Am Montag jährt sich der Mord an David Dragičević in Banja Luka zum sechsten Mal. Aufgeklärt ist er bis heute nicht. Der 21-jährige Student ist längst zum Symbol für Korruption und Behördenversagen in Bosnien geworden – allen Versuchen zum Trotz, die einzuschüchtern, die für Gerechtigkeit für David kämpfen.
Auch an diesem Jahrestag wird die Protestbewegung Pravda za Davida den Verantwortlichen in der Republika Srpska (RS) keine Ruhe lassen. Zu Mittag hat die Bürgerbewegung eine Demonstration vor dem Präsidentenpalast im Regierungssitz des serbisch dominierten bosnischen Teilstaates angekündigt.
Wie viele Menschen kommen werden, ist unklar. Dennoch ist klar, dass die Zeiten, in denen Pravda za Davida und die ähnlich gelagerte Protestbewegung Pravda za Dženana aus Sarajevo bei solchen Gelegenheiten Zehntausende auf die Straße brachten, vorbei ist.
Die Regierung der RS ließ die Protestbewegung auseinanderknüppeln. Leute, die entweder den Ermittlungsbehörden oder der regierenden nationalistischen Partei SNSD nahestehen, versuchten die Anführer der Bewegung wie Davor Dragičević, Davids Vater, mit Morddrohungen einzuschüchtern.
Andere Aktivisten sahen sich in Banja Luka sozial isoliert, und es gab eine breitflächige Rufmordkampagne, vor allem gegen David.
Ob irgendetwas auf Anordnung des beinahe allmächtigen RS-Präsidenten Milorad Dodik geschah, oder auch nur mit seiner Billigung, lässt sich nicht beweisen.
Aber Pravda za Davida muss heute keine Massenbewegung auf der Straße sein, um den Mord an David in der öffentlichen Erinnerung zu halten, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass der Mord seit sechs Jahren ungeklärt ist, und Druck auf Ermittlungsbehörden zu machen.
Dank Pravda za Davida ist all das so tief im öffentlichen Bewusstsein der Bosnier eingegraben, dass Medien von selbst an der Geschichte dranbleiben und jede aktuelle Entwicklung ausleuchten. Selbst solche, die eigentlich den Machthabern der RS nahestehen.
Längst hat Davor zumindest erreicht, dass die gesamtbosnische Staatsanwaltschaft den Mord an seinem Sohn untersucht und nicht die offensichtlich befangenen Behörden der RS. Das hat bislang nicht zum Durchbruch geführt, aber immerhin kleine Schritte ermöglicht.
Und längst ist Mord an David etwas, an dem auch die SNSD nicht vorbeikommt. Er ist das Einzige, das die Machtposition der serbisch-nationalistischen Partei bedroht.
Um diese Diagnose zu treffen, ist es gleichgültig, welche Theorie man zum Mord an David hat.
Was man über den Mord an David weiß
Fest steht: Am Abend des 18. März 2018 verschwand der beliebte Student David Dragičević. Allen Erkenntnissen nach wurde er vom Trg Krajine im Zentrum von Banja Luka entführt. Sechs Tage später fand man seine Leiche.
Die Polizei versuchte zunächst, den Tod als Unfall mit Bezug zum Drogenmilieu oder als Ergebnis eines drogenbedingten Streits darzustellen. Eine Autopsie im Auftrag von Davids Vater Davor und seiner Mutter Suzana Radanović widerlegten die Darstellungen der Polizei. David, so wurde klar, hatte nichts mit Drogen zu tun, und er war eindeutig Opfer eines Mordes geworden.
Prompt verschwanden wichtige Beweise aus dem Polizeilabor. Dieser Tage müssen sich zwei Kriminaltechniker aus Banja Luka wegen des Verschwindens der Beweise vor Gericht verantworten. Sie hoffen, dass es bis zum 26. März kein Urteil gegen sie gibt. Ab 27. März fällt ihr – mutmaßliches – Verbrechen unter eine absolute Verjährungsfrist unter dem Strafrecht der Republika Srpska. (Details siehe HIER.)
Aktivisten von Pravda za Davida sehen zahlreiche Hinweise, dass hohe Verantwortliche der Regierungspartei SNSD direkt am Mord an an David beteiligt waren.
Die Betroffenen wie die SNSD und RS-Präsident Milorad Dodik haben die Vorwürfe öffentlich stets bestritten.
Am Mord an David wird Milorad Dodiks Vermächtnis gemessen werden
Auch ohne diese Vermutungen lässt sich feststellen: Sie haben aktiv beigetragen, entweder den Mord selbst zu vertuschen – oder die unbestreitbare Tatsache, dass Polizei und Staatsanwaltschaft die Ermittlungen von Beginn an gründlich verschlampten.
Egal wann und wie die Ära Milorad Dodik zu Ende geht – der bislang unaufgeklärte Mord an David wird stets einer der zentralen Parameter sein, an dem man den gelinde gesagt umstrittenen Machthaber der RS messen wird. Gleich wichtig sind allenfalls seine regelmäßigen separatistischen Ausflüge, die den serbischen Nationalismus in Bosnien bedienen und so auch die bosnjakischen und kroatischen Nationalisten stärken und den Staat Bosnien destabilisieren.
Letzte Ruhe fernab der Heimat
Wie bedeutsam der Fall David Dragičević heute in der Öffentlichkeit ist, zeigt sich unter anderem darin, dass vor wenigen Tagen mehrere bosnische Medien daran erinnerten, dass vor fünf Jahren Davids Grab nach Wiener Neustadt umgebettet wurde. (Auch Balkan Stories berichtete damals.)
Aufmerksamkeit für das Jubiläum einer Umbettung ist höchst ungewöhnlich.
Das solle David zumindest im Tod Frieden garantieren, so der Wunsch der Familie. Am Friedhof von Banja Luka sei der nicht gegeben.
Wie berechtigt der Wunsch war, zeigte sich ebenfalls vor wenigen Tagen. Kerzen und Gedenkstücke, die Freunde auf einer Metallplatte über Davids ursprünglichem Grab in Banja Luka hinterlassen hatten, wurden umgestoßen, wie ein Video in der Facebook-Gruppe Pravda za Davida zeigte.
Ungeachtet der politischen Dimensionen ist der Mord zuallererst eine persönliche Tragödie
Unabhängig von allen politischen Dimensionen des Mords an David ist dieser zuallererst eine persönliche Tragödie für seine Freunde und seine Familie.
In diesem Video für den Podcast des kritischen Portals Buka aus Banja Luka schildert Davids Vater Davor seine Erinnerungen an das Verschwinden seines Sohnes, das Auffinden der Leiche und seine Gefühle.
Balkan Stories ist das einzige deutschsprachige Medium, das regelmäßig über neue Entwicklungen in den Mordfällen David Dragičević und Dženan Memić berichtet. Hier könnt ihr die bisherigen Berichte nachlesen und mehr über die Hintergründe erfahren.
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