Kleine Büste von Draža Mihailović auf einem Souvenirstand am Kalemegdan in Belgrad

Ein Museum für einen Verräter

In Beograd ist vergangene Woche ein Museum für Draža Mihailović eröffnet worden, den Četnik-Führer im Zweiten Weltkrieg. Mit der Huldigungsstätte für den Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher erreicht der nationalistische Geschichtsrevisionismus in Serbien einen neuen Höhepunkt.

Sie pilgerten zu Tausenden in die Bregalnička Ulica in Beograd, die Verblendeten, die Manipulierten, die Nationalisten, die Bewunderer der Schande Serbiens.

Und applaudierten den Lügen, die ihnen der Schriftsteller Matija Bećković auftischte, die ihnen der Vorsitzende des Vereins „Naša Drina“ auftischte, eines Nationalistenvereins, der sich als Umweltverein tarnt, die ihnen die Vertreter von Veteranenverbänden aus Serbien und der Republika Srpska auftischten.

So wie diese: „Unter größten Qualen und angesichts des verleumderischern Lynchmordes wiederholte General Mihajlović nur eines, und zwar, dass es unter seinem Kommando niemals, nirgendwo und um jeden Preis eine Zusammenarbeit mit dem Besatzer gegeben habe“.

O-Ton Matija Bećković bei der Eröffnung des Museums für Draža Mihailović vergangene Woche.

Man kann den Verräter und Kriegsverbrecher Mihailović auch nur ehren, wenn man solche Lügen von sich gibt, und wenn man sie glaubt.

Wie man sich „Nicht-Zusammenarbeit“ vorstellen muss

Am 2. November 1941 griffen die Četniks auf direkten Befehl ihres Oberbefehlshabers Mihailovićs das Hauptquartier der Partisanen im vorher gemeinsam befreiten Užice an.

Mihailovićs Truppen halfen den Deutschen und den Italienern, die Partisanen aus Serbien zu vertreiben. Titos Freiheitskämpfer entkamen mit knapper Not nach Bosnien. Beinahe hätte das den antifaschistischen Befreiungskampf damals beendet.

Das war Zusammenarbeit mit dem Besatzer bei der ersten Gelegenheit, die sich ergab.

Und dann das offizielle Bündnis mit den Italienern. Denen halfen die Četniks bei mehr als einer Schlacht gegen die Partisanen.

Waren Mussolinis Truppen keine Besatzer?

Mit den Deutschen war das Verhältnis komplizierter. Bis etwa 1944 betrachteten die Mihailović als Feind – was gelegentliche Zusammenarbeit nicht ausschloss. Und Mihailović nicht davon abhielt, die Nazis ständig um Waffen anzubetteln. 1944 kriegte er sie.

Wenn das keine Zusammenarbeit mit dem Besatzer ist, was ist es dann?

Davon, dass im „Unabhängigen Staat Kroatien“ Četnik-Einheiten ganz offiziell unter dem Kommando der Ustaša kämpften, ganz zu schweigen.

Da ermordeten die Ustaša in Bosnien und Kroatien munter hunderttausende ethnische Serben.

Wenn das keine Zusammenarbeit ist, was ist es dann?

Die Verbrechen der Četniks

Ganz zu schweigen auch von den Verbrechen, die die Četniks in Ostbosnien, der Bosanska Krajina und im Sandžak begingen.

Hier sei auf die Liste verwiesen, die Dragan Bursać in seiner Kolumne für Al Jazeera Balkans erstellt hat.

Nur ein Beispiel sei hier zitiert, die Erinnerungen von Muja Dedović aus Slatina.

„Im Dorf Prijakovići bei Slatina trieben die Četniks Aleksa Đorđević, Mirko Mihajlović, Rade Perišić und Pavle Marić und ihre Bande, 80 Menschen, alle aus demselben Dorf, in zwei Ställe. Einige wurden dort abgeschlachtet, andere zusammen mit den Scheunen bei lebendigem Leibe verbrannt. Davon waren zehn ältere Männer, der Rest waren Frauen und Kinder. Die oben genannten Četniks taten dasselbe im Dorf Prativi, wo sie 25 Menschen im Haus von Omer Cagar in Brand steckten, und im Dorf Lajevci, wo sie 21 abschlachteten. Menschen. Das alles war Anfang Januar 1943 …“

Muja Dedović aus Slatina, zitiert aus einem Artikel auf Al Jazeera Balkans

Und dann die Massaker von Višegrad und Rogatica an der muslimischen Zivilbevölkerung 1943.

Die Četniks ermordeten allein in Višegrad mehr als 2.000 Menschen. Die Zahl der Opfer in Rogatica ist unbekannt.

Das war nach einer der wenigen Schlachten, die sie gegen die Wehrmacht führten.

Die Massaker lagen ganz auf Linie von Mihailovićs Vision von einem ethnisch „reinen“ Staat.

Die gab er erst später auf, als ihm die Kämpfer ausgingen. War alles nicht so gemeint, ließ er die Muslime und Albaner wissen.

Wie sollen dieser Frieden und diese Versöhnung aussehen?

„Dieses Denkmal soll nicht ihm dienen, sondern uns, unserem Frieden und unserer Versöhnung“, schwafelt dann Matija Bećković bei der Eröffnung des Huldigungsorts.

Sollen sich die Bosnjaken, die Sandžaklije, die Albaner, die Partisanen jetzt auch noch entschuldigen, dass sie von den Četniks ermordet wurden?

Dass Bećković der Hauptredner ist, ist für sich eine weitere Skizze aus dem Königreich des Aleksandar.

Er ist Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften.

Der Staat Serbien hat entgegen jeglicher seriöser Geschichtsschreibung 2015 den Verräter Draža Mihailović zum Helden erklärt, zum antifaschistischen Widerstandskämpfer gar.

Ein Naturschutzverein wird missbraucht

Wenig überraschend auch, dass Igor Braunović vom Verein „Naša Drina“ eine derart prominente Rolle bei diesem Museum der Schande spielt.

Er ist Abgeordneter der SPS, der Sozialistischen Partei Serbiens.

Die ist kaum mehr als ein Huldigungsverein für Slobodan Milošević.

Erst im Juni enthüllte Braunović eine zwei Meter hohe Bronzestatue Milošević, die prompt nach Moskau geschickt wurde.

Der vorgebliche Naturschutzverein „Naša Drina“ legte sich bei der Aktion kräftig ins Zeug.

Aus den offiziellen Vereinszielen lassen sich solche Aktivitäten nicht ableiten.

Bei der Eröffnung des Museums der Schande schwang auch Braunović salbungsvolle Worte über Nation, Ehre, Religion und all das.

Man dürfe nicht länger gutheißen, was Mihailović nach dem Zweiten Weltkrieg widerfahren sei, meinte er.

Mihailović war 1946 als Verräter verurteilt und hingerichtet worden.

Man dürfe sich auch nicht zu bringen lassen, „dass wir vergessen, wer und was wir sind“.

Wer und was sie sind, haben diese Herrschaften sehr deutlich gemacht.

Das sollte niemand vergessen, der auch nur einen Funken Anstand im Leib hat.

Genausowenig sollte man vergessen, dass gleichzeitig viele Denkmäler und Erinnerungsstätten an die Partisanen, die einzigen Befreier Jugoslawiens im Zweiten Weltkrieg, im Königreich des Aleksandar verwittern, geschändet oder auch mehr oder weniger diskret umbenannt werden.

Einen Überblick bietet auch hier Dragan Bursać.

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Ein Gedanke zu “Ein Museum für einen Verräter

  1. Hätte man in Jugoslawien diese und die anderen Verbrechen, an die Du immer wieder erinnerst, offen ausgesprochen und aufgeklärt und sich dann um Verzeihung gebeten und entschädigt, anstatt nur den Partisanenkampf zu glorifizieren, gäbe es diesen Staat eventuell noch … Und dann müsste dort auch keine Hochschwangere, egal welcher Nationalität, betteln …

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