Ein kleines Bergabenteuer am Trebević bei Sarajevo hat die schönen Seiten des Balkan gezeigt: Hier lassen einen die Menschen nicht so leicht im Stich. Ohne Einheimische wäre die Sache vielleicht nicht so nett ausgegangen.

Ich weiß nur, ich muss bergab gehen.

Nur, wo?

Wo gibt’s Pfade, auf denen ich mir nicht die Knöchel breche?

Ich stehe am Trebević auf halber Strecke zwischen der Bergstation und Sarajevo.

Die Gondeln der Seilbahn bringen in der Ferne Menschen rauf und runter.

Vor mir Ruinen.

Die Häuser sind im Krieg zerschossen worden.

Hier war Frontlinie.

Heute dienen die Häuser Künstlern der Gegend als Fläche für ihre Wandgemälde.

Die Sonne brennt herunter.

Zwei Männer schauen den Gondeln aus der Entfernung zu.

Einen kriege ich vor Linse. Ein nettes Bild, finde ich.

Löst nur mein Problem nicht. Ich hab nur eine vage Vorstellung, wo ich hier am besten wieder in die Stadt komme.

Jugendliche haben die Hinweisschilder teilweise unkenntlich gemacht, die den Weg von der Olympischen Bob-Bahn herab weisen sollen.

Meine Retter

Ich spreche die Unbekannten an.

Einer der beiden ist augenscheinlich etwas jünger als ich, der andere etwas älter.

„Ach, weißt du, wir wollten sowieso runter. Komm einfach mit. Das hier ist der schnellste Weg“, sagt der Ältere.

„Was, du hast gar kein Wasser dabei“, fragt der Jüngere.

Ich hatte nicht vor, zu Fuß herunterzugehen. In der Talstation hab ich mir das für Touristen schwer überteuerte Tour-Retourticket gekauft.

Die berühmte Bob-Strecke hat sich als etwas länger herausgestellt als ich vermutet hatte.

Da dachte ich mir: Ach was, geh gleich zu Fuß. Schadet ganz bestimmt nicht.

Es wird steil

Der Ältere vor, der Jüngere hinter mir gehen wir einen immer engeren und steileren Pfad hinab.

Mittelgroße Steine und Wurzeln ragen aus dem ausgetretenen Teil.

Bergweg eben.

Dann zwängen wir uns durch Büsche und geraten auf auf ein vielleicht 20 Zentimeter breites, steiles Stück.

Der Regen hat es ausgewaschen. Von Menschen ist das nicht geschaffen worden.

Der Ältere gibt das Tempo vor.

Ein flacheres Stück.

Kurze Pause.

Der Jüngere und ich keuchen ein wenig. Der Schweiß fließt uns in Strömen herab.

Die perfekte Zwetschke

Es hat gut 30 Grad, wir sind am Berg und Idealfigur haben wir nicht gerade.

„Magst du Zwetschken?“, fragt mich der Ältere.

„Ja, aber sicher. Ich liebe Zwetschken“.

Er greift in sein Sackerl und gibt mir eine.

Saftig, süß, reif.

„Ich mag Zwetschken in jeder Form. So, als Rakija oder als Knödel“.

„Ach, knedle“, sagt der Jüngere. Es scheint, als schwinge Sehnsucht mit.

Der Weg wird nicht flacher und breiter.

Es wundert mich, dass ich Schritt halten kann.

„Dort oben, das war prva linija“, sagt mir der Ältere. Front.

„Das eine Haus, das hat einer serbischen Frau gehört. Kaputt. Krieg ist immer schlecht.“

„Heute ist kein Krieg. Aber besser ist es auch nicht. Unsere Politiker – Katastrophe. Die stehlen alle. Wie ist es bei euch?“

Das Reden fällt ein wenig schwer

Mein Gehirn ist vor allem damit beschäftigt, das steile Minibachbett zu verarbeiten.

Ich will weder ausrutschen noch hinfallen.

Anders als die zwei bin ich solche Strecken nicht gewohnt.

In dieser Anstrengung versuche ich, mit meinen begrenzten Kenntnissen der Landessprache zu vermitteln, dass unsere Politik nicht so toll ist aber um Lichtjahre besser als in Bosnien.

Das wäre schon in einer angenehmeren Situation nicht so einfach.

Irgendwie kriegen wir das hin.

Rückkehr in die Zivilisation

Wir nähern uns den ersten Häusern.

Eine Garage wirkt wie eine improvisierte Autowerkstatt. Einige Leute stehen drum herum, reden und machen sich an einem Auto zu schaffen.

Ein mittelgroßer Hund schaut uns interessiert an. Er bellt ein wenig.

Einer der Männer verscheucht ihn.

Der Jüngere gibt mir eine Zwetschke.

Der Ältere unterhält sich kurz mit den Männern rund um die Garage.

Eine alte Frau grüßt aus dem Nachbarhaus. Im Garten hängt Wäsche zum Trocknen.

Ein Mädchen im Teenager-Alter spielt mit dem Hund, den der Mann vorher verscheucht hat.

Ein paar Häuser weiter lehnen wir uns gegen ein Geländer.

Jetzt erst krieg ich ein wenig Durst.

Wir stellen uns einander vor

„Du hast wirklich gut mitgehalten. Toll“, sagt der Ältere und deutet auf meine Waden.

Dem Jüngeren rinnt der Schweiß noch mehr runter als mir.

„Ich heiße übrigens Christoph“, sage ich.

„Dževad“, sagt der Ältere.

Der Jüngere stellt sich als Izmir vor.

„Da unten, da ist die Stadt“, meint Dževad. „Wir gehen noch ein Stückchen mit, das liegt am Heimweg“.

An der nächsten Kreuzung habe ich gerade noch genug Zeit, von den beiden Fotos zu machen.

Ich kann sie nicht mal mehr auf einen Kaffee einladen, so schnell sind sie weg.

Nicht ohne mich vorher noch an ein junges Paar übergeben zu haben.

Die begleiten mich noch ein wenig herunter.

„Ach, du bist öfter hier“, sagt die junge Frau. „Dann gefällt dir sicher unser Essen“.

„Ja, klar.“

„Weißt du“, sagt er, „die Leute, die hierherkommen fragen uns immer: Wie könnt ihr bei eurem Essen nur so schlank bleiben? Na, wir leben in den Bergen und gehen dauernd rauf und runter.“

Die zwei stellen sich mir als Amra und Amar vor.

„So, und hier einfach nur bergab, dann kommst du ins Stadtzentrum. Gar nicht zu verfehlen“.

Gut, das hätte ich auch alleine zielsicher geschafft. Trotzdem, gut zu wissen, dass sich jemand Sorgen macht.

Alleine gelassen wirst du in dieser Weltgegend nicht leicht.

So hilfsbereit sind die Menschen zuhause nicht unbedingt.

Diese Hilfsbereitschaft ist eines der Dinge, die man vom Balkan lernen kann. Und aus meiner Sicht auch sollte.