Eine Stadt feiert die Kunst

Es ist das größte Comic-Festival im ehemaligen Jugoslawien: Das Hercegnovski Strip Festival. Wer in Europa einen Namen in Comics, Cartoons und Graphic Novels hat, ist hier. Und weiß, warum. Hier feiert eine ganze Stadt eine Kunstform. Reportage.

Spiderman bewacht Herceg Novi vom Uhrturm aus, dem Wahrzeichen der Stadt.

Vielleicht nicht in Fleisch und Blut, aber als lebensgroßes Bild.

Auf der Njegoševa sieht der italienische Comic-Held Zagor nach dem Rechten.

Man findet kaum ein Lokal im Zentrum der montenegrinischen Küstenstadt, das nicht das Programm des Hercegnovski Strip Festival (HSF) aufliegen oder im Schaufenster hängen hat.

Die Stadt hat sich herausgeputzt für das größte Comic-Festival im ehemaligen Jugoslawien.

Comicons mag es auch in Beograd geben oder in Zagreb, mit Cosplay, Autogrammstunden und Promotions.

Dort sollen die Fans kaufen, bis das Geld aus ist.

In Herceg Novi sollen sie den Comic als Kunst feiern, in welcher Gestalt er auch daherkommen mag, können mit Künstlern und Verlegern ohne irgendwelche Barrieren schwärmen, fachsimpeln, Ideen einbringen.

So viele Teilnehmer wie nie

„140 Künstler und Verleger sind diesmal angereist“, zeigt sich Simke stolz. Er ist einer der Freiwilligen im Organisationsteam rund um Nebojša Mandić.

So viele waren es noch nie wie bei der mittlerweile 17. Auflage des HSF.

Sie kommen aus Montenegro, aus den Nachbarstaaten, aus Spanien wie Fernando Dagnino, Italien wie Ester Cardella, und Großbritannien wie Doug Braithwaite und Zoe Thorogood, die mit fünf Nominierungen für den heurigen Eisner Award als DIE Nachwuchshoffnung der Szene gilt.

Da ist auch William Simpson aus Irland. „Ich bin seit sieben Jahren jedes Mal hier“, schwärmt er. „Ich bin verliebt in dieses Festival.“

Noch länger kommt Künstler Midhat Kapetanović aus Sarajevo. „Das HSF Anfang September ist ein Fixpunkt in meinem Kalender“, sagt Mido.

Er schätzt unter anderem den direkten Kontakt zum Publikum wie die öffentlichen Zeichenstunden auf öffentlichen Plätzen.

Direkter Kontakt zu den Fans

Die Zeichnerinnen und Zeichner sitzen auf Tischen und zeichnen, was auch immer Interessierte sich wünschen.

Portraits der Comicfans, Comicfiguren, Märchengestalten, Haustiere. Das Spektrum der Wünsche ist breit.

Mido erregt bei diesen Gelegenheiten immer besondere Aufmerksamkeit. Er malt seine Zeichnungen gerne mit Kaffee aus anstatt mit Tusche.

„Lass es bitte trocknen“, sagt er. „Es wird wahrscheinlich noch ein bisschen nach Kaffee riechen.“

Die Zeichensessions sind durchorganisiert: Die Künstler werden in Teams eingeteilt, die jeweils zwei Stunden an den Tischen sitzen.

Und aus Publikumssicht sind sie wahrscheinlich das Herzstück des HSF.

Teilnehmer werden verwöhnt wie sonst nirgends

Organisator Nebojša Mandić hat sie wie in den vergangenen Jahren strategisch verteilen lassen.

Mal im Stadtzentrum von Herceg Novi, mal am Strand von Igalo, mal auf einer Schifffahrt durch die Bucht von Kotor, die in Tivat endet.

So kriegen die Teilnehmer auch zu sehen, was die Küste von Montenegro im Allgemeinen und Herceg Novi im Speziellen an Schönheiten und Sehenswürdigkeiten zu bieten hat.

Das ist mit ein Grund, warum Künstler und Verleger mittlerweile von sich aus anfragen, ob sie am HSF teilnehmen können.

Was wunder, so verwöhnt wie in Herceg Novi werden sie selten.

Und wohl nur hier kriegen sie einen Rahmen, in dem sie sich so ungezwungen miteinander austauschen können wie hier.

Das schätzt Goran Jovović besonders.

Comics sind hier so populär wie vielleicht in Italien

Im Hauptberuf Ingenieur auf Öltankern ist Goran aus der Nachbarstadt Dubrovnik angehender Comic-Autor.

„Ich arbeite in meiner Freizeit an der Graphic Novel Ragorn, Dämon des Waldes, im Baskenland zur Zeit der Kreuzzüge“, sagt er.

„Beim HSF kann ich meine Entwürfe Anderen zeigen und mit ihnen besprechen. Das ist eine große Hilfe bei der Entwicklung“.

Dass er jemals vom Schreiben von Comics leben kann, glaubt Goran nicht.

Wie die meisten Kunstformen ist Comic für die allermeisten Kunstschaffenden brotlos.

Das gilt besonders auch für das ehemalige Jugoslawien.

Hier lebt eine Handvoll Zeichner, Autoren und Verleger von der Kunst.

Und das, obwohl Comics hier in allen Altersschichten extrem populär sind wie sonst allenfalls in Italien.

Hefte kriegt man an jedem Kiosk, vor allem aus den Serien Zagor, Dylan Dog und Alan Ford.

Nur, auch hier ändern sich die Zeiten.

„Kinder lesen kaum noch Comics“, sagt Goran. „Sie verbringen ihre Zeit mehr auf Smartphones. Comics entdecken sie erst später, als Jugendliche und Erwachsene – oder, wenn Marvel gerade wieder einen Superheldenfilm herausgebracht hat.“

Warum eine ganze Stadt mithilft

Typisch für diese Entwicklung ist etwa Ema. Sie studiert Graphisches Design und ist eine der wenigen Frauen im Organisationsteam des HSF.

„Ich hab erst mit 16 angefangen, Comics zu lesen. Bei mir waren und sind es vor allem Mangas. Vor kurzem habe ich mit Dylan Dog angefangen“.

Seit drei Jahren hilft sie beim HSN aus. Wie alle anderen, Hauptorganisationsleiter Nebojša eingeschlossen, tut sie das unentgeltlich.

„Hier hab ich die Chance, die Künstler vorab und privat zu treffen. Wo hast du das sonst?“

Außerdem, sagt Ema, ist die Atmopshäre hier sehr entspannt.

„Ja, während der sechs Tage des Festivals ist es sehr stressig. Aber es ist nicht so schwer, wenn du gute Leute um dich hast“.

Ein Gegenbeispiel zur These, dass Kinder keine Comics mehr lesen, ist Maksim.

Mit 14 ist er der jüngste Freiwillige beim HSF. Angefangen hat er mit 11.

„Ich liebe Zagor“, sagt Maksim. „Mein Ziel ist es, alle Hefte zu lesen. Dann probier ich Mangas aus.“

Das ist ein ehrgeiziges Ziel.

Seit 1961 erscheint die Comicserie in Italien, seit 1968 im ehemaligen Jugoslawien.

Wohl um die 400 Abenteuer hat der Held bis heute bestanden. Das jüngste Heft in Italien ist vom Juli 2021.

Veseli Četvrtak, der serbische Herausgeber, und der Verlag Ludens in Kroatien übersetzen nach wie vor Hefte für den Markt im ehemaligen Jugoslawien.

Bis sie nach Montenegro in die Kioske kommen, dauern es meistens, wie Simke erklärt, einer der freiwilligen Organisatoren.

„Wir kriegen hier meistens das, was sie in Serbien nicht nach drei, vier Monaten verkauft haben.“

Dass sich Maksim beim HSF engagiert, seitdem er elf ist, sagt auch viel über die sozialen Beziehungen in der montenegrinischen Kleinstadt aus.

Es ist nicht nur die Liebe zu Comics, sagt Maksim. „Ich mag Nebojša, Jovan (Subotić, einer der Organisatoren, Anm.) und Nikola (Ćurčin, ebenfalls im Organisationsteam). Sie haben mich sehr unterstützt, als ich angefangen habe, zu fotografieren und zu zeichnen.“

In den Ferien und außerhalb der Schule macht er vor allem Naturaufnahmen – die er auch schon auf Fotoplattformen verkauft. „300 Euro hab ich damit im vergangenen Monat verdient“, sagt Maksim stolz.

Sine Kunstlehrerin ist übrigens Emas Mutter.

Es ist dieser enge soziale Zusammenhalt, der das Festival trägt und es zu dem macht, was es ist.

Eine ganze Stadt packt hier mit an.

Hier geht’s nicht ums Geld. Es geht um den Spaß

Natürlich geht es für viele auch darum, dass das HSF hervorragende Werbung für Herceg Novi ist.

So reisen mittlerweile nicht mehr nur Künstler und Verleger aus ganz Europa an, auch manche Fans tun das.

Dieses ältere Ehepaar aus der Bretagne etwa ist heuer zum zweiten Mal hier.

Anfang September ist das HSF der Höhepunkt, mit dem die Touristensaison zu Ende geht.

Dazu gehört das nahezu bombastische Rahmenprogramm. Das Eröffnungskonzert etwa gab Zoster. Eintritt kostenlos – wie bei allen Veranstaltungen des Festivals.

Aber vor allem geht es darum, gemeinsam eine Kunstform zu feiern, die in diesem Teil der Welt extrem beliebt ist.

Die Menschen von Herceg Novi haben sich selbst einen Rahmen geschaffen, in dem sie das tun können, wie wohl nirgends sonst.

Und so bekommen sie diesmal eine Weltpremiere: Die ersten Drucke von Fernando Dagninos neuem Buch „Die Winterkönigin“.

Erst zwei Tage zuvor war es in Spanien präsentiert worden – allerdings nur elektronisch.

Zur Ausstellung in der Galerie Sue Ryder kommen die Menschen aus der Stadt aus buchstäblich allen Altersgruppen.

Ebenso wie zu einer Ausstellung in der Stadtgalerie mit den Werken der heurigen Sondergäste des Festivals.

80-Jährige, die zu Comics-Ausstellungen gehen, das sieht man selten.

In Herceg Novi ist es das Normalste der Welt.

Anders als bei Comicons wird hier niemand reich. Aber dank Sponsoren trägt sich die Veranstaltung finanziell selbst.

Auch das trägt wahrscheinlich dazu bei, dass die ganze Stadt das Hercegnovski Strip Festival begeistert mitträgt.

Und es erlaubt etwas, das man einer durchkommerzialisierten Welt nur mehr selten findet: Dass Kunst um ihrer selbst willen gefeiert wird.


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