Sarajevo Safari: Erster Verdächtiger gefunden?

Dass die Mailänder Staatsanwaltschaft einen ersten Verdächtigen bei der Sarajevo Safari zum Verhör vorlädt, sorgt auch international für großes Medieninteresse. Die vielleicht wichtigsten Details lassen Medien außerhalb Italiens unter den Tisch fallen.

Am Montag wird ein ehemaliger Lkw-Fahrer aus Venetien dem Mailänder Staatsanwalt Alessandro Gobbis Rede und Antwort stehen müssen. Der Ermittler hat ihn als ersten Verdächtigen in der Causa Sarajevo Safari vorgeladen.

Während der Belagerung von Sarajevo sollen reiche Ausländer gegen Geld von Scharschützenstellungen der Armee der Republika Srpska auf Zivilisten geschossen und eine nicht näher bekannte Zahl Menschen ermordet haben.

Der heute 80-jährige Verdächtige soll in San Vito al Tagliamento geprahlt haben, er habe Jagd auf Menschen gemacht. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Carabinieri vier Pistolen, zwei Gewehre und einen Karabiner.

Er wird des mehrfachen Mordes bzw. Totschlags mit niederen Motiven verdächtigt.

So weit, so übereinstimmend die Berichterstattung internationaler Medien. Hier etwa der Guardian, Al Jazeera und Radio Sarajevo.

Verdächtiger in den 1990-ern laut Ermittlern oft im ehemaligen Jugoslawien, bekannter Rechtsextremer

Was diese Medien auslassen, sind die vielleicht konkretesten Verdachtsmomente. Die dürften sich nicht bis zu den internationalen Agenturen wie Reuters durchgesprochen haben, die die Basis für die Bericht außerhalb Italiens waren. Warum, ist unklar.

Die renommierte Mailänder Zeitung Corriere della Serra berichtet unter Berufung auf Quellen bei den Ermittlern, dass der ehemalige Lkw-Fahrer in den 1990-ern häufig im ehemaligen Jugoslawien gewesen sei. Er werde Gobbis belegen müssen, dass diese Reisen beruflich gewesen sein.

Der Mann ist der Zeitung zufolge auch bekannter Faschist. Er bezeichne sich selbst so, und er trage ein Schwarzhemd. Wie oft letzteres der Fall ist, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Stimmt das, wäre das den Recherchen des italienischen Investigativjournalisten Ezio Gavazzeni zufolge zumindest ein belastendes Detail bei den Ermittlungen. Gavazzeni zufolge waren die Mördertouristen der 1990-er nicht nur wohlhabend. Seine Recherchen hätten ergeben, dass sie häufig Rechtsextreme waren.

Militärgeheimdienst öffnete Archive für Ermittler

Unklar ist, ob Gobbis dem Verdächtigen vorwirft, selbst auf Zivilisten geschossen oder bei der Organisation der Mörderausflüge mitgeholfen zu haben.

Corriere della Serra stieß er auf den Verdächtigen, nachdem sich mehrere Zeugen nach einem Bericht Sarajevo Safari im italienischen Fernsehen gemeldet haben. Sie erinnerten sich an die Prahlerei des heute 80-Jährigen. Wann er in seinem Heimatort mit dem Mord an Zivilisten in Sarajevo geprahlt haben soll, ist nicht klar.

Möglicherweise erhärtet werden die Verdachtsmomente gegen den ehemaligen Lkw-Fahrer durch Akten des italienischen Geheimdienstes AISI, dem früheren SISMI. SISMI hatte 1993 nach einer Anfrage des bosnischen Geheimdienstes ermittelt. Damals sollen die Mördertouren in Triest gestartet haben. Ein Jahr später meldeten die Italiener den bosnischen Kollegen, man habe den Todestourismus beendet.

Zu Anzeigen führte das damals nicht.

Für den ehemaligen Lkw-Fahrer gilt die Unschuldsvermutung.

Buch zur Sarajevo Safari wird im März präsentiert

Parallel zum Bekanntwerden der Hausdurchsuchung forderte der Journalist Gavanezzi am Donnerstag österreichische und deutsche Behörden auf, ebenfalls Ermittlungen einzuleiten. Teilnehmer der Sarajevo Safari seien auch aus Österreich und Deutschland gekommen, sagte er in einem Mediengespräch.

Für ihn kommt unabhängig von seinem jahrelangen Engagement in der Causa die Nachricht von der ersten Einvernahme zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt: Am 17. März wird Gavanezzi sein Buch über seine Recherchen zur Sarajevo Safari präsentieren.

Es werde alle Informationen enthalten, die er der Mailänder Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt habe – und noch einiges mehr.

Man darf gespannt sein.

Balkan Stories wird im Rahmen der Möglichkeiten berichten.

Mehr über die Sarajevo Safari und die jüngsten Ermittlungen könnt ihr hier nachlesen.

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