Rund um den Trg Krajine in Banja Luka herrschen Chaos und Polizeigewalt, seitdem die Polizei seit dem Vormittag versucht, die Protestbewegung Pravda za Davida zu zerschlagen. Als der Platz am Nachmittag geräumt wurde, gab es Verletzte. Mehrere Demoteilnehmer wurden festgenommen. Die Aktivisten lassen sich nicht entmutigen.

Einige hundert Aktivisten der Protestbewegung Pravda za Davida stehen seit dem Nachmittag im Park gegenüber dem Trg Krajine.

„Ich denke, es sind um die 300, aber ich bin schlecht bei solchen Schätzungen“, sagt eine Aktivistin gegenüber Balkan Stories.

Sie will anonym bleiben. Die Frau hat Angst vor Repressalien.

Die scheinen nicht unbegründet.

Am Vormittag nahmen Sonderheiten der Polizei Davor Dragičević und Suzana Radanović fest, die Eltern von David Dragičević.

Der junge Mann war im Frühjahr mitten in Banja Luka entführt und ermordet worden. Bei den Mordermittlungen wurde nach Ansicht der Aktivisten viel vertuscht, vor allem eine mutmaßliche Involvierung der Polizei in den Mord.

Mehrere weitere Aktivisten wurden ebenfalls festgenommen.

(Über die Vorgänge am Vormittag lest ihr HIER mehr.)

Seit dem Vormittag hatten Aktivisten friedlich versucht, den Trg Krajine und das Denkmal für David zurückzuerobern, das die Polizei besetzt hatte.

Polizei setzte Gewalt gegen Demonstranten ein

Gegen 15 Uhr begannen Polizisten einer Spezialeinheit, den Platz zu räumen.

Wie mehrere Videos dokumentieren, gingen sie gewaltsam vor.

Mehrere Demonstranten wurden festgenommen.

„Ich habe selber fünf Festnahmen gesehen“, sagt die anonyme Aktivistin gegenüber Balkan Stories.

„Die Polizei hat zuerst die lautesten Demonstranten festgenommen und dann die Leute, auf die sie selber eingeprügelt hat. Als ob es deren Schuld wäre.“

Es soll auch Verletzte geben.

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Das kritische Portal BUKA spricht von dramatischen Bildern.

Radio Sarajevo berichtet von Chaos.

Der Trg Krajine wurde von allen Spuren der Protestbewegung gesäubert

Das Denkmal für David wurde entfernt, ebenso ein Herz, das Aktivisten von Pravda za Davida auf den Platz gezeichnet hatten.

Die emporgestreckte Faust des Denkmals war zum Symbol für die Bewegung geworden, in der sich mittlerweile Protest gegen die miserablen Lebensbedingungen und das inhärent korrupte und nationalistische politische System in Bosnien und vor allem in der Republika Srpska artikulieren.

Auch der Schriftzug Davidov Trg (Davids Platz), den die Aktivisten vor Monaten auf einem Denkmal am Trg Krajine aufgebracht hatten, existiert nicht mehr.

Die Behörden sprechen davon, dass sie den Platz gesäubert hätten.

Seitdem haben sich die Aktivisten auf den gegenüberliegenden Park zurückgezogen, wo relative Ruhe herrscht.

Solidaritätskundgebungen sollen unterdrückt werden

Im Umfeld dürfte die Polizei versuchen, Solidaritätskundgebungen für Pravda za Davida zu unterdrücken.

Die Protestbewegung genießt landesweite Unterstützung.

(Mehr über die Hintergründe erfahrt ihr HIER.)

Aktivisten hatten die Bürger Banja Lukas und andere Sympathisanten aufgerufen, auf die Straße zu gehen.

Mehrere Gruppen dürften versucht haben, mit Bussen anzureisen.

Nach Angaben von Aktivisten hat die Polizei diese Busse aufgehalten. Balkan Stories kann diese Angaben nicht überprüfen.

Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, dass die Polizisten, die so brutal gegen Demonstranten vorgegangen waren, einer Sondereinheit aus Serbien angehören.

Das hieße, die Regierung des bosnischen Teilstaats Republika Srpska hätte verfassungswidrig Polizeikräfte des Nachbarstaats in Banja Luka eingesetzt.

Einige Aktivisten wollen das am Dialekt erkannt haben, sagt eine zweite Informantin gegenüber Balkan Stories.

In Banja Luka sprechen auch die ethnischen Serben im Allgemeinen ein bosnisches Idiom, das bereits Übergänge ins kroatische Idiom aufweist.

Es unterscheidet sich hörbar vom serbischen Idiom.

Nach Angaben der anonymen Aktivistin wiederum stammt die Vermutung daher, dass der Schriftzug Policija am Rücken der Polizisten kyrillisch gewesen sei.

Eine Bestätigung für die Gerüchte gibt es nicht. Und soweit erkennbar, haben sie die größeren Nachrichtenportale bis jetzt auch nicht aufgegriffen.

Unabhängig davon, ob wahr oder nicht, zeigt die Sache deutlich, wie sehr der nationalistischen Regierung der RS misstraut wird.

Nächste Schritte unklar

Unklar ist, wie es weitergeht. Pravda za Davida hatte eigentlich für 18 Uhr zu einer Protestkundgebung am Trg Krajine aufgerufen.

Diese kann offensichtlich nicht wie geplant stattfinden.

Das hieße aber nicht, dass man den öffentlichen Widerstand gegen die Zerschlagung der Bewegung hinnehmen werde, heißt es von der Bewegung.

Unterdessen wurde bekannt, dass Davor Dragičević heute morgen verletzt wurde, als die Polizei ihn festnahm. Er ist in einem Spital.

Nach Angaben seines Anwalts wird er 30 Tage in Haft bleiben müssen.

Davor war auch Sprecher von Pravda za Davida.

Offizielle Begründung für seine Festnahme: Er gefährde die Sicherheit und habe vor einer Parlamentssitzung der RS vor wenigen Tagen demonstriert und nicht auf Polizeivorladungen in der Causa reagiert.

Kritiker sehen darin eine Racheaktion von Milorad Dodik, dem langjährigen Präsidenten der RS.

Er ist Hauptobjekt der Kritik von Pravda za Davida. Heute ist er Mitglied des gesamtbosnischen Staatspräsidiums. Der Nationalist vertritt dort offiziell die bosnischen Serben.