Die vielen Geschichten Prishtinas

Mit dem Buch „Prishtina in 53 Buildings“ hat sich der Münchner Verlag Sorry Press nicht nur an eine ausführliche Dokumentation einer der leider weniger beachteten Städte am Balkan herangewagt sondern unternimmt auch den Versuch, die vielen Nuancen in der Geschichte des heutigen Kosovo und vor allem seiner Hauptstadt herauszuarbeiten. Am Freitag ist das Buch erschienen.

Man muss kein Architekturfan sein, um „Prishtina in 53 Buildings“ interessant zu finden – obwohl Filippo Romanos Fotos die Wünsche dieser Lesergruppe wohl kaum unerfüllt lassen.

Man muss noch nicht einmal in Prishtina gewesen sein, um die Welten und Geschichten der Hauptstadt des Kosovo aufnehmen zu wollen, die das jüngste Kind des Münchner Sorry Verlags in diesem Band vorstellt.

Beides hilft beim Einstieg in die Thematik, keine Frage.

Meine beiden kurzen Aufenthalte in der Stadt – und hier vor allem die wunderbare Führung durch die Journalistin Una Hajdari – haben für mich etliche Anknüpfungspunkte für dieses Buch hinterlassen.

Was man als Leser des 304 Seiten starken Buchs mitbringen sollte, ist Interesse für europäische Geschichte und Interesse für die sozialen Probleme und Herausforderungen durch die kapitalistische Restauration in ehemaligen sozialistischen Staaten.

53 Gebäude stellt der Band vor. Jedes als einzelnes Essay, jedes Essay von einer anderem Autorin oder einem anderen Autor.

Hier kommen Sozialwissenschaftlerinnen zu Wort, Schriftsteller, Architekten, aus dem Kosovo, Deutschland, Italien, Frankreich, aus Serbien und so weiter.

So bunt wie die Autorenschaft ist auch der Genre-Mix.

Historische Abrisse finden sich ebenso wie journalistische oder sozialwissenschaftliche Aufarbeitungen, persönliche Erinnerungen ebenso wie der interessante Aufsatz „über „Thus Speaks Batusha’s House“ über einen neuen Komplex an Wohngebäuden am Stadtrand in Ich-Form.

Dieser Essay macht auch die Komplexität der kosovarischen Gegenwart deutlich. Der Komplex wurde ohne Baugenehmigung errichtet.

Die teureren der Wohnungen in diesem illegalen Stadtteil gehören entweder dem reichen Kadri Batusha oder relativ wohlhabenden Mitgliedern der kosovarischen Dijaspora – und stehen leer.

Die Widersprüche einer Stadt

Deutlich überwiegt bei den Darstellungen die Moderne gegenüber dem historischen Prishtina.

Das überrascht nicht. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Prishtina eine relativ kleine Stadt. Prizren mit seiner deutlich größeren – und wie manche sagen: schöneren – Altstadt war lange die Hauptstadt der Provinz Kosovo, wie auch immer deren Grenzen im Lauf der Zeit aussahen.

Foto: (c) Filippo Romano

Erst im sozialistischen Jugoslawien wurde Prishtina zur Großstadt.

So stammt der Großteil der Bausubstanz der Stadt aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das bekannteste Beispiel ist sicher die Nationalbibliothek – der das Buch selbstverständlich ein eigenes Kapitel widmet.

Foto: (c) Filippo Romano

Einen weiteren Essay gibt es zur Rohbauruine der serbisch-orthodoxen Kirche gleich nebenan.

Die beiden Gebäude stehen für die Hoffnungen des sozialistischen Jugoslawien und den blutigen Zerfall des Landes, im Fall der Kirche vor allem dafür, dass der serbische Nationalismus im Kosovo eine der wesentlichen Ursachen für den Zerfall war.

Und da wäre noch das Denkmal für Boro und Ramiz.

Foto: (c) Filippo Romano

Anhand des leerstehenden Marsi-Restaurants zeigt Fitore Isufi Shukriu die Probleme der kapitalistischen Restauration in ehemals sozialistischen Staaten.

Das oktagonale Gebäude war im sozialistischen Jugoslawien eine Filiale einer Supermarktkette in öffentlichem – nicht staatlichen – Eigentum.

1992 wurde daraus das Marsi-Restaurant. Es spielte in der (Parallel-)Politik der Kosovo-Albaner eine wichtige Rolle.

Nach dem Krieg 1999 wurde ein Nachtclub daraus. Danach ein Stripclub.

Seit 2003 steht es leer.

Um die Herausforderungen moderner Stadtplanung geht es in einem Essay der Architektinnen Gresa Kastrati and Flakë Zeneli über die Stiegen von Arbëria.

Es ist manchmal schwer zu glauben, zu welchem Unsinn sich Stadtverwaltungen bei an sich sinnvollen Projekten hinreißen lassen. So wie eben hier.

Beileibe keine Spezialität in Prishtina, noch nicht einmal eine kosovarische oder balkanische.

Deutlich balkanischer ist die Geschichte von Gil Boesch über ein Schweizer Call Center im Stadtzentrum von Prishtina.

Derlei gibt es zahlreiche im gesamten ehemaligen Jugoslawien.

Die Löhne sind in der Region katastrophal niedrig. Wer Arbeitnehmer ausbeuten will, ist hier gut aufgehoben.

Dass ausländische Firmen die Arbeitnehmer in lokalen Call Centers für lokale Verhältnisse in der Regel gut bezahlen, und auch meist gut behandeln, ändert nichts daran, dass sie sich im Vergleich zu mittel- und westeuropäischen Löhnen sehr viel Geld ersparen und genau deswegen hier sind.

Ein buntes und vor allem dichtes Buch

Diese Geschichten machen „Prishtina in 53 Buildings“ zu einem sehr bunten und dichten Buch.

Foto: (c) Filippo Romano

Kritisch könnte man anmerken, dass man vielleicht noch diesem oder jenem Gebäude mehr Aufmerksamkeit hätte widmen können.

Das Denkmal für Brüderlichkeit und Einigkeit etwa hätte aus meiner Sicht mehr Platz vertragen.

Andererseits: Dann hätten Donika Luzhnica and Jonas König anderswo Platz einsparen müssen. Sie haben das Buch herausgegeben.

Das wäre vielleicht auch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Eine Stadt als Mosaik ihrer Gebäude zu präsentieren, ist eine sehr ehrgeizige Aufgabe. Sie kann nie vollständig gelingen.

„Prishtina in 53 Buildings“ kommt dem Gelingen freilich so nah, wie das möglich ist.

„Pristhina in 53 Buildings“ ist seit Freitag beim Sorry Press-Verlag in München für 20 Euro erhältlich.

Titelfoto: Filippo Romano

Prishtina in 53 Buildings

  1. Auflage (Englisch)
    Donika Luzhnica & Jonas König (Hg.)
    304 Seiten
    ISBN 978-3-910265-073

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