Die Märkte am Balkan machen die sozialen Bruchlinien in den Ländern Ex-Jugoslawiens sichtbar. Man muss nur hinsehen. Ganz unten angesiedelt sind Roma. Reportage.

Goca bietet auf der Pijaca Kalenić das, was die modebewussten Beograder lieber im Verborgenen in Anspruch nehmen: Einen kleinen Laden für Gebrauchtkleidung. Oder streng genommen einen Stand.

Es ist im eigentlichen Wortsinn eine Marktnische. Second Hand-Läden für Kleidung sieht man in den Hauptstädten der Region in der Regel nicht einmal in den ärmeren Vierteln.

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Das überrascht. Markenkleidung kostet hier fast so viel wie etwa in Wien. Verdienen tun die Menschen hier einen Bruchteil. Selbst im vergleichsweise reichen Beograd kommt man auf kaum die Hälfte eines österreichischen Durchschnittsgehalts.

Wenn man weiß, wie sehr gerade die jüngeren Serbinnen und Serben gute Kleidung schätzen, kann das Nichtvorhandensein von Second Hand-Läden nur überraschen.

Die Jüngeren wollen einfach nicht gesehen werden, wie so dort einkaufen.

Ein Stand am Rande eines der belebten Märkte ist da viel diskreter. Einer, wie ihn Goca  betreibt.

Irgendwo in der Zeile, wo sich die Ramschhändler tummeln und Elektrogeräte, Kaffeegeschirr oder günstigen Schmuck verkaufen. Wie in Novi Pazar sind es meist Roma.

„Man kann es tun“

Goca ist eine Ausnahme.

„Seit zwei Jahren bin ich hier“, sagt sie mir.

Davor war die ausgebildete Sportlehrerin 20 Jahre lang in einer Anwaltskanzlei. „Die Kanzlei hat zugesperrt und ich hab keinen neuen Arbeitsplatz mehr gefunden.“

Das Ersparte reichte für die Standmiete und ein kleines Warensortiment. „Zuerst dachte ich, die Arbeit wird schwer. Aber man kann es tun“, meint sie.

Auch das frühe Aufstehen sei ihr leichter gefallen als gedacht. Der Markt sperrt um sieben auf. Sie ist immer um sechs da oder früher. „Ich wohne in der Nähe, da geht das.“

Ihre Wohnung ist zugleich ihr Warenlager.

Was ihr bei der Umstellung geholfen hat, ist, dass sie ziemlich fit ist. „Da ist von meiner Zeit als Sportlehrerin geblieben. Heute spiele ich vor allem Handball, um in Form zu bleiben.“

Reich wird sie nicht. Aber sie hofft, genug Geld zusammensparen zu können, um ihre Tochter zu besuchen. „Sie ist bei einer Filmproduktionsfirma in Hollywood.“

„Das gibt es bei euch nicht?“

Ein paar Zeilen weiter kommt Dejan einigermaßen über die Runden, wie er sagt.

Von hier aus kann man die Gemüsestände und die mit Blumen sehen.

Dejan verkauft Putzmittel, Haarshampoos und Deos. Im Westen würde man derlei nur in Supermärkten oder in der Drogerie finden. Am Balkan ist das nicht ungewöhnlich.

„Ach, das habt ihr bei euch nicht“, fragt Dejan leicht amüsiert.

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Er ist seit mehr als 20 Jahren da. So genau weiß er das nicht.

Auch er hat seinen Job verloren und auf der Pijaca Kalenić einen Neustart versucht. Durchaus mit Risiko verbunden.

„Die Monatsmiete für einen Stand ist höher als die Sozialhilfe“, sagt er. Das hätte auch schiefgehen können.

Er lebt davon, dass seine Waren in der Regel billiger sind als in Supermärkten. Er hat zwar nicht die Einkaufspreise großer Ketten. Aber er spart sich die teure Geschäftsmiete.

Dafür muss er jeden Tag hier stehen, auch im Winter. Um halb sechs beginnt er den Stand einzuräumen. Von sieben bis fünf am Nachmittag hat er offen. So wie der restliche Markt.

Am Abend bleibt meist Zeit für ein Fußballmatch. Dejan ist Fan vor allem der Premier League und der deutschen Bundesliga. Und eines örtlichen Clubs.

Ob Crvena Zvezda oder Partizan will er mir nicht verraten. „Sonst kaufen die anderen nicht mehr bei mir“, lacht er.

Jenseits der Zweierlinie

Vermutlich gibt es wenige Orte in der serbischen Hauptstadt, die so für die soziale Trennung der Gesellschaft stehen wie die Skardalija Pijaca.

Der Markt liegt gegenüber dem berühmten Boheme-Viertel. Auf der anderen Seite der Džordža Vašingtona.

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Zwischen der Partymeile und diesem Markt fährt die Straßenbahnlinie Zwei. Sie trennt das bessere Beograd vom proletarischen Beograd. Die Welt der Gutverdienenden von der Welt der Habenichtse.

Auf der Seite des Marktes sind die Häuser schäbiger. Die Straßenlampen rosten vor sich hin.

Auch der Markt ist in einem ärmlicheren Zustand als der Kalenić-Markt.

Wenngleich das Lebensmittelsortiment fast so reichhaltig ist wie dort. Berge frischen Gemüses liegen auf den Verkaufstresen.

Familienbetrieb Gemüsehandel

Meist kommt es aus der Umgebung. Die Händlerinnen und seltener Händler sind häufig Familienangehörige der Gemüsebauern aus den Vorstädten der Hauptstadt.

Die Ware bringen sie täglich mit dem Bus hierher.

So wie Maja, mit der ich am Zeleni Venac gesprochen habe, hatten einige der Standlerinnen hier früher einen meist besser bezahlten Arbeitsplatz.

Als der wegfiel, stiegen sie ins Geschäft der Eltern ein. Die Arbeitszeiten verlangen ihnen alles ab.

Aufstehen um drei oder vier. Samt Gemüse zum Bus, hier sein um halb sechs oder sechs. Nach Geschäftsende um fünf zusammenräumen und mit dem Bus zurück in die Vorstadt.

Ein Interview geben will mir hier keine. Es ist Mittagszeit und der Andrang ist groß.

Nur vor dem Marktzaun ist er das nicht.

Am Rande sind die Roma

Hier stehen und sitzen die, die nicht einmal die fünf Euro Tagesmiete für einen Marktstand aufbringen können.

Meist sind es Roma.

Die Mittagssonne brennt herunter.

Die junge Romni gleich vor dem Hintereingang des Markts hat Glück. Ihr Standort liegt im Schatten.

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Neben sich ausgebreitet hat sie gebrauchte Schuhe und gebrauchte Kleidung und einige angeblich neue Gürtel. Die Ware ist in schlechterem Zustand als das, was Goca am Kalenić-Markt verkauft.

Zum Sitzen hat sie nur einen niedrigen Schemel.

Vor dem Haupteingang schützt ein älteres Roma-Paar sich und seine Blumen vor der Sonne. Sitzgelegenheit ist ein undefierbares Etwas, das mit Klebeband verstärkt wurde.

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Was immer noch besser scheint als der umgedrehte Plastikkübel, den die alte Blumenhändlerin gleich gegenüber hat. Dafür dient ihr der Zaun des Markts als Lehne.

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Die meisten Leute gehen achtlos an ihnen vorüber.

Irgendwie, hofft man, werden sie trotzdem genug Käufer finden, um das Essen zu bezahlen.

Und, so hört man, die Polizei, damit sie sie nicht wegjagt.

Davon, genug Geld zu verdienen, um Kinder zu besuchen, von denen wahrscheinlich welche im Ausland leben, träumen sie wahrscheinlich nicht einmal mehr.