheinlich ist er aus dem Vorjahr. Aufgeschlagen ist die Doppelseite für September und Oktober. Das Foto zeigt Tito auf der Jagd. Leider ohne Hund.
Tito liebte Hunde. Ein Hund auf dem Bild hätte den perfekten Bogen gespannt.

Tito-Kalender scheinen eine fixe Einrichtung auf Berghütten in Sarajevo zu sein. Auch Dragan hat einen in seinem Hotel Promaja.
Auch über Berghütten hinaus sind sie beliebt in der Region. Vor allem in Bosnien. Senad Džimi Rejzović hatte ebenfalls einen in seinem Restaurant Ženski Most kod Džimija in Brčko hängen.
Der Zeitschriftenverkäufer auf der Ferhadija in Sarajevo hat auch immer einen im Angebot.
Jure Franko ist nicht der einzige Verweis auf eine Zeit, die bis heute in den Augen von Millionen Menschen in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens besser war als alles, was danach kam. Das trifft vor allem auf Bosnien zu. Der Krieg beim blutigen Zerfall Jugoslawiens tötete hier 100.000 Menschen.
Die Zweiteilung des Landes im Friedensvertrag von Dayton befördert die nationalistische und korrupte Politik, die den immer weniger Einwohnern des Landes das Leben schwer macht.
Lisas wahrscheinlich letzter Sommer
Die Sonne brennt nicht mehr so heiß herunter auf die Terrasse des Planinarski Dom Jure Franko. Wir setzen uns hinaus und genießen die Natur und den Ausblick.

Ein paar Gäste sind seit dem Vormittag hier und etwas angeheitert. Sie brechen langsam auf, nachdem sei versucht haben, Fanny für lokale Musik zu begeistern. Das waren abwechselnd YU Rock und Narodna Muzika.

„Jetzt haben wir leider kein Bier mehr“, bedauert sie, als wir unseres ausgetrunken haben. „Und Rakija?“, frage ich. „Nein, auch das nicht. Wir haben überhaupt keinen Alkohol mehr“.
Primož wird erst morgen Bier holen.
Wenn du am Berg bist, ist das Leben manchmal etwas eingeschränkt.
Auf der Terrasse liegt auch Lisa. Sie ist der zweite Hund von Primož. Sozusagen Dexters Schwester.
Lisa ist etwas älter. Man merkt es. Jedes Mal, wenn sie aufsteht und sich ein paar Schritte bewegt, heult sie vor Schmerz.
„Immerhin isst sie noch“, sagt Primož‘ Frau. „Und sie freut sich noch, dass sie bei uns ist“.
Trotzdem wird es wohl Lisas letzter Sommer sein.

Das Beste aus dem machen, was Bosnien im Überfluss zu bieten hat
„Jetzt hast du von uns allen so viele Fotos gemacht. Von mir, von Igor, von Lisa, von Dexter. Und du bist auf keinem einzigen Foto“, spricht mich Primož an. „Na komm, ich mach eins“.

Ein neuer Schwung Gäste ist heraufgekommen. Es ist eine Familie aus dem Drinatal. Aufgestiegen sind sie aus Lukavica. Das gilt vom Fuß des Bergs aus als die einfachere Wanderung.
„Schade, dass es kein Bier mehr gibt“, sagt der Familienvater. Man bleibt trotzdem, und genießt den Blick auf die bosnische Hauptstadt.
Auch dank der medialen Aufmerksamkeit beim Bau und der Eröffnung vor fünf Jahren ist die Berghütte Jure Franko für Bosnier und Menschen aus dem ganzen ehemaligen Jugoslawien zu einem Geheimtipp geworden. Mit einer steigenden Zahl internationaler Bergliebhaber.
An diesem Nachmittag sind auch Deutsche und Briten vorbeigekommen.
Bei den Besuchern aus der Region liegt es sicher auch am Namen. Ausschlaggebend ist freilich, dass Primož und der Planinarksi Dom das Beste aus dem machen, was Bosnien im Überfluss zu bieten hat: Gastfreundlichkeit und Natur, ehrlich serviert.

So gesehen steht Planinarksi Dom Jure Franko nicht nur für Bosniens Goldenen Moment in der Geschichte. Vielleicht steht die Berghütte auch für die Zukunft des Landes. Oder zumindest einen wichtigen Teil: Sanfter Tourismus für Menschen, die wissen, was sie wollen.
Wie ihr zur Berghütte Jure Franko gelangt, könnt ihr hier und hier lesen.
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