Sofija macht die Regeln.

Seit zwei Jahren veröffentlicht Sofija Živković mit ihrem Verlag No Rules Publishing in Serbien und für ganz Ex-Jugoslawien vor allem neue und bislang unbekannte Literatur. Auf Buchmessen hat sie mit ihrem sich noch entwickelnden Programm Aufmerksamkeit erregt. Ein Portrait einer Verlegerin.

Lyrische Prosa, alte und vergessene Schriftsteller, queere Themen, die Übersetzung eines Stadtführers für Wiens Dijaspora aus dem ehemaligen Jugoslawien, Autorinnen und Autoren aus Graz, Wien, Beograd und Korea, Ökonomen und Busfahrer.

Eine inhaltliche rote Linie lässt sich bei den rund zwei Dutzend Büchern nicht ausmachen, die Sofija Živković mit ihrem Verlag No Rules Publishing in Beograd bisher herausgegeben hat.

Gemein haben sie, dass sie zu Unrecht vergessen und ignoriert sind.

„Ich mag Bücher, die kein Mainstream sind, aber gut“, sagt sie im Gespräch mit Balkan Stories. Wir führen es auf Deutsch, in der Sprache ohne Namen und auf Englisch, je nach Bedarf. „Die einzige Regel, nach denen ich Bücher aussuche, ist, dass es keine Regel gibt.“

Was fast ganz stimmt: Konventionelle Literatur darf es nicht sein, lautet die offiziell inexistente geheime und eherne Regel. Bei toten Autoren wird das vielleicht etwas milder gehandhabt.

Ihr ganzes Leben lang hat sie mit Literatur und Sprache zu tun gehabt.

Die polyglotte Sofija war Journalistin, Übersetzerin, Verlagsmitarbeiterin.

2020 wollte sie ihr eigenes Ding machen und Büchern herausgeben, die in kommerzielleren Verlagen meist keine Chance haben.

Die Liebe zum Deutschen und zu Wien

Von Anfang an setzte sie auf einen Mix aus heimischen Autorinnen und Autoren – mit Schwerpunkt Serbien – und auf Übersetzungen. Das Deutsche hat hier seinen besonderen Platz.

Sofija zieht es öfter nach Wien, und wäre da nicht ihr Grätzel Dorćol in Beograd rund um die Bajlonijeva Pijaca, den Ballonmarkt, mit dem sie tief verbunden ist, würde sie wahrscheinlich schon in Neubau oder der Josefstadt leben.

Die Liebe schließt die österreichische Literatur und die nähere und weitere Umgebung Wiens samt groß geratenen Vororten mit ein.

Unter dem Titel „Nijedna Pesma“ etwa ist ein Band mit den Gedichten von Andreas Unterweger bei No Rules erschienen, für eine Übersetzerung von Dietmar Gnedt bemüht sich Sofija gerade um eine Förderung.

Annamarie Schwartzenbach und Matteo Terzaghi aus der Schweiz sind bei ihr ebenso erschienen wie David Millar aus Großbritannien, Vorträge von Jose Luis Borges sollen bald in Sofijas eigener Übersetzung herauskommen.

Ein wenig druckst Sofija, als ich sie frage, was denn ihre Favoriten sind. Eigentlich habe sie alle Bücher sehr gerne herausgebracht.

Und man will ja niemanden durch Nicht-Nennung kränken.

Dann kommt sie doch heraus damit. „Da ist Hanna Gadomskis Novelle Muttersprache, Sappho und andere Geschichten von Rene Vivien oder die GSP Notizen von Nenad Milenković Panić, und Range of Cracks von Nikola Radić zählt auch zu meinen Favoriten. Es ist wirklich schwer, Bücher herauszuheben, aber zu diesen vier habe ich die stärkste emotionale Bindung.“

Der Ein-Frau-Verlag

Sitz des Verlages und Büro ist in Sofijas Wohnung, gleich beim Bitef-Theater und der Bajlonijeva Pijaca.

Am Esszimmertisch liest sie Manuskripte, redigiert Originale und Übersetzungen, übersetzt mal selbst, oder hält ein Zoom-Meeting etwa mit einer serbischstämmigen Koreanisch-Übersetzerin, die in der Schweiz lebt.

Es sei denn, sie ist gerade wieder mal auf einer Buchmesse, auf der Suche nach Lizenzen für interessante Büchern – oder Verlagen, die sich für eines der Werke eines ex-jugoslawischen Autors bei No Rules Publishing in einem der Idiome der Sprache ohne Namen interessieren.

Auch für Buchpräsentationen reist Sofija, und wenn es zwei in Wien und Prag innerhalb von drei Tagen sind. No Rules Publishing ist ein Ein-Frau-Verlag, das macht viel Arbeit – auch wenn der Verlag von einigen anderen Autorinnen und Autoren aus Beograd mitgetragen wird.

Nicht, dass sie nicht gerne reisen würde. Aber anstrengend kann das durchaus werden.

Und da wäre noch ihre eigene Liebe zu Büchern.

Wie sich das für eine Wohnung eine Verlegerin gehört, kann man ein paar in ihren Regalen finden. Unter anderem auch antiquarische Raritäten.

Zwischen Buchmessen und Verlagsarbeit bleibt wenig Zeit für die eigenen Werke.

Sofija schreibt viel, seitdem sie Jugendliche ist. Vor allem Gedichte. Erst vor wenigen Wochen erschien eine ganze Spalte mit ihren Gedichten im Spectrum, der Sonntagsbeilage der österreichischen Tageszeitung die Presse.

Der große Wurf freilich, der ist erst im Fertigwerden.

„Ich schreibe gerade meinen ersten Roman zu Ende“, sagt Sofija. „Da wird es um die Beziehung zweier junger Frauen und ihre gemeinsame Liebe zur Geschichte gehen – vor dem Hintergrund der Bajlonijeva Pijaca und der Beograder Stadtlandschaft.“

Der Markt wird auch titelgebend für das Buch sein, erklärt Sofija.

Das Projekt ist weit gediehen. Als Redakteur greift der bekannte Autor Miloš Živković (keine Verwandtschaft) Sofija unter die Arme.

Fast fertiggeschrieben hat sie einen experimentellen Kurzroman – über den hier nichts Näheres verraten wird. Vielleicht wird der ja mal fertig, und über ungelegte Eier oder beiseitegelegte Manuskripte gackert man nicht.

Das Thema Beograd und seine Geschichte prägt ein weiteres Projekt mit starken autobiographischen Zügen.

Sofija hat die Stadtnotizen ihres Ur-Urgroßvaters entdeckt. Die will sie begleitet von eigenen historischen Essays über die Beograder Geschichte zwischen 1904 und 1920 als Buch herausgeben.

Daneben bereite sie für No Rules noch etwa ein Dutzend Bücher weiterer Autorinnen und Autoren für die Veröffentlichung vor.

Ob sich das alles auszahlt?

„Ich bin mit unseren Verkaufszahlen sehr zufrieden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es ein kleiner Markt ist und wir auch nicht viel Geld in Marketing stecken.“

Literarische Nischen bedienen heißt offenbar nicht zwangsläufig am Hungertuch nagen, sei es als Verlag oder als Autor.

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