Liebe EU, muss das sein?

Die EU-Kommission hat neue Unterrichtsmaterialien für Schulkinder freigegeben. Eine bunte Karte soll das Herzstück der Kampagne sein. Sie offenbart vor allem die Ignoranz der EU gegenüber dem Rest Europas.

Viele bunte Fahnen, viele Bilder mit mehr oder weniger netten und richtigen oder auch falschen Klischees über die Mitgliedsstaaten der EU und ihre Bewohner.

So weit, so nett ist die Karte „United in Diversity“.

Die EU-Kommission hat sie in der Learning Corner der Hauptseite der EU veröffentlicht. Man kann die Karte auch in gedruckter Form bestellen.

Auffällig nicht bunt sind die Flächen der EU-Mitgliedsstaaten.

Dass Serbien, Bosnien, Montenegro, der Kosovo, Albanien und (Nord-)Mazedonien unterschiedliche und unabhängige Staaten sind, wird hier bestenfalls angedeutet.

Hier gibt’s keine Fahnen wie in den EU-Nachbarstaaten.

Lediglich ein Bär trottet über die saftig grüne Fläche.

Das ist immerhin auch etwas.

Er steht gleich unter dem rumänischen Dracula.

Man weiß nicht, ob er vor ihm geflüchtet ist.

Irgendwo in der Vojvodina steht noch eine Brücke unmotiviert herum. Sie könnte die Brücke von Mostar sein.

Über die würden sich vielleicht die Menschen in Novi Sad freuen. Nur haben sie einerseits die Festung Petrovaradin als Wahrzeichen und es wäre andererseits technisch etwas schwierig, eine Steinbrücke mit nur einem Bogen über die Donau zu bauen.

Vielleicht soll’s auch die Beli Most in Vranje sein, die Weiße Brücke. Nur steht die eben auch nicht in der Vojvodina, nicht einmal annähernd.

Gut, die Zagreber Kathedrale steht auf dieser Karte auch in etwa dort, wo Banja Luka ist, und verdeckt gleich mal Nord- und Westbosnien. Ganz nach dem Herzen kroatischer Nationalisten.

Wer sich vielleicht etwas weniger über diese Darstellung freut, ist der bosnisch-serbische Obernationalistenschreier Milorad Dodik. Das ist aber auch schon das einzig Nette, was man über die Balkan-Darstellung dieser Karte sagen kann.

OK, ja und der Bär eben.

Bären sind immer nett. Außer man kommt ihnen zu nahe.

Und ja, ein Häferl Kaffee ist auch noch in Kroatien zu sehen. Der Kaffee im ehemaligen Jugoslawien ist immer hervorragend.

Nicht besser wird es weiter im Osten.

Die Ukraine gehört offenbar laut EU zu Russland. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Man weiß es nicht.

Das Gleiche gilt für Weißrussland und Moldau. Aber dort ist es im Moment nicht ganz so dringend, das eindeutig darzustellen.

Dort führt die russische Armee nicht Krieg.

(Oder, wenn man der russischen Lesart einer Spezialoperation glauben darf, ein paar übermotivierte Hilfspolizisten, die sich auf einem Sonntagsausflug einen Fuhrpark Panzer geschnappt haben.)

Aber, immerhin, in Kiev steht die Kathedrale und in Moskau der Kreml.

Das ist etwas spezifischer als ein Bär.

Was soll sie uns denn zeigen, die Karte?

Die Beschreibung auf der Homepage macht es nicht besser.

„Poster for children showing a map of Europe with little pictures that illustrate some of the national characteristics and traditions of each country. The euro coin next to the country names will help you identify those using the euro.“

Nein, das ist eine Karte der EU, keine Karte Europas. Steht auch auf der Legende der Karte selber.

Auch wenn das vor allem konservative Politiker gerne so darstellen, die EU ist eben nicht ganz Europa.

Wäre das eine Karte Europas, wären die Nicht-EU-Mitgliedsstaaten zumindest einigermaßen gleichberechtigt gezeichnet und man wüsse zumindest, welche Staaten das sind.

Etwas verwirrend auch, dass Kroatien hier nicht als Euro-Staat aufgeführt ist.

Die Karte wurde offenbar im Juni 2022 erstellt. Da war absehbar, dass Kroatien den Euro 2023 einführen würde.

Für das PDF der Karte ist das eher unerheblich. Das ist am 1. Jänner 2023 mit ein paar Handgriffen ausgebessert.

Für gedruckte Versionen ist das eher blöd.

Da druckt man munter bunte und teure Landkarten für Klassenzimmer, von denen man weiß, dass sie in ein paar Monaten veraltet sein werden.

Das scheint nicht der Weisheit letzter Schluss.

So zeigt diese Landkarte vor allem eines: Die Ignoranz der EU gegenüber dem Rest Europas.

Das muss wirklich nicht sein, liebe EU.

4 Gedanken zu “Liebe EU, muss das sein?

  1. Wo Erdkunde eh in Problem ist und bei Befragungen zu Ländern in der EU oder weltweit anscheinend große Unwissenheit herrscht. Auch bei schon längst Erwachsenen.
    Bei dem Portät in Spanien dachte ich an Picasso, da man stets immer nur die gleichen Künstler vorzeigt. Mit etwas Phantasie könnte er tatsächlich gemeint sein …

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