Četnik-Mützen und Kappen der JNA auf einem Stand am Kalemegdan in Belgrad

Duden verharmlost Četniks

Der Duden verharmlost mit einer seiner Definitionen erneut ein blutiges Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Wie ein Social Media-User aufzeigt, verwendet er eine höchst problematische Definition des Begriffs Četnik. Nicht das erste Mal, dass das Wörterbuch einschlägig auffällt.

Četnik (bzw. transkribiert: Tschetnik):

Angehöriger einer Truppe königstreuer serbischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg

So definierte das renommierteste deutschsprachige Wörterbuch Duden den Begriff zu Redaktionsschluss.

Mit Vereinfachung kann man das nicht mehr erklären.

So falsch, dass es schon wieder lustig ist.

Und angesichts der blutigen Spur der Četniks durch die Geschichte des Zweiten Weltkriegs sehr, sehr ärgerlich.

Verräter, Kollaborateure und Kriegsverbrecher

Die Četniks, angeführt von Draža Mihailović, waren zweifelsohne eine Truppe, bestanden aus Serben, und agierten im Zweiten Weltkrieg.

Soweit der wahre Kern des Eintrags.

Schon über die Behauptung, sie seien königstreu gewesen, könnte man streiten.

Immerhin widersetzte sich Mihailović den Befehlen des jugoslawischen Königs Petar II, sich dem Kommando Titos und damit der Partisanen zu unterstellen.

Partisanen waren die Četniks nicht. Sie waren die jugoslawischen Anti-Partisanen.

Nach einer kurzen Zusammenarbeit mit den antifaschistischen Widerstandskämpfern in der Republik von Užice im Herbst 1941 verrieten die Četniks auf Befehl von Mihailović die Partisanen und halfen den Deutschen, sie aus Serbien zu vertreiben.

Danach bekämpften sie die Deutschen gelegentlich, verhandelten in der Zwischenzeit mit ihnen über mögliche Bündnisse, mit den Italienern machten sie gemeinsame Sache.

Konstant waren sie einzig und alleine in ihrem Kampf gegen die Partisanen. Und darin, vor allem in Ostbosnien muslimische Zivilisten abzuschlachten.

Auf das Konto von Mihailovićs Truppen gehen wohl mehrere zehntausend Morde.

Er hatte auch ausdrücklich ein „ethnisch reines“ Großserbien als Kern eines jugoslawischen Königsreichs als Kriegsziel formuliert – was er erst 1944 widerrief, als die Četniks um ihr Leben rannten.

Bei freundlichster Betrachtung könnte man die Četniks als „Teilzeit-Widerstandskämpfer“ gegen die deutschen Besatzer Jugoslawiens definieren, und als Vollzeit-Partisanenbekämpfer- und Kriegsverbrecher.

Die Definition als „königstreue serbische Partisanen im Zweiten Weltkrieg“ ist so verharmlosend wie sie auf komische Weise absurd ist.

Als der Duden die Ustaša verharmloste

Warum der Duden diese Definition gewählt hat, erschließt sich auf den ersten Blick nicht.

Erklärbar wird es, wenn man die Ustaša-Episode vor einigen Jahren bedenkt.

Damals wurde bekannt, dass der deutsche Verlag eine sehr verharmlosende Definition aus dem Jahr 1974 in seinem Fremdwörterbuch verwendete.

Mehr über die Episode, bei deren Aufdeckung Balkan Stories eine führende Rolle spielte, lest ihr HIER.

Die Redaktion änderte damals den Eintrag so schnell wie möglich.

Die Četniks blieben aus unerfindlichen Gründen unter dem Radar der Öffentlichkeit – trotz der Bemühungen von Social Media Nutzer Siniša Puktalović.

Wahrscheinlich ist, dass auch die aktuell verwendete Begriffsdeutung aus dem Jahr 1974 stammt – oder jedenfalls aus Zeiten, die ähnlich lange zurückliegen.

Wehrmacht(e) die Definitionen?

Dass man die Četniks mit dem Wort „Partisanen“ definiert, legt nahe, dass der Autor entweder keine Ahnung von Geschichte hat oder bei der Wehrmacht war.

Die unterschied in vielen Lageberichten nicht trennscharf zwischen den beiden Gruppierungen.

Als Partisan galt zunächst alles, was bewaffnet durch die Gegend lief.

Erst, wenn es um Gefechte ging oder Soldaten auf identifizierbare Einheiten stieß, machten die Dokumente einen Unterschied.

Etwa, wenn geschildert wird, dass am gleichen Tag eine deutsche Infanteriedivision auf Partisanen traf, soundsoviele tötete, verwundete und gefangen nahm, und sosoundsoviele penibel aufgelistete Waffen beschlagnahmte – und Stunden später auf eine Četnik-Einheit stieß und sosoundsoviele penibel aufgelistete Waffen beschlagnahmte. Von Gefecht keine Rede.

Woran man auch merkt, das Verhältnis Četniks – Deutsche war ein komplizierteres. Man schlug sich und man vertrug sich. Ersteres seltener als Letzteres…

Sollte die aktuelle Duden-Definition von Četnik aus der gleichen Zeit stammen wie die von Ustaša ist es sehr wahrscheinlich, dass damals jemand in der Redaktion saß, der die Welt noch sehr aus den Augen der Besatzer Jugoslawiens sah.

Jedenfalls liest sich der Eintrag so.

Auftrieb für nationalistische Revisionisten in Serbien

Es wäre Zeit, die Definition zu ändern.

Nicht nur, dass sie falsch ist.

Sie gibt auch den revisionistischen Kräften in Serbien ein wenig Auftrieb, die die Četniks als die eigentlichen Befreier Jugoslawiens darstellen, und als größte antifaschistische Bewegung des Zweiten Weltkriegs.

Erst jüngst haben diese Leute wieder ihr Haupt erhoben. Mehr lest ihr HIER.

Das muss man nicht unterstützen.


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