Seit drei Jahren warten zahlreiche Einwohner Sarajevos auf das versprochene Denkmal für Boško und Admira, zwei der bekanntesten Kriegsopfer der Stadt. Die groß angekündigten Pläne für die Gedenkstätte am Schauplatz ihres Todes wurden offenbar still beerdigt, wie Balkan Stories exklusiv berichtet.
Etwas schief und in hellem Gelb-Orange steht auf dem Gehsteig vor der Vrbanja-Brücke über die Miljacka in Sarajevo das, was einem Denkmal für Boško und Admira am nächsten kommt: Eine Werbeinstallation für Cappuccino der Geschmacksrichtung Tiramisu von Nescafe.
Nescafe in allen Geschmacksrichtungen ist im ehemaligen Jugoslawien in einem geradezu bizarren Ausmaß beliebt. Insofern erstaunt die aufdringliche Werbung für den Instant-Kaffee wenig. Noch nicht mal an diesem Ort.



Was mehr überrascht, ist, dass es nicht einmal Anzeichen gibt, dass das groß angekündigte Denkmal für Sarajevos Romeo und Julia nicht einmal als Baustelle vorhanden ist. Seit September 2023 sollte es auf oder nahe der Brücke stehen.
Nach wie vor vorhanden ist die Gedenktafel für Suada Gilberović und Olga Sučić. Auch sie waren auf der Brücke erschossen worden, als sie aus der Stadt fliehen wollten.

Bezirksvertretung gibt keine Auskunft, warum das Denkmal nicht steht
Es sind viele Entwicklungen, die hier zusammenkommen. Die zeigen, wer in der Stadt politisch den Ton angibt – unabhängig davon, wer offiziell die Regierungen der Stadt und ihrer Bezirke bildet. Die zeigen, dass sich die Stadt rückwärts entwickelt hat. Und, dass man das wohl auch über Viele sagen kann, die angetreten sind, ihre Seele zu verteidigen. Oder das zumindest so dargestellt haben.
Srđan Mandić ist einer dieser Vielen. Er ist Bezirksvorsteher von Sarajevo Centar und vertritt die liberale Partei Naša Stranka. Im Sommer 2023 hatte er offiziell die Initiative für das Denkmal für Admira Ismić und Boško Brkić ergriffen, sich von allen Betroffenen das OK geholt, einen Bildhauer gefunden, die bekannte Band Zabranjeno Pušenje an Bord geholt. „Dieser Akt wird ein langjähriges Unrecht wiedergutzumachen“, sagte er damals gegenüber Medien. „Die Geschichte der Liebe von Sarajevos Romeo und Julia ging um die Welt. Auf diese Weise wird sie an dem Ort, an dem sie zu Ende ging, ein dauerhafte Erinnerung erhalten“.
(Mehr über die Ankündigung im Jahr 2023 lest ihr hier auf Balkan Stories.)
Seitdem kein Pieps von ihm in dieser Angelegenheit.
Die geplante Einweihung des Denkmals im September 2023 wurde elegant vergessen. Schwamm drüber.
Balkan Stories hat per Mail bei Srđan Mandić und der Bezirksvertretung von Sarajevo Centar nachgefragt, ob das Denkmal für Boško und Admira gebaut werden soll, bis wann mit der Fertigstellung zu rechnen ist, und warum es sich bislang verzögert hat.
Bis heute ist keine Antwort eingetroffen.
Das ist zumindest für Außenstehende irritierend.
Warum Boško und Admira wichtig sind.
Boško und Admira. Wahrscheinlich steht niemand so sehr für das, was man als die Seele Sarajevos bezeichnen könnte wie dieses Liebespaar, das auf der Flucht aus der belagerten Stadt erschossen wurde. Beide wurden nur 23 Jahre alt.
Boško war sofort tot. Admira kroch schwer verletzt in die Arme ihres toten Freundes. Sie starb 15 Minuten später. Ihre Leichname lagen acht Tage lang auf der Brücke.
Wegen Scharfschützen auf der anderen Seite konnte sie niemand bergen.
Ein Foto des amerikanischen Fotografen Mark H. Milstein mit den beiden Toten ging damals um die Welt. Es wurde, gemeinsam mit einem Artikel von Kurt Schork, ein Symbol, was Sarajevo sein konnte, was es bis dahin gewesen war, und was zerstört werden sollte.
Seitdem sie 17 waren, waren Boško und Admira ein Paar gewesen. Ein Serbe und eine Bosnjakin. Im Sarajevo der 1980-er völlig normal. Seit dem Krieg gibt es bedeutend weniger so genannte gemischte Paare.
Das ist auch der Grund, warum das Andenken an sie für so viele Bosnier und vor allem für so viele Sarajlije ein echtes Anliegen ist.
Sie stehen für das Sarajevo, das der Krieg vielleicht geschwächt hat, aber das er bis heute nicht getötet hat. Ein Sarajevo, das Vielen wichtig ist. Und vielleicht sogar Alles.
Bosnjakische Nationalist organisieren massiven Widerstand
„Da gibt es massiven Widerstand“, erzählt mir eine Freundin, die gut mit den politischen Verhältnissen in der Stadt vertraut ist. „Seitdem die Pläne für das Denkmal bekannt gegeben wurden, haben die Nationalisten von der SDA auf sozialen Medien dagegen mobilisiert“.
Sie attackierten vor allem Boško. Der sei in Wahrheit Četnik gewesen. Da sei was gewesen im Krieg. Admira sei nur ein unschuldiges Opfer seiner Machenschaften. So schildern mir mehrere Gesprächspartner den Narrativ, den bosnjakische Nationalisten in den vergangenen Jahren in sozialen Medien aufgebaut haben.
Ein anderer Narrativ ist, dass Boško sich während des Krieges mit Hamsterei, Schmuggel und Hehlerei über Wasser gehalten habe. Wie übrigens tausende andere Sarajlije in der belagerten Stadt. Man lese Radio Sarajevo von Tijan Sila. Bei Boško ist nicht einmal klar, inwiefern die Behauptungen zutreffen.
Das hält nicht nur vereinzelt serbische Nationalisten nicht ab, den Vorwurf aufzugreifen, um gegen das Denkmal zu mobilisieren. Vielen serbischen Nationalisten ist Boško ein Verräter. Weder schloss er sich der Armee der Republika Srpska an, um Sarajevo vier Jahre zu belagern oder gar auszulöschen, sondern er harrte – wie zehntausende andere Serben – mit Freunden, Familie und Nachbarn in der belagerten Stadt aus, um der Barbarei zu trotzen. Noch trennte er sich von seiner muslimischen Freundin. Für einen echten Četnik ist das ein No Go.
So substanzlos beide Narrative sind, sie schrecken Leute ab, die das Denkmal für Sarajevos Romeo und Julia unterstützen.
Das scheint der Sinn der Übung zu sein.
Tagespolitik und ein Angriff auf die Seele der Stadt
Den Gegnern des Denkmals geht es meinen Gesprächspartnern zufolge um zwei Dinge: Die bosnjakische klerikalnationalistische Partei SDA hat bis heute nicht verkraftet, dass sie bei den Gemeindewahlen 2022 die Stadt Sarajevo nicht zurückerobern konnte, und ihr vergangene Korruptionsskandale bis heute anhaften. Seit damals setzt sie alles daran, um der gesamtstädtischen und jeder Bezirksregierung das Leben so schwer zu machen wie möglich.
Ironischerweise schließt das mit ein, fallweise auch Proteste gegen Korruption oder das offensichtliche Versagen städtischer Einrichtungen und Behörden zu unterstützen. Die allermeisten der Probleme gehen auf die Regierungszeit der SDA in Sarajevo zurück.
Boško und Admira sind in diesem tagespolitischen Spiel allenfalls Bauernopfer. Sie sind es weniger im Kampf der SDA gegen die Seele Sarajevos.
„Der Gedanke, dass Sarajevo eine offene Stadt ist, eine multiethnische und multireligiöse, der soll nachhaltig zerstört werden. Das hat einen gewissen Erfolg. Wenn nicht einmal diese vergleichsweise liberale Stadtpolitik das umsetzen kann, wie wird es dann erst nach den nächsten Wahlen“, zeigt sich eine Freundin von mir in einer ausführlichen privaten Unterhaltung über das Denkmal besorgt.
Das erklärt auch, warum sich so mancher serbische Nationalist der Kampagne gegen das Denkmal angeschlossen hat. Ungeachtet der Tatsache, dass ethnische Serben deren Hauptopfer sind.
Auch wenn Sarajevo ganz überwiegend eine erstaunlich offene und tolerante Stadt geblieben ist, und muslimische – oder andere – Nationalisten eine kleine Minderheit sind: Sie sind organisiert, und sie sind zahlreich genug, um Nicht-Muslime immer wieder daran zu erinnern, wer aus Sicht der muslimischen Nationalisten das Sagen hat.
Es wäre eine starke Übertreibung, von einem antiserbischen Klima in Sarajevo zu sprechen. Aber Aktionen, die gegen ethnisch serbische Sarajlije gerichtet sind, sind zahlreich genug, um ein ständiges Ärgernis und eine ständige Bedrohung zu sein.
„Ich wurde nicht nur einmal als Četnik beschimpft, und gelegentlich musste ich mich körperlich gegen Übergriffe wehren“, sagt mir ein Freund. Er entstammt einer „gemischten“ katholisch-orthodoxen Ehe, gilt rechtlich als ethnischer Serbe. Sein Vater, ein christlich-orthodoxer Sarajlija, fiel als Soldat der Armee der Republik Bosnien und Hercegovina bei der Verteidigung seiner Heimatstadt.
Sarajevo mag überwiegend eine erstaunlich offene und tolerante Stadt geblieben sein, die Feinde dieser Seele der Stadt mögen nach wie vor eine kleine Minderheit sein. Nur, seit dem Krieg sind sie zahlreich und organisiert genug, um aktiv die Offenheit der Stadt und ihren multiethnischen und multireligiösen Charakter zu bekämpfen. Dass das meistens bosnjakische Nationalisten sind, versteht sich von selbst.

Auf dieser Ebene besorgen sie das gleiche Geschäft, das die Armee der Republika Srpska zum Ziel hatte, als sie Sarajevo 1.425 Tage lang belagerte.
Offensichtlich betreibt es diese Minderheit erfolgreich genug, um selbst Politiker einknicken zu lassen, die angetreten sind, um die Seele Sarajevos gegen ihre Feinde zu verteidigen.
Noch lebt sie, die Seele Sarajevos. Noch ist sie nicht verloren. Aber mutigere Verteidiger könnte sie gebrauchen.
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