Die verstörende Reportage von Dirk Planert aus Vučjak bei Bihać hat die Situation von Flüchtlingen in Bosnien wieder zum Thema gemacht. Auf der ehemaligen Mülldeponie hausen auf Anweisung bosnischer Behörden 800 Flüchtlinge. Die Zustände sind katastrophal, die Verantwortlichen überfordert. Mit persönlichem Engagement versucht Dirk Planert, die Situation zu lindern. Balkan Stories hat mit dem erfahrenen Reporter und Krisenhelfer gesprochen.

Dein Bericht aus dem Flüchtlingslager hat bei Leserinnen und Lesern dieses Blogs sehr viele Reaktionen ausgelöst. Wie war es bei dir?

Es schreiben mich viele Leute an. Mehrmals am Tag arbeite ich das ab, damit ich noch hinterherkomme. Einer meiner ersten Texte über Vučjak ist über 600 Mal geteilt worden. Das verbreitet sich. Einige fragen wie sie helfen können und wollen selbst losfahren. Die bekommen dann Kontakte und Tipps, soweit ich das kann. Ich bekomme über FB neben logistischen Fragen auch sehr viel Kraft und liebe Worte zugesprochen. Die positiven Nachrichten sind ein schöner Ausgleich zu Nachrichten oder Kommentaren, die eher unschön sind. Es gibt eine Menge in der Flüchtlingshilfe engagierter Bosnier, dann welche mit viel Verständnis für die Situation der „Migranten“ und eben auch welche, die Wut oder sogar Hass empfinden. Einige kritisieren die Hilfe und das Einsetzen für die „Migranten“ mit deftigen Worten. Ich glaube, eine Sache ist ihnen nicht klar: Je mehr vom Thema Bihać/Migranten an die Öffentlichkeit kommt, desto wahrscheinlicher wird es, dass die EU Politik endlich etwas tut, tun muss, etwas das Bihać Entlastung bringt. Es geht einerseits natürlich darum, Flüchtlingen in dieser Notsituation zu helfen, andererseits aber auch darum, das Stadt Bihać geholfen werden muss. In Deutschland zum Beispiel hat niemand mitbekommen, das die Stadt als Brennpunkt der Balkanroute vollkommen allein gelassen wird. Ebenso, das die kroatische Polizei illegale Push Backs durchführt. Es ist doch nur logisch, dass es eskalieren musste. Mit einer Müllhalde konnte man wohl nicht rechnen. Würden die Kritiker diesen Zusammenhang verstehen, würden ihre teilweise heftigen Kommentare möglicherweise verstummen.

Du warst seit der Veröffentlichung sehr aktiv in der Sache: Unter anderem hast du mit der IOM telefoniert, hattest Kontakt zu weiteren Verantwortlichen. Was haben die dir gesagt, und wie beurteilst du deren Reaktionen?

IOM-Chef Peter Van Der Auweraert (International Organization of Migration, eine UN-Behörde, Anm.) hat mich angerufen. Er sagte, er habe Vučjak schon vor dem 14. Juni gesehen und das als Standort abgelehnt. Wegen der Methangase, die dort wegen des Mülls aufsteigen und der Minenfelder in 1 km Entfernung. Er habe den Autoritäten der Stadt drei andere Standorte vorgeschlagen. Ich habe ihn dann gefragt, ob sie nicht wenigsten Sani`s da hochschicken könnten. Sobald die IOM dort irgendetwas mache, sei das wie ein Akzeptieren der Müllhalde als Camp. Das könne er nicht machen. Für das Aufstellen von Containern sei die Feuergefahr zu groß. Die Autoritäten der Stadt würden ihm die Genehmigung für ein weiteres Camp verweigern.

Ich habe die wesentlichen Aussagen des Gespräches, mit OK von Peter Van Der Auweraert, gepostet. Daraufhin meldeten sich der Regierungspräsident des Kantons Mustafa Ruznić und Bürgermeister Surhet Fazlić . Beide kenne ich persönlich. Der Bürgermeister fragte mich, welche drei Grundstücke das sein sollen, die von der IOM vorgeschlagen wurden? Das hatte ich die IOM auch gefragt, aber keine Antwort bekommen. Jetzt habe ich die Frage nach den drei Standorten erneut an den IOM-Chef gestellt. Antwort habe ich noch nicht. Der RP Ruznić schrieb, dass man einem größeren Migrationszentrum im Kanton zustimmen würde, wenn die drei Camps im Stadtgebiet im Gegenzug geschlossen würden. Vučjak sei entstanden, „damit das Zentrum der Stadt Bihać nicht weiterhin ein Ort ständiger Konflikte zwischen Migranten und von Straftaten bleibt“.

Es gibt noch weitere politische Akteure und Verantwortliche, mit denen ich nicht gesprochen habe. Das ist also nur ein Einblick, kein Überblick.  

Das klingt nach einer Situation, wo sich jeder jederzeit auf jemanden anderen ausreden kann und niemand Letztverantwortung übernimmt.

Ja. Niemand scheint sich verantwortlich zu fühlen, die Menschen von dieser Müllhalde runter zu holen. Jeder kann seine Situation logisch nachvollziehbar darstellen kann. Was zu fehlen scheint, ist der Wille zu konstruktiven Gesprächen und zum Kompromiss.

In den Tagen vor dem 14. Juli war Angst in der Bevölkerung entstanden. Es gab Massenschlägereien zwischen „Migranten“ im Stadtgebiet, Einbrüche und eine Messerstecherei direkt am Zaun neben dem Kindergarten. Überall in der Stadt waren junge Männer mit Rucksäcken unterwegs. Väter haben ihre Töchter nicht mehr allein in die Stadt gehen lassen. In den sozialen Medien wurde die Stimmung weiter aufgeheizt. Man sagt, es seien 6000 – 8000 „Migranten“ in der Stadt. Dann ist die Blase am 14. Juli geplatzt, als die Busse an der Wiese neben dem Camp Bira anhielten und mehrere hundert Menschen einsteigen mussten. Endstation Vučjak.  

Dass die EU einfach wegsieht, das ist der Kern des Problems. Das müsste sich zuerst ändern. Am besten sofort. Dann folgt konstruktive Einmischung und Kontrolle des Geldes, das von der EU nach Sarajevo geschickt worden sein soll. Nicht das für Bosnien, das für die Flüchtlinge. Das Problem ist ja nur so groß, weil nichts getan wird. Die EU lässt die Flüchtlinge komplett vor die Wand laufen und zuckt nicht mal mit den Schultern. Die Bürger von Bihać müssen es ausbaden. Bei der Entscheidung Flüchtlinge auf eine Müllhalde zu deportieren und dort abzuladen, endet mein Verständnis. Das geht zu weit. Da müsste ganz Europa aufschreien. Es ist verdammt leise.

Es wundert mich ehrlich gesagt, dass so etwas gerade in Bosnien passiert.

Hat sich etwas getan, seitdem du mit deinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit gegangen bist? Du bekommst ja laufend Informationen aus Bihać.

Nein. Es sollen jetzt acht Toiletten in Vučjak stehen. Das rote Kreuz bringt Essen zweimal am Tag.

Bei Balkan Stories und bei mir persönlich haben sich etliche Menschen gemeldet, die fragen, wie sie helfen können. Was kann ich denen sagen?

Bekannte Bundestags- oder EU Politiker, Medienkontakte, Hilfsorganisationen aktivieren. Das lokale Rote Kreuz hat die Bevölkerung zu Lebensmittelspenden aufgerufen.  Die Ressourcen sind schwach.

Wer direkt etwas tun will: Am besten ist es, die gewachsenen lokalen Strukturen zu unterstützen. Damit meine ich kleine Gruppen, manchmal Einzelpersonen, die eine super Arbeit leisten. Ganz nah an den Menschen, immer da wo es gerade brennt. Zemira Gorinjac in Bihać zum Beispiel. Diese Leute brauchen Unterstützung. Wie, das fragt man am besten sie selbst. Ich habe gerade noch auf meiner Seite ein Post geschrieben, dass sich eben solche Gruppen darunter „verewigen“, damit alle das sehen können. Ich bin dann raus und Kontakte können direkt entstehen. Am besten sind Empfehlungen von Menschen, die solche lokalen Helfer persönlich kennen. Man kann sich auch informieren und selbst losfahren. Ich habe auch erst mit Zemira Gorinjac zusammen die ersten Lebensmittel usw. verteilt und als ich Bescheid wusste, konnte ich dann auch allein los. Also blauäugig losfahren ist uneffektiv. Vorher Kontakte aufbauen und vernünftig planen. Auch wenn man dann plötzlich völlig anders reagieren muss, dann hängt man da nicht in der Luft. Es gibt eine Menge FB-Seiten verschiedener lokaler Gruppen. Die wissen am besten Bescheid.

Eine persönliche Frage: Diese vergangenen zwei Wochen müssen für dich wahnsinnig anstrengend gewesen sein und du hast ja auch angekündigt, Hilfslieferungen auf die Beine zu stellen, politisch Druck zu machen. Gleichzeitig hast du einen Vollzeitjob. Wie hältst du diese doppelte Belastung aus?

Anstrengender ist es für die Jungs und Männer in Vučjak . Das habe ich oft vor Augen.

Hilfslieferung heißt für mich, einen LKW fertig zu machen und nach Bosnien zu fahren. Das mache ich nicht mehr. Ich bin allein mit meinem Auto total flexibel und kann das, was da reinpasst, direkt verteilen. Mit einem LKW würde das nicht gehen. Ich bekomme Geld von ein paar  Leuten und kaufe damit vor Ort ein. Heute siehst Du einen ohne Schuhe, morgen hast Du die passenden dabei. Das funktioniert sehr gut. Demnächst fahre ich noch mal los.

Erschöpft war ich erst nach der Rückkehr. In Vučjak wurde der Empfang jeden Tag vertrauter, ich fühlte mich unter den Menschen immer sicherer. Ich durfte fotografieren wie ich wollte, weil ich meist damit beschäftigt war irgendwas zu verteilen oder Füße zu verbinden. Meine Kamera wurde akzeptiert. Ich habe oft nicht gestanden, sondern mit ihnen im Dreck gesessen. Das macht, glaube ich, eine Menge aus. Da ist auch auf menschlicher Ebene sehr viel passiert. Das ist eine sehr positive Energie.

Während des Krieges war ich mehrmals mit humanitärer Hilfe im damals eingekesselten Bihać. 15 Jahre später schrieb mir eine Frau aus Chicago über Facebook, völlig überraschend: „Ich war ein Kind als ich hinter Euren Lkw`s stand, wenn ihr abgeladen habt. Ihr habt uns gezeigt, dass die Welt da draußen uns nicht vergessen hat“.

Es gibt also immer auch die naive, aber begründete Hoffnung, dass man etwas dabei hat, das man nicht im Lkw oder im Rucksack transportiert. Das ist unsichtbar.

Danke für das Interview.

Titelfoto: Dirk Planert mit Flüchtlingen im Camp. (c) Dino Rekanović

Mehr über die Zustände im Lager könnt ihr HIER nachlesen.

Eine Fotoreportage von Dino Rekanović findet ihr HIER.