Ein Strandbetreiber in Albanien verwendet offen hunderte Sonnenliegen, die in Italien geklaut wurden. Die Polizei tut jahrelang nichts. Warum das nicht überraschen sollte, lest ihr hier.
Seit zwei Jahren stehen 350 Sonnenliegen des Schwimmbads Onde Chiare in Reggio Emilia in Italien auf dem Strand von Kepi i Rodonit an der Adria in Albanien. Mit Originalbeschriftung.
2024 wurden sie aus dem Freibad gestohlen, schreiben mittlerweile auch internationale Medien. Der Wert beträgt laut Enrico Cavazzoni um die 45.000 Euro. Er ist der Besitzer von Onde Chiare.
Cavazzoni weiß seit kurz nach dem Diebstahl, wo seine Liegestühle sind. Einer Touristin war in Albanien der markante Schriftzug aufgefallen. Sie kannte ihn von einem früheren Besuch in Reggio Emilia, fotografierte die Strandmöbel und informierte Cavazzoni.
Der erstattete Anzeige, in Italien wie Albanien. Er beauftragte auch einen albanischen Anwalt, die Liegestühle zurückzuholen. Kurz: Er machte, was ein EU-Mensch in seinem tief eingeprägten Glauben an den Rechtsstaat so tut, und hofft seitdem, dass es hilft.
Der albanischen Polizei scheint die Sache kein sehr dringliches Anliegen zu sein. Auch albanische Gerichte scheinen sich nicht in der Anstrengung zu überbieten, Cavazzoni seine 350 Liegestühle zurückschicken zu lassen.
Das eigentlich Spektakuläre an der Sache ist, dass sie es in internationale Medien geschafft hat.
Beziehungsweise, dass sich eine Touristin über einen italienischen Schriftzug auf Strandmöbeln in Albanien gewundert hat.
Solche Dinge sind für den geborenen Balkanesen ein ebenso alltäglicher Anblick wie für den gelernten.
Da findest du schon mal ganze Garnituren Einkaufswagerl österreichischer und deutscher Drogerie- und Supermarktketten in bosnischen Supermärkten, mit Originalbeklebung auf den Lenkstangen.
Nicht unwahrscheinlich, dass jemand die entsorgungsreifen Wagerl nicht auf die Altstoffverwertung gebracht hat sondern umstandslos hierher.
Ebenso möglich, dass Handelsketten aus dem Norden alten Krempel zu Schleuderpreisen nach unten verkaufen, und sich so die Entsorgungskosten sparen.
Man lächelt, wenn man so was erkennt, und macht weiter wie bisher.
Oder die zahlreichen Sonnenschirme mit Aufdrucken österreichischer und deutscher Biermarken von Novi Pazar bis Bihać. Die Plastikaschenbecher von Almdudler am Busbahnhof von Zenica: „Kräuter sind nicht nur zum Rauchen da“. Das Foto ist leider verschwunden. Auf den Busbahnhof von Zenica kommen wir alsbald zurück.
Werbgeschenke? Restposten? Vom Lastwagen gefallen?
Werbegeschenke? Reststücke aufgelassener Cafes oder Gasthäuser? Vom Lastwagen gefallen? Also die Sonnenschirme und Aschenbecher, nicht der Busbahnhof von Zenica, so trostlos er auch aussehen mag.
Lieferautos deutscher und österreichischer Firmen, die mit Originalbeklebung und lokalen Kennzeichen in der ganzen Region fahren.
Hier etwa eine mehrfach interessante Sichtung in Lezhë in Nordalbanien. Das ist etwa eine Autostunde nördlich vom Fundort der gestohlenen Badeliegen. Die örtliche Nähe ist kein Beleg, dass dieser Mercedes-Kleinbus nicht auf legalem Weg an die Adriaküste gelangte.

Wahrscheinlich wurde er vor Jahren abgestoßen und landete ganz legal über einen Zwischenhändler in Albanien. Die Albaner, die lieben Mercedes. Bei Klein- und Lieferbussen liegt die Mercedes-Dichte bei ungefähr 100 Prozent.
Ich habe aus Interesse vor einigen Monaten die Firma angeschrieben, für die der Bus ursprünglich im Einsatz war. Ich hätte gerne gewusst, ob sie noch wissen, wie und an wen sie das Auto verkauft haben. Und ob’s ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn sie wissen, dass der noch anderswo im Einsatz ist.
Leider hab ich keine Antwort bekommen.
Oder, etwas kurioser und in umgekehrter Richtung, der Kugelschreiber einer albanischen Lehrergewerkschaft, den ich zufällig in einem Kiosk in Sarajevo gekauft habe. Wie der dort hin gelangt ist, weiß ich bis heute nicht.

Es steigert in der Region nicht das Interesse an fremdländischen Aufschriften, dass viele Busse, Straßenbahnen und Züge gebraucht im deutschsprachigen Raum und in Skandinavien gekauft oder von dort gespendet werden, und mit der Originalbeschriftung weiterfahren.
Hier kommen wir zum Busbahnhof von Zenica in Zentralbosnien zurück.

Ein österreichischer Postbus ist erkennbarerweise auch auf der Linie zwischen Beograd und Ub im Einsatz. Zumindest einer der Fahrer kommt übrigens auch nicht aus Serbien. Wenn man balkanische Gepflogenheit kennt, wird er für den privaten Autobuslinienbetreiber mindestens so billig sein wie der reichlich alte Postbus.
Oder hier in Stolac in der Hercegovina.

Oder warum nicht gleich der Zug auf der einzigen Zuglinie des Kosovo? (Mehr über die abenteuerliche Zugreise dort könnt ihr hier nachlesen.)

Dass die Busse oder die Zuggarnitur gestohlen sind, ist eher unwahrscheinlich. Ganz sicher bin ich mir freilich nicht…
Man besorgt am Balkan eben Dinge, wo und wie man kann.
Ich hätte nicht zuallererst an Diebstahl gedacht
Hätte ich die 350 Liegestühle am Strand von Kepi i Rodonit, ich hätte sie als regionstypisches Kuriosum aus nördlicher Sicht wahrgenommen. Wahrscheinlich hätte ich sie fotografiert, um zu dokumentieren, dass man sich nicht mal die Arbeit gemacht hat, sie neu zu bekleben.
(Andererseits: Warum sollte man ausgerechnet Strandliegen neu bekleben? Man programmiert in der dieser Weltgegend bei Linienbussen noch nicht mal am Display die neuen Routen ein.)
Mein erster Gedanke wäre nicht gewesen, dass sie gestohlen sind.
Sie hätten aus der Pleitemasse eines größeren Betriebs in Italien sein können. Oder das Freibad hätte verkauft worden sein können, und der Neubesitzer wollte radikal umgestalten. Oder der bisherige Besitzer wollte aus anderen Gründen neue Liegestühle.
Das hat sich vielleicht auch der Strandabschnittsbetreiber am Kepi i Rodonit gedacht, der der aktuelle und mutmaßlich illegale Besitzer dieser Strandmöbel ist.
350 Liegestühle stiehlt man nicht spontan und nebenbei aus einem Freibad, und lässt sie nicht auf der nächstbesten Fähre über die Adria nach Albanien bringen. Das ist Organisierte Kriminalität. Derlei soll es geben am Balkan im Allgemeinen, und in Albanien im besonderen.
Wer so einen Diebstahl in Auftrag gibt, ist auch imstande, Papiere zu besorgen, dass er die Badeliegen legal erworben hat. Einem potentiellen Käufer kann die Sache ganz legal erscheinen. Das würde die Sache für den ursprünglichen und legalen Eigentümer etwas kompliziert machen.
Auch das kann erklären, warum die albanische Polizei und albanische Gerichte eher überschaubaren Arbeitseifer in der Sache zeigen.
Korruption ist in Albanien kein völlig unbekanntes Phänomen
Möglich und genauso naheliegend sind andere Erklärungen. Ebenso wie Organisierte Kriminalität ist Korruption in Albanien kein völlig unbekanntes Phänomen. Siehe die Baupläne eines gewissen Jared Kushner.
Sollten die Massenproteste in Albanien Kushners Monstrositäten an der Adriaküste kein vorzeitiges Ende bereiten, würde es übrigens wenig überraschen, wenn die Hotels durchgehend auf Englisch beschriftet wären und nicht auf Albanisch.
In dem Fall könnte man zwingend davon ausgehen, dass Diebstahl vorliegt. An der Natur. Und an der albanischen Öffentlichkeit.
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