Die Aufregung um einen Auftritt von Ustaša-Sänger Marko Perković Thompson beim Empang der kroatischen Handballnationalmannschaft spaltet das Land. Die traditionelle rote Hochburg Rijeka zeigt Flagge.
Eindeutiger geht’s nicht als es Aktivisten in Rijeka auf diesem Poster formulieren.
„In Rijeka wissen wir, was war. Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volk“.
Das Poster zeigt Gabriele D’Annunzio, den italienischen Dichter und Nationalisten, den viele als den Urfaschisten sehen. Er hatte 1919 mit einer Miliz die international verwaltete Stadt Fiume besetzt, und wollte sie für Italien annektieren.
In der Stadt errichtete er ein Terrorregime, und etablierte die ersten Formen dessen, was faschistische Ästhetik wurde. Unterstützung für seinen Überfall auf ein unabhängiges Territorium erhiert er einzig von Italiens Faschisten, die sich mit ihren Gewaltorgien erst den Weg an die Macht freiprügelten- und mordeten.
Nach internationalen Verhandlungen um den Status des von Italienern, Kroaten und zahlreichen Minderheiten bewohnten Fiume ließ die italienische Regierung D’Annunzio und seine Schergen mit dem Kriegsschiff Andrea Doria vertreiben.
Fiume heißt heute Rijeka. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Stadt offiziell an Jugoslawien, seit der kroatischen Unabhängigkeitserklärung 1992 ist sie Teil Kroatiens.

Die Figur unter D’Annunzio ist der Ustaša-Sänger Marko Perković Thompson. Das Foto aus dem Jahr 1992 zeigt ihn mit erhobenem rechten Arm. Ustaša, italienische Faschisten und Nazis nutzten die gleiche Geste für ihren offiziellen Gruß.
Thompson bezeichnete sich selbst in der Vergangenheit als Ustaša. In seinen Liedern greift er immer wieder auf die Symbole der kroatischen Faschisten zurück. Ein Lied enthält den Ustaša-Slogan „Za dom spremni“. Viele seiner Texte sind eindeutig nationalistisch.
„Smrt fašizmu, sloboda narodu!“ („Tod dem Faschismus, Freiheit dem Volk“ ) war der offizielle Slogan von Jugoslawiens Partisanen während des Befreiungskampfes gegen die Faschisten im Zweiten Weltkrieg.
Rijeka, Kroatiens rote Hochburg
Rijeka galt auch in Jugoslawien als eine projugoslawische und linke Stadt. Den Ruf haben sich die Bewohner bis heute erhalten.
Das hat nicht nur unschuldige Ursachen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Italiener weitgehend aus der Stadt vertrieben. Ihrer statt siedelten Menschen aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien in Rijeka. Mit dem nationalistischen Konsens im unabhängigen Kroatien wurden sie nie warm.
Bis heute hat Rijeka auch eine der stabilsten und aktivisten antifaschistischen Bewegungen nicht nur in Kroatien sondern im gesamten ehemaligen Jugoslawien. Für die klerikalnationalistische Regierungspartei HDZ und weiter rechts stehende Bewegungen ist sie ein rotes Tuch.

Daraus sollte man nicht schließen, dass Kroatiens rote Hochburg völlig frei von Nationalismus und Neo-Ustaša wäre.
Als ich die Stadt vor mehreren Jahren besuchte, lud mich in einem Cafe ein Gast auf eine Rakija ein. Und spielte mir auf seinem Handy Ustaša-Lieder vor. Offenbar hielt er mich als Österreich für einen sozusagen natürlichen Verbündeten.
Andere Gäste machten mich darauf aufmerksam.
Als gestandenem Antifaschist sind mir NS-Lieder- und Symbole geläufig, ebenso etliche Lieder italienischer Faschisten. Ustaša-Lieder wären für mich bis heute nur im Ausnahmefall als solche erkennbar.
Die anderen Gäste im Cafe gingen auf Distanz zu dem Hercegoviner mit den Ustaša-Lieder. Nachdem ich aufgeklärt worden war, was los war, zahlte ich meine Rechnung und ging so schnell wie möglich.
Neofaschisten gibt es auch in Rijeka. Aber sie sind isolierter als andernorts in Kroatien. Das ist beruhigend.
Die regelmäßigen Eklats um den Ustaša-Barden
Schon im Vorjahr hatte der Auftritt von Thompson beim Empfang der kroatischen Handballnationalmannschaft für einen Eklat gesorgt. Mehr lest ihr hier.
Bei einem Großkonzert Thompsons in Zagreb, ebenfalls in Vorjahr, riefen zehntausende Menschen den Ustaša-Gruß „Za dom spremni“, tausende zeigten den Ustaša-Gruß. Beides ist in Kroatien verboten. Die kroatischen Behörden ignorierten das – im Gegensatz zur österreichischen Polizei. Die leitete Ermittlungen ein, wenngleich unter eher unklaren Voraussetzungen. Warum das nicht nur begrüßenswert ist, lest ihr hier.
Heuer hatte der Zagreber Bürgermeister Tomislav Tomašević den öffentlichen Empfang des Teams untersagt, nachdem bekannt wurde, dass die Mannschaft nachträglich Thompson erneut eingeladen hatte, auf der Bühne zu singen.
Tomislav steht einer linksliberalen Koalition im Zagreber Rathaus vor, und hat sich mehrfach gegen den nationalistischen Konsens und die Verharmlosung von Neofaschismus in Kroatien gestellt.
Die kroatische Nationalregierung genehmigte nach dem Verbot durch die Stadt Zagreb den Empfang der Nationalmannschaft samt Auftritt des Ustaša-Sängers. Ob sie das laut kroatischer Verfassung überhaupt darf, ist umstritten. Die Stadt Zagreb und Kroatiens Antifaschisten sind der Meinung, dass die Regierung mit diesem Schritt die kroatische Verfassung gebrochen hat.
Auf zahlreichen Fotos ist zu sehen, dass Teilnehmer des Empfangs den rechten Arm hoben.
Titelfoto: via Twitter/X, Account von Jahač Apokalipse
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
