Erneut ist ein jüdischer Friedhof Schauplatz einer herbeifantasierten Verschwörung. Diesmal ist es der von Sarajevo, nicht der von Prag. Die angeblichen Verschwörer sind nicht die üblichen Verdächtigen. Wohl aber einer ihrer Urheber. Ein Lokalaugenschein.
Steil geht es hinauf die letzten paar Meter von der Umfahrung Sarajevos zum altehrwürdigen Jüdischen Friedhof.
Die letzte Ruhestätte hunderter jüdischer Sarajlije im Stadtteil Grbavica ist in den Hügel gebaut. Wie praktisch die gesamte Stadt außerhalb des Stadtzentrums im engen Tal der Miljacka.
Es muss das dritte Mal sein, dass ich diesen Weg hinaufgehe. Anders als die ersten beide Male habe ich nicht im Sinn, eines der legendärsten jüdischen Gräber zumindest in Europa mit einem weltweit einzigartigen Grabstein zu besuchen.
Oder jene jüdischen Grabsteine zu sehen, die man in dieser Form nur in Bosnien findet.

Oder das Denkmal für die Opfer der Shoa und des faschistischen Terrors in Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg.
Heute mache ich den Weg für jemanden, von dem ich nie geglaubt hätte, dass ich seinetwegen auf einen Berg steigen würde: Serbiens Präsident Aleksandar Vučić.
Er steht im Zentrum einer Verschwörungstheorie, die den jüdischen Friedhof von Sarajevo zu ihrem Hauptschauplatz auserkoren hat.

Die Mutter aller modernen Verschwörungstheorien
Man fühlt sich unangenehm an die Mutter aller modernen Verschwörungstheorien und antisemitischen Hasskampagnen erinnert. Die erkor Ende des 19. Jahrhunderts einen anderen jüdischen Friedhof zum Schauplatz einer angeblichen Verschwörung die noch finsterer ist als die, deretwegen ich hier oben bin.
Das gar nicht so alte originale Schauermärchen geistert bis heute herum, verhetzt die Menschen. Auch wenn die meisten mittlerweile wissen, dass es auf Plagiaten und Fälschung beruht.
Die Mächtigsten unter den Juden sollen sich der Fantasterei zufolge zu mitternächtlicher Stunde am jüdischen Friedhof in Prag getroffen haben. Dort sollen sie berichtet haben, welche Fortschritte sie bei ihrem Ziel gemacht haben: Die Menschen mit Liberalismus, Demokratie, freien Medien, Kapitalismus und Sozialismus unter ihre Herrschaft zu bringen.
War eine der Usprungsversionen der Schundroman Biarritz aus dem Jahre 1864, steigerte sich das antisemitische Pamphlet durch die folgenden Jahrzehnte mit Plagiaten wie aus der Satire Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu im russischen Zarenreich zum Machwerk aus dem bis heute unrühmlich bekannten Titel „Die Protokolle der Weisen von Zion“.
Das Wort „Weise“ mag einem auch hier oben nicht in den Sinn kommen, wenn man an die angeblichen Protagonisten der Verschwörung am Sarajevoer jüdischen Friedhof denkt. Das freilich kann man keinesfalls als Beweis ihrer Schuld auslegen.
Der Hauptprotagonist dieser Verschwörungstheorie, und damit ihr Hauptopfer, ist Aleksandar Vučić. Einer, den etwa kritische Journalisten und die Mehrzahl aller internationalen politischen Beobachter sonst durchaus nicht über jeglichen Verdacht erhaben sehen, Dinge zu tun, die man mit dem Begriff Verschwörung beschreiben könnte.
Nur an dieser angeblichen Verschwörung ist er unschuldig.
Da mag der kroatische Autor und Journalist Domagoj Margetić behaupten, was er will. Und noch mehr der angebliche Kronzeuge der Verschwörung, Aleksandar Ličanin.
Ličanin behauptet, dass er während des Krieges im Sarajevoer Stadtteil Grbavica gewohnt hat, in der Nähe des jüdischen Friedhofs. Und, etwas weniger umstritten, dass er bei einer Panzereinheit der Armee der Republika Srpska gedient hat, die in Grbavica stationiert war.
Hier will er die serbische Scharfschützenstellung beobachtet haben. Und gesehen haben, wie der damals junge Aleksandar Vučić Ausländer zur Stellung geführt haben soll, damit sie gegen Geld auf Zivilisten im belagerten Sarajevo schießen dürfen. Und, so behauptet Ličanin wiederholt, er will gesehen haben, wie Vučić selbst schoss.
Details wie genaue Daten bleibt er Mal um Mal schuldig.
Praktisch nichts kann der 63-Jährige so gesehen haben, der in Videos so freundlich und rührig wirkt. Und oft ein wenig verwirrt. Letzteres ist vielleicht der ungewohnten Aufmerksamkeit geschuldet, mit der ihn Margetić vor seine Kamera zerrt und tagelang in der ganzen Stadt vorführt.
Es besteht kein Zweifel, dass sich der jüdische Friedhof in den 1990-ern als Scharfschützenstellung eignete. Von hier aus sieht man in große Teile der so genannten Sniper Alley. Vom bosnischen Parlament über das heute Hotel Holiday heißende Holiday Inn mit seiner gelben Fassade bis zur Skenderija hat man ein freies Schussfeld.


Wie ganz Grbavica war der Friedhof Frontlinie. Einschusslöcher auf zahlreichen Grabsteinen zeugen bis heute davon.
Gut möglich, dass von hier Scharfschützen der Republika Srpska auf Zivilisten im belagerten Sarajevo schossen. Gut möglich auch, dass das eine der Stellungen war, die Teil der Sarajevo Safari waren.
Unter diesem Begriff versteht man reiche Ausländer, die gegen Geld Jagd auf Zivilisten in Sarajevo gemacht haben sollen. Während einige Medien das für eine Urban Legend halten, gehen andere davon aus, dass das in Einzelfällen durchaus passiert ist. In Europa ermitteln seit dem Vorjahr mehrere Staatsanwaltschaften in der Causa. 30 Jahre nachdem die Belagerung Sarajevos endete.
Nur, das kann kaum einer der Menschen beobachtet haben, die rund um den Friedhof wohnen. Auch Ličanin nicht. Sollte er je hier oben gewohnt haben.
Wer soll hier nahe genug drangewesen sein, um Schützen zu identifizieren?
Eine Mauer geht um den Friedhof herum. Sie ist nicht hoch. Aber hoch genug, um ein Sichtschutz gegenüber der Straße zu sein. Und gegenüber den meist niedrigeren Häusern rund um den Friedhof.
Mehrstöckig sind nur wenige der Gebäude. Selbst von denen aus lässt sich nicht sehr weit in den Friedhof hineinsehen. Die Straße liegt dazwischen.

Nicht nur ist das Gelände steil. Es sind auch überall Geländekanten, Abhänge, eingefallene Wege, Sträucher.
Selbst wenn man bedankt, dass vor 30 Jahren kaum einer der Bäume stand, kann man an diesen Bildern erahnen, dass der Friedhof abgeschirmter ist als es auf der Landkarte den Anschein haben mag.

Einen guten Überblick über Teile des Geländes hätte man allenfalls von diesem Haus aus. Das wurde sichtbarerweise nach dem Krieg gebaut. Welche Behörde eine Baugenehmigung in dieser Lage erteilt hat, und vor allem warum, will man vielleicht nicht so genau wissen.

Je nachdem, wie gut man sieht, und wie gut man jemanden kennt, kann ein Mensch andere Menschen auf eine Entfernung von 15 bis allenfalls 20 Meter identifizieren. Die höhere Entfernung gilt praktisch nur bei Menschen, die für so etwas ausgebildet sind. Polizisten etwa.
20 Meter ist in etwa auch die Entfernung, in der Menschen eine Unterhaltung in normaler Lautstärke hören können. Wenn es halbwegs windstill ist.
Wer auch immer die Scharfschützen am jüdischen Friedhof von Sarajevo waren – praktisch direkt unter das Fenster oder den Balkon eines der wenigen mehrstöckigen Häuser werden sie sich nicht gelegt haben.
Nur in dem Fall wären sie verlässlich nahe genug gewesen, um sie zu identifizieren.
Geschrien haben werden sie auch nicht.
Was sonst nicht stimmt an Ličanins Aussagen
Diese Einschränkungen gelten unter der Annahme, dass überhaupt irgendeiner der Bewohner dieser Häuser den ganzen Krieg über ausgerechnet in einem der umkämpftesten Stadteile Sarajevos ausgeharrt hat. Und dass überhaupt die Armee der Republika Srpska zuließ, dass in unmittelbarer Umgebung einer wichtigen Beobachtungs- und möglicherweise Gefechts- und Scharfschützenstellung Zivilisten hausen.
Die könnten ja ungebetene Zeugen sein. Und vielleicht denen unten im Tal Signale senden.
So blöd werden die nicht gewesen sein.

Egal, ob die Soldaten der Republika Sprska hier oben Beobachter waren oder Scharfschützen, sie hatten ein großes Interesse, dass sie möglichst unsichtbar waren. Sie wollten auch nicht vom Tal gesehen werden können.
Hätte man sie von unten gesehen, hätten etwa Scharfschützen der Armee der Republik Bosnien und Hercegovina auf sie schießen können. Das will man nach Möglichkeit eher nicht.
Es ist anzunehmen, dass sich serbische Soldaten hier oben zwischen den Grabsteinen oder zwischen Büschen versteckt haben, dass sie die Unebenheiten des Geländes ausgenutzt haben. Vielleicht sogar Tarnvorrichtungen anbrachten.
Das machte sie auch für Menschen schwerer sichtbarer, die aus irgendwelchen Gründen in der Umgebung aufhalten.

So wie den angeblichen Zeugen Aleksandar Ličanin. Egal, ob der Anrainer war, wie manche seiner Aussagen nahelegen, oder Soldat einer Panzereinheit der RS. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er auf 20 Meter an die Scharfschützenstellung herankam – die Maximalentfernung, aus der er wahrgenommen haben könnte, was er wahrgenommen zu haben behauptet.
Und, sollte er ein Soldat einer Panzereinheit gewesen sein, stellen sich fast noch mehr Fragen als wenn er Anrainer gewesen wäre, wie er ursprünglich behauptete.
Hier oben ist es reichlich steil für gepanzerte Fahrzeuge. Am Friedhof wurden sie überhaupt nicht eingesetzt. Ein idealer Parkplatz für gepanzerte Fahrzeuge ist das hier auch nicht. Was hätte eine gepanzerte Einheit an diesem Ort zu tun gehabt? Und vor allem ständig? Oft genug jedenfalls, dass Ličanin die Beobachtungen gemacht haben könnte, die er gemacht zu haben behauptet.
(Dieser kurze Artikel fasst seine sehr vagen Angaben gut zusammen)
Warum hätten auch die Scharfschützen ausgerechnet einen Freiwilligen aus einer Panzereinheit nahe an sie heranlassen sollen, während sie schossen?
Man will keine Leute aus fremden Einheiten nahe bei sich, wenn man über weite Entfernungen auf Menschen schießt. Wenn man auf Soldaten der anderen Seite schießt, stört ein Fremder in der Nähe im besten Fall die Konzentration. Wenn man auf Zivilisten schießt, macht man aus dem Typen einer anderen Einheit einen Zeugen für das eigene Kriegsverbrechen. Will man beides eher nicht.

Die substanzlosen Anschuldigungen gegen Vučić
Nur, Ličanin muss so nahe an die Scharfschützen herangekommen sein, wenn seine Aussagen stimmen sollen. Er behauptet, dass er gesehen hat, wie ein junger TV-Reporter/Propagandist und Aktivist der extremnationalistischen Serbischen Radikalen Partei aus Serbien auf Menschen in Sarajevo schoss: Aleksandar Vučić.
So genau will er das gesehen haben, dass er sich nach 30 Jahren daran erinnert.

Und er will gesehen und gehört haben, dass Vučić einer von denen war, die reiche Ausländer aufs Gelände führten.
Vučić soll Teil der Geheimorganisation in der Rumpf-JNA und der Armee der RS gewesen sein, die die Mord-Reisen für reiche Ausländer organisierten. Behauptet Ličanin.
Wann und wo genau – schmecks.
Andere setzen dem eins drauf, wie Domagoj Margetić. Gestützt auf angebliche Zeugenaussagen wie von Ličanin behauptet er gar, dass „ein gekröntes Haupt“ eines europäischen Staates bei der Sarajevo Safari mitgemacht haben soll.
Bis heute hätten aberhunderte Menschen dichtgehalten, die an diesen Kriegsverbrechen beteiligt waren.
Nicht nur das lässt gelinde gesagt stark zweifeln, dass Vučić irgendeine Verbindung zur Sarajevo Safari hat.

Es gibt keinen Beweis, dass er in den 1990-ern im Krieg in Bosnien auch nur ein Gewehr ausgehändigt bekommen habe – geschweige denn, dass er eines getragen oder gar abgefeuert habe. Und von dem es auch keinen Beweis gibt, dass er jemals eine Scharfschützenausbildung absolviert hätte.
Es gibt keine Beweise, dass er in irgendeiner Weise mit irgendeinem der zahlreichen Kriegsverbrechen in Bosnien zu tun hatte. Ja, noch nicht einmal halbwegs plausible Belege.
Vučić hat auch mehrfach jegliche Beteiligung an Kriegsverbrechen abgestritten, und besonders, dass er irgendetwas mit der Sarajevo Safari zu tun gehabt hätte.
Seine Rolle als Propagandist im Krieg ist politisch aufklärungsbedürftig.
Das ist aber eine ganz andere Ebene. Eine, die strafrechtlich nicht relevant ist.
Nicht die üblichen Verdächtigen einer Verschwörungstheorie. Bei den Urhebern sieht es anders aus
Was Margetić, gestützt auf Ličanin, in die Welt gesetzt hat, ist eine klassische Verschwörungstheorie. Eine, die ausgerechnet wieder auf einem jüdischen Friedhof spielt.
Dass die angeblichen Missetäter diesmal keine Juden sind, ist ein schwacher Trost.
Was diese Verschwörungstheorie außer einem jüdischen Friedhof mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ gemein hat, ist die generelle politische Ausrichtung des Urhebers.

Domagoj Margetić gilt trotz früherer Kritik an Funktionären der klerikalnationalistischen kroatischen Partei HDZ als dem nationalistischen Lager in Kroatien zumindest nahestehend. In einzelnen Fällen thematisierte er auch kroatische Kriegsverbrechen an der serbischen Minderheit in den 1990-ern.
Antisemitische Äußerungen im engeren Sinn sind von ihm nicht bekannt. Dennoch gibt es einige auffällige Aktivitäten und öffentliche Äußerungen.
So hat er unter anderem einen Aufruf mitunterzeichnet, der de facto eine Rehabilitierung von Mile Budak forderte, des Autors der Rassengesetze des Ustaša-Staates NDH. Budak war auch vor der Machtergreifung der Ustaša antisemitischer und antiserbischer Hetzer.
In dem Schreiben, das Balkan Stories vorliegt, wird Budak als tragisch Missverstandener dargestellt, der das Schlimmste verhindert habe, oder es zumindest wollte.
Margetić unterzeichnete den Aufruf als Vorsitzender einer Journalistenvereinigung, von der renommierte Journalisten des Landes weder davor noch danach je etwas gehört hatten.
Hier lest ihr meine bisherige Berichterstattung zum Themenkomplex Sarajevo Safari.
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