Am Montag mussten sich unabhängig voneinander zwei Faschisten aus Österreich und Italien vor dem Gericht bzw. Staatsanwalt verantworten. Beide stehen in enger Verbindung zum Jugoslawienkrieg in den 1990-ern. Einem werden Kriegsverbrechen vorgeworfen.
Schweigend verließ am Montagnachmittag der erste Verdächtige in der Causa Sarajevo Safari die Mailänder Staatsanwaltschaft. Sein Anwalt richtete den zahlreichen Journalisten aus, sein Mandat bestreite, in den 1990-ern Geld gezahlt zu haben, um auf Zivilisten im belagerten Sarajevo zu schießen.
Der heute 80-jährige ehemalige Lkw-Fahrer war damals beruflich viel in Bosnien unterwegs. Er soll damit geprahlt haben, auf Menschenjagd gewesen sein. Laut seinem Anwalt haben Zeugen seine Aussagen übertrieben.
Italienischen Meldungen zufolge bezeichnet sich der Verdächtige selbst als Faschist. Außerhalb Italiens wurde dieser Umstand interessanterweise nicht berichtet, wie Balkan Stories am Wochenende dokumentierte.
In seiner Heimatgemeinde wird auch von Waffenschmuggel gemunkelt, den der Verdächtige in den 1990-ern durchgeführt haben soll.
Neonazi Hansjörg Schimanek soll Söldner auf kroatischer Seite gewesen sein
Knapp 850 Kilometer nordöstlich musste sich ebenfalls am Montag ein weiteres Prachtexemplar des europäischen Rechtsradikalismus juristisch verantworten.
Ein Geschworenengericht befand Hansjörg (HJ) Schimanek Junior in Wien der nationalsozialistischen Wiederbetätigung für schuldig. Er erhielt 18 Monate bedingte Haft. Das Strafausmaß ist nicht rechtskräftig – der Schuldspruch der Geschworenen hingegen schon.
Der so genannte Wahrspruch eines österreichischen Geschworenengerichts – Schuld- oder Freispruch – ist nur unter außergewöhnlichen Umständern aufhebbar.
HJ Schimanek* hatte zuhause eine Menge NS-Devotionalien sichtbar stehen – in propagandistischer Absicht, wie das Landesgericht Wien befand. Letzteres bestritt HJ Schimanek.
1995 war HJ Schimanek zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Gemeinsam mit Gottfried Küssel war er eine führende Figur der neonazistischen terroristischen Gruppe VAPO. Mit Waffenübungen bereiteten sich die Neonazis auf den gewaltsamen Umsturz vor.
Auch HJ Schimanek hat Verbindungen zum Jugoslawienkrieg. 1992 soll er in Kroatien Söldner gewesen sein. Der ehemalige Berufssoldat war schon damals strammer Neonazi.
Ob HJ Schimanek in Kroatien jemals geschossen hat, ist nicht klar. Eine Anzeige gab es nie. Unklar ist auch, ob damals die politische Motivation im Vordergrund stand oder ob er „nur“ Geld verdienen wollte. Sollten die Erkenntnisse zutreffen, sind die damaligen Delikte nach österreichischem Strafrecht verjährt.
Der Kreis neofaschistischer Gewalt schloss sich zumindest für ein paar Stunden
Auch wenn das zeitliche Zusammentreffen Zufall ist: Am Montag schloss sich der Kreis der Gewalt, den Neofaschisten Anfang der 1990-er im ehemaligen Jugoslawien begangen haben (sollen). Zumindest für ein paar Stunden.
Dass deutsche und österreichische Neonazis damals auf kroatischer Seite kämpften, ist ein offenes Geheimnis.
Russische und griechische Rechtsextreme kämpften in serbischen Milizen oder der Armee der Republika Srpska.
Bis heute gibt es Verbindungen zwischen deutschsprachigen Rechtsradikalen und dem Balkan
Historisch gesehen gibt es bis heute eine Verbundenheit zwischen deutschsprachigen Christkonservativen und Neonazis mit dem kroatischen Nationalismus. Griechische und russische Nationalisten fühlen sich eher serbischen Nationalisten verbunden.
In jüngster Vergangenheit gab es hier kleinere Verschiebungen. Deutschsprachige Rechtsradikale können sich für Russland erwärmen. Neonazis aus Österreich und Deutschland kämpfen in der Ukraine auf russischer Seite. (Neonazis aus Tschechien und dem Baltikum kämpfen auf ukrainischer Seite.) Rechtsradikale Parteien wie FPÖ und AfD haben oder hatten bis in jüngste Vergangenheit enge Beziehungen zum russischen Regime, und verfolgen eine Politik, die den Interessen des russischen Regimes entgegenkommt.
Gleichzeitig identifizieren sich deutschsprachige Rechtsradikale immer stärker mit dem serbischen Nationalismus. Neonazis sehen den Völkermord von Srebrenica als Vorbild. Die FPÖ hat enge Verbindungen zum nationalistischen ehemaligen Präsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodik, und seiner Partei SNSD, und unterstützt in wechselndem Ausmaß separatische Ambitionen republikaserbischer Nationalisten.
Eine kleine Gruppe betuchter Menschen soll die Kundschaft der Sarajevo Safari gewesen sein. Laut dem italienischen Investigativjournalisten Ezio Gavazzeni waren es vorwiegend Menschen mit rechtsextremer Einstellung oder Verbindungen zu rechtsextremen Gruppierungen.
Wiewohl bekannt, ist die Verstrickung von Rechtsradikalen in den Jugoslawienkrieg ein weitgehend unerforschtes Thema.
Mehr über die Sarajevo Safari lest ihr im Archiv von Balkan Stories.
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*Der Name Hansjörg Schimaneks wird hier mehrfach abgekürzt, aber vollständig wiedergegeben, um Verwechslungen zu vermeiden. Am 11. März steht sein Bruder Rene Schimanek ebenfalls wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung vor Gericht. Er hatte auf einer Todesanzeige für seinen Vater Hansjörg Schimanek Senior die Irminsul-Rune verwendet. Sie gilt als rechtsradikaler Code. HJ Schimanek juniors Söhne Jörn und Jörg werden sich in Sachsen wegen Bildung der neonazistischen terroristischen Gruppe „Sächsische Separatisten“ verantworten müssen. In Österreich hatten sie laut Staatsanwaltschaft Waffen und Material in Rene Schimaneks Haus bei Langenlois gelagert. Rene Schimanek war auch nach Bekanntwerden der Vorwürfe Büroleiter des Ersten Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz. Der stärkte ihm lange den Rücken. Als der Druck zu groß wurde, trat Rene Schimanek zurück. Bis heute ist er für die FPÖ auch Mitglied der Stadtregierung seiner Heimatstadt Langenlois.
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Danke für den Artikel. 😊
Du solltest bitte zwischen rechtsradikal und rechtsextrem unterscheiden. Faschisten und Nazis sind rechtsextrem, die AfD und die FPÖ sind rechtsextrem.
Rechtsradikal zu sein hingegen bedeutet laut Politikwissenschaften sich noch im Rahmen demokratischer Verfassung zu bewegen.
Initiativen „gegen Rechts“ sind ähnlich zu kritisieren, da mit zu kurzen Slogans die eigentliche Gefahr, nämlich die von der extremen Rechten, verschwimmen kann und man es sich ggf. mit möglichen Verbündeten im Kampf gegen Rechtsextremismus verscherzt.