Strand an der albanischen Adriaküste mit Badegästen, Sonnenschirmen und Badeliegen.

Balkanische Besorgungen: Nicht nur ein Bosnier-Witz.

An einen lebenden Bosnier-Witz erinnert eine Reaktion eines Lesers auf die Geschichte über einen albanischen Strandbetreiber, der offen gestohlene Badeliegen aus Italien verwendet. Bei aller Skurrilität zeigt so manche balkanische Besorgung freilich auch dunkle Aspekte auf.

Seine kulinarischen Vorlieben wird Sreten Vidić aus Bijelina in Bosnien wohl hinterfragt haben, als die griechische Grenzpolizei auf einem Grenzübergang nach Mazedonien unter seinem Autositz nachschaute.

Dort hatte er einen drei Kilo schweren Stein ge- oder versteckt, je nach Interpretation.

Woher der sei, müssen ihn die Polizisten gefragt haben.

Von der Akropolis, muss Sreten ihnen geantwortet haben.

Das, und nur das, erklärte die Schlagzeilen in etlichen Medien im ehemaligen Jugoslawien nach seiner Festnahme. Siehe etwa Novosti, Analitika, RTRS. Die Links hat mir ein aufmerksamer Leser nach meiner Geschichte über Balkanische Besorgungen geschickt.

In Griechenland ist es streng verboten, Steine auszuführen. Sie könnten Überreste antiker Artefakte sein. Wer mit einem Stein aus Griechenland erwischt wird, kann fünf Jahre in Haft gehen. Zumal, wenn es ein drei Kilo schwerer Stein von der Akropolis ist.

An Zeugnisse der antiken Kultur Griechenlands, oder die antike Kultur Griechenlands überhaupt, und an das Ausfuhrverbot für Steine dachte Sreten offenbar nicht, als er des Objekts seiner Begierde ansichtig wurde. „Ich will zuhause Sarma machen, und der Stein ist perfekt, um mit ihm den Deckel des Fasses zu beschweren.“

Wäre es nicht in etlichen Zeitungen gestanden, man würde das für einen typischen Bosnier-Witz halten.

Sollte er nicht „bloß“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden sein, müsste sein unfreiwilliger Urlaub mittlerweile wieder vorbei sein. Bestätigen lässt sich das nicht. Sretens medialer Ruhm verschwand mit seiner Festnahme.

Man kann ja nicht behaupten, dass ein derart großes Maß an Pragmatismus seine komischen Seiten hat.

Wie in gewisser Weise auch die Geschichte eines Strandbetreibers von Kepi i Rodonit an der Adria in Albanien. Der verwendet auf seinem Strandabschnitt offen 350 Badeliegen, die aus dem Freibad Onde Chiare in Reggio Emilia gestohlen wurden. Mit Originalaufschrift.

Oder wie die anderen Beispiele zum Teil höchst legaler aber nicht weniger skurriler balkanischer Besorgungen, über die Balkan Stories Anfang der Woche berichtete.

Eine Art kleiner Robin Hood?

Eine weitere Leserin von Balkan Stories sah in der albanischen Geschichte mit viel Augenzwinkern eine Art Robin Hood-Geschichte: „Wenn man bedenkt, wie der Westen Albanien ausgenommen hat sind die Sonnenschirme nix dagegen“.

Die Aussage ließe sich über alle Staaten und Gesellschaften des Balkan machen. Vor allem die Wirtschaftstreibenden der deutschsprachigen Länder haben in den vergangenen 30 Jahren aberwitzige Vermögen am Balkan verdient und großteils nordwärts transferiert – und stellen die Staaten der Region als faule Bettler dar.

Man denke an die griechische Finanzkrise vor knapp 20 Jahren. Schuldenschnitte hin oder her, die deutsche – und österreichische – Exportindustrie verdienten zuerst kräftig an Griechenland. Als Griechenland seine Schulden wegen der internationalen Finanzkrise nicht mehr bedienen konnte, verdienten langfristig westliche Bankkonzerne prächtig.

Dass griechische Regierungen jeglicher politischer Ausrichtung ihr Schärflein zur damaligen Krise beigetragen hatten – geschenkt.

An Albanien verdienen aktuell vor allem die Italiener und die Österreicher. Das ist für die Bevölkerung noch erträglich. Dass mit Jared Kushner der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump auf die Schnelle Milliarden im Naturschutzgebiet verdienen will, ist es nicht mehr.

Im Vergleich muten die paar hundert Liegestühle am Strand von Kepi i Rodonit kaum erwähnenswert an.

Und man darf hoffen, dass Enrico Cavazzoni versichert ist. Er ist der Eigentümer des Freibads Onde Chiare, aus dem die Liegestühle vor zwei Jahren gestohlen wurden.

Wie balkanische Besorgungen Organisierte Kriminalität und Korruption stärken

Nur, ohne Organisierte Kriminalität wären die Badeliegen nie ans Kepi i Rodonit gelangt. Das ist der dunkle Aspekt an dieser Geschichte.

Ob es der neue und mutmaßlich illegale Besitzer der Badeliegen weiß oder nicht: Die albanische Mafia hat an dieser Geschichte verdient.

Wie generell die illegalen unter den balkanischen Besorgungen mehr oder weniger organisierte kriminelle Strukturen unterstützen.

Es ist nicht so, dass man den regionstypischen Trieb zur pragmatischen Besorgung nicht nachvollziehen könnte. Die Menschen erleben seit mehr als 30 Jahren, dass staatliche Strukturen im besten Fall nicht funktionieren, und im schlimmsten Fall ein offener Selbstbedienungsladen für die mächtigen und reichen Familien der jeweiligen Länder sind.

Das Gesetz existiert nur für die, die es nicht anders leisten können.

Die pragmatische Besorgung behebt so gesehen häufig reale Notstände und ist in den Augen Vieler eine Art Notwehr gegen korrupte Machthaber und die besitzende Klasse.

Nur, in vielen Fällen sind es kriminelle Netzwerke, die diese pragmatischen Besorgungen erst möglich machen. Und wenn es „nur“ der Grenzbeamte ist, der gegen eine kleine finanzielle Aufmerksamkeit dem in Wien lebenden Sohn erlaubt, dem pflegebedürftigen Vater in Stup eine volle Tasche dringend nötiger Medikamente zu bringen.

Häufig sind diese kriminellen Strukturen auch nicht so einfach von den offiziellen korrupten staatlichen Strukturen zu unterscheiden. Viele Akteure spielen auf beiden Seiten mit.

Der Bauunternehmer, der zu günstigen Preisen Baudienstleistungen für Privathäuser auf Basis von Schwarzarbeit anbietet, ist mitunter auch der, der bei öffentlichen Aufträgen bei Baustoffen Kosten spart. Und dann stürzen frisch renovierte Vordächer frisch renovierter Bahnhöfe ein und erschlagen 16 Menschen.

Auch Jared Kushner wird Federn lassen müssen

Das macht die Sache zu einem Teufelskreislauf. Aus dem ist nur schwer herauszukommen.

Und der gelernte wie der gebürtige Balkanese wissen: Die paar kleinen Vorteile der privaten Korruption, die der einfache Mensch ab und zu mal hat, die erkauft man sich um den Preis kaputter Gesundheits- und Verkehrsinfrastruktur, um nur ein paar zu nennen. Es sind die Brosamen, die die korrupten Regierungen der Balkanstaaten ihren Untertanen lassen.

Sollte es jemals Kampf gegen Korruption geben, das wissen der gelernte wie der gebürtige Balkanese, sind die kleinen Vorteile der privaten Korruption die ersten, die abgestellt werden. Dass das weiter oben passiert, beim Kopf des Fisches, ist wesentlich unwahrscheinlicher.

Gleichzeitig kann die offene Korruption der politischen und wirtschaftlichen Machthaber in der Region nur beendet werden, wenn es nirgends Toleranz für Korruption gibt. Wenn Gesetze auf einmal für alle gelten.

Wenn etwa Jared Kushner seine Baugenehmigungen für Naturschutzgebiete in Albanien verliert und der Strandabschnittsbetreiber von Kepi i Rodonit die gestohlenen Badeliegen zurückgeben muss.

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