Novi Pazar, die Hauptstadt des Sandžak, ist das größte Outlet-Center für Jeans in Europa. An zwei Tagen die Woche verkaufen hunderte Händler auf einem Freiluftmarkt nahe dem Stadtzentrum Hosen aus Denim und praktisch alles, was sonst unter dem Begriff Kleidung subsumiert wird. Viele sind ehemalige Gastarbeiter aus Deutschland.

„Hast du was in Größe 58?“ Die Pensionistin ist offenbar auf der Suche nach einem Paar Jeans für ihren Mann.

Fadil kramt in einem Stapel Jeans. Sein Stand ist der erste bei der Brücke über den Raška-Kanal in Novi Pazar. Einer der besten Plätze auf der Robna Pijaca, dem Kleidermarkt, der sich hier auf beiden Seiten des Kai erstreckt.

Fadil verpackt ein Paar Jeans Größe 58 in das obligatorische balkanische Plastiksackerl. Müllvermeidung ist keine Priorität in diesem Teil der Welt.

800 Dinar zahlt die Pensionistin für die Jeans. Das sind 6 Euro 50. Wer in Euro zahlt, zahlt leicht drauf. „Jedes Paar kostet hier sieben Euro“, sagt Fadil, überraschenderweise auf Deutsch.

Auf seinem kleinen Stand hat er seit 15 Jahren jeweils Dienstags und Sonntags „alle Modelle in allen Größen“, meint er stolz. Alle kommen aus einer der örtlichen Jeansfabriken und sind Eigenmarken.

Von sieben in der Früh bis meist gegen Sonnenuntergang ist Fadil hier, sagt er.

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Warum er Deutsch kann, frag ich ihn.

„Ich war fast 30 Jahre in Frankfurt in einer Metzgerei“, meint er und strahlt. „Dort haben sie mich Vladi genannt.“

Seine deutsche Rente muss sich Fadil mit dem Marktstand aufbessern

Seine Biographie ist gebrochen wie tausende hier. Bevor er nach Deutschland ging, war er in einer jugoslawischen Metallfabrik. Die besseren Löhne lockten ihn nach Norden.

30 Jahre lang den Buckel krumm gemacht, in die Hände gespuckt und das deutsche Bruttoszialprodukt gesteigert. 30 Jahre reichen nicht in Deutschland, wo man selbst mit 45 Versicherungsjahren als Arbeiter Renten bekommt, von denen man kaum leben kann.

Fadil muss sich das, was er aus Deutschland als Händler am Rande eines Kleidungsmarkts in Novi Pazar aufbessern.

Dass er mit seinem Einkommen hier vermutlich als reich gilt, hilft nur bedingt weiter.

Eine Region, die jahrzehntelang vernachlässigt wurde

Der Sandžak ist eine der ärmsten Regionen Serbiens, jahrzehntelang vernachlässigt von der Regierung in Beograd, selbst in jugoslawischen Zeiten.

Seit der Wende in den Neunzigern ist es nicht besser geworden. Praktisch jede neue Regierung hat sich der orthodoxen Kirche an den Hals geworfen und ein traditionelles orthodoxes Serbentum als Basis der Nation beschworen.

Die Sandžakaner sind großteils Muslime und betrachten sich selbst als Bosnjaken.

Die bosnischen Muslime betrachten die Bewohner des Sandžak mit einer Mischung aus Argwohn und Arroganz und haben die gleichen Stereotype wie die orthodoxen Serben:

„The inhabitants of the Sandžak are in essence Bosnjaks – the name for the Muslim inhabitants of Bosnia – but even people from Bosnia regard them as a breed apart. Among former Yugoslavians, people from the Sandžak have the reputation of being hot-headed and hard-nosed. Abroad, the Sandžak mafia is much feared and respected, with a loyalty rivaling even the notoriously close-knit Albanians“, beschreibt Robert Rigney in seiner Reportage „In the Sandžak“ die Stereotpyen.

Nicht nur im Westen legen die Bewohner reicherer oder urbanerer Gegenden den Bewohnern der ärmlichen Regionen am Land gegenüber eine ordentliche Portion Chauvinismus an den Tag. Im Allgemeinen verstößt das nicht gegen das, was man als politische Korrektheit bezeichnet.

Zumindest einen Hang zum Separatismus kann man den Sandžakanern nicht absprechen. Und der örtliche Zweig der bosnischen nationalistisch-konservativen SDA blüht hier.

Die Embargobrecher

Den Ruf als Schmugglerhochburg hat sich die Region nicht zufällig eingefangen.

Während der Handelsembargos gegen Rest-Jugoslawien war die Region im Südwesten Serbiens in unmittelbarer Nähe zu Albanien und zur montenegrinischen Küste eine Drehscheibe für Schmuggelware und Devisenbeschaffung aller Art.

Für das Regime von Slobodan Milošević war das ökonomisch überlebenswichtig.

Die zentrale Rolle als ökonomische Stütze hat ihnen Milošević noch eine der Nachfolgeregierungen gedankt.

Eine begehrte Ware aus Novi Pazar waren damals gefälschte Markenjeans.

Die Hochburg der Jeans

Novi Pazar war vor den Jugoslawienkriegen ein Zentrum der Jeansproduktion in Jugoslawien. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten hat sich die Tradition bis heute erhalten.

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„Wir haben heute elf Jeansfabriken in der Stadt“, erzählt mir Senadin stolz. Gemeinsam mit seinem Vater hat er einen Stand im besseren Teil des Markts. „1.000 Leute arbeiten dort, soweit ich weiß“.

Mittlerweile gibt es wieder einen kleinen Exportmarkt für Jeans made in Novi Pazar. Ausgerechnet mit US-Unterstützung produziert man seit einigen Jahren für russische Handelsketten.

Wo Senadin steht, gibt es asphaltierte Straßen und kleine gemauerte Geschäfte. Nicht wenige haben Werbeschilder montieren lassen.

Hier verkaufen die Händler, die genügend Kapital für ein meist eigenes Label und die Geschäftsmiete haben und sich Personal leisten können und gelegentlich schicke Auslagen.

Fast alle verkaufen Jeans, Jeanshemden, Jeansröcke und Jeansjacken mit passenden Accessoires.

Gefälschte Markenware ist zumindest kaum offen zu sehen. Und wenn, ist es Diesel und nicht Levi’s.

Die meisten vertreiben ihre eigenen Marken. Die von Senadin heißt „Cool Jeans“.

Wer es hierher geschafft hat, kann gut vom Geschäft leben. 300 Mitglieder groß soll dieser vergleichsweise elitäre Kreis sein.

Auch ein Händler schräg gegenüber hat seine eigene Marke. Fünf bis 20 Euro kostet ein paar sagt er mir. „Die meisten so zwischen zehn bis 15“ meint er.

Seit 25 Jahren ist er auf der Robna Pijaca. Nachdem er seinen Job in einer Fabrik verloren hat, hat er sein eigenes Geschäft eröffnet.

„Hierher kommen Leute auch aus Montenegro, Bosnien, dem Kosovo und aus Albanien“, sagt er stolz.

Die Armut der Nachbarn ermöglicht das Überleben

Die Stadt hat nicht zufällig das Wort Pazar im Namen. Seit ihrer Gründung ist sie regionales Handelszentrum.

Seine Bedeutung hat sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus interessanterweise erhöht, als der Kapitalismus bei seiner Einführung weite Teile der Bevölkerung verarmen ließ.

Ihren Lebensstandard gesteigert haben seit Ende der 80-er nur die Slowenen. Den Kroaten geht es nach 25 Jahren in der Unabhängigkeit wirtschaftlich in etwa gleich gut wie unmittelbar vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens.

Allen anderen geht es bedeutend schlechter.

Man sucht nach Schnäppchen, wo man sie finden kann. Das ist vor allem hier, in Novi Pazar. Sogar aus Podgorica kommen Kunden. Da ist vier Autostunden entfernt.

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Mit dem Bus ist eine Mutter mit ihrer halbwüchsigen Tochter aus Rožaje angereist. Das sind auch knapp zwei Stunden Fahrt.

Ein Händler für Bekleidung aller Art zeigt mir einen Packen Socken: „Die hier kosten bei uns sechs Euro. In Montenegro zahlst du für die gleichen Socken zehn.“

Anders als die Jeans kommen sie nicht aus lokaler Produktion. Socken, Unterwäsche und T-Shirts  – drei bis vier Euro das Stück – auf der Pijaca Roba sind aus der Türkei importiert.

Und, sofern es nicht Jeans betrifft, sieht man häufig Logos oder Schriftzüge bekannter Marken.

Dass die Jogging-Anzüge von Adidas um 20 Euro echt sind, muss man nicht zwingend annehmen.

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„Die kommen aus einer Fabrik in Niš“, erzählt mir der Verkäufer.

Käufer finden sie bei den Massen, die dienstags und sonntags hierherkommen, allemal.

Die Armut der Nachbarn ermöglicht einem selbst das wirtschaftliche Überleben.

In München steht ein Hofbräuhaus

Es wäre kein balkanischer Markt, würden nicht an seinem Rand Verkäufer mit Waren aller Art versuchen, dem Kundenstrom ein oft karges Überleben zu entringen oder zumindest eine bescheidene Pension aufzubessern.

Vor einem Geschäft am Ende der Robna Pijaca sehe ich zwei Fähnchen des Münchner Hofbräuhauses.

In dem kleinen Laden im Souterrain gibt es gebrauchte Waren aller Art. Auf einem Plastiksessel davor sitzt der Besitzer und gönnt sich ein Gabelfrühstück.

Bibo heißt er. Woher ich komme, will er wissen.

„Aus Wien? Na, da sind wir ja fast Nachbarn. Ich bin aus München.“

50 Jahre lang war der gelernte Maschinenschlosser in der bayrischen Hauptstadt, die meiste Zeit als Kranfahrer.

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Seine Kinder haben Deutsche geheiratet, mittlerweile ist er Großvater.

„Jetzt pendle ich zwischen München und Novi Pazar“, sagt Bibo. Wenn er den Namen seiner Geburtsstadt ausspricht, klingt es wie „Neu Pazar“.

Ich weiß nicht, ob er nur das „v“ verschleift oder den Namen sofort mitübersetzt, wenn er Deutsch spricht.

„Im Winter bin ich Deutschland, meistens von Oktober bis Mai. Dann bin ich hier und genieße den Sommer in meinem Haus.“

Bibo zeigt auf das Haus hinter sich. In einem Vorbau ist auch das Geschäft untergebracht.

Mit dem Gebrauchtwarenladen finanziert er sich den Betrieb des Hauses hier und bessert sich die Pension auf. Er teilt „Vladis“ Schicksal.

„Die Ware kauf ich immer in München auf Flohmärkten. Manchmal auch aus Konkursmassen“, sagt er und zeigt auf eine Elektropumpe. „Hier kriege ich mehr Geld dafür.“

Drei Fuhren mit dem Auto macht Bibo jedes Jahr. Die meisten Preise sind der Einfachheit halber gleich in Euro angeschrieben.

Obwohl er die Sommer hier verbringt, Deutschland kann und will er nicht verlassen. „Deutschland ist mein Herz. Ohne Deutschland hätte das Haus nicht bauen können.“

Er würde es mir gern zeigen, sagt er. „Aber meine Frau ist nicht da. Die würde sonst Kaffee machen. Wenn du das nächste Mal in Neu Pazar bist, komm bitte vorbei.“

Je dunkler die Hautfarbe, desto schutzloser

Auf dem staubigen Weg entlang des Kais zurück Richtung Kanalbrücke drängt sich improvisierter Stand, dicht an dicht.

Vom halbwegs geordneten Treiben am Beginn des Markts mit den Plastikzelten auf beiden Seiten des Kais ist hier nichts mehr zu sehen. Vom Martkern mit seinen gemauerten Ständen ganz zu schweigen.

Die Bessergestellten haben Sonnenschirme, die sie vor der brennenden Spätsommersonne schützen. Meist sind das „weiße Serben“, Gadji, Nicht-Roma.

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Die anderen haben nicht mal das. Der einzige Schatten kommt von den Ständen auf der anderen Seite des Zauns. Sonst sind sie Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt.

Meist sind es Roma. Je weiter weg vom Zentrum, je schutzloser, desto dunkler die Hautfarbe. Der Markt hat seine soziale Hierarchie.

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Selten wird es so sichtbar, dass eine Gruppe an den Rand gedrängt wird wie hier.

Eine Ausnahme ist der Händler für, wie es scheint, Altmetallwaren aller Art. Er sieht aus wie ein Nicht-Rom und hat wenigstens einen Verkaufstisch.

Als er meine Kamera sieht, setzt er einen verrosteten Wehrmachtshelm auf und stellt ein jugoslawisches Staatswappen aus Gusseisen auf.

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Verkaufen, was man in die Finger kriegt

Neben ihm lehnt eine Roma-Familie gegen einen Zaun und verkauft von einer dünnen Decke am staubigen Boden aus gebrauchte Kleidung. Ein Teil der Ware hängt an einem Maschendrahtzaun.

Eine andere Roma-Familie auf der gegenüberliegenden Straßenseite bietet Ladekabel und Elektrogeräte aus vorsintflutlichen Zeiten aus dem Laderaum ihres Kleinlastwagens an. Mobiltelefone, für die die Ladekabel passen, werden seit Jahren nicht mehr produziert. Auf den Decken liegt sonst allerlei gebrauchter Krimskrams, für den vermutlich Fachleute einen Namen haben.

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Fotografieren lassen wollen sie sich nicht.

Nur der Bub aus der Familie läuft mir nach. „Fotografier mich, fotografier mich“, ruft er mir nach.

Ich tu ihm den Gefallen. Und stelle mir die Frage, ob ich Elend zur Schau stelle oder die Freude eines Kindes transportiere. Nehm ich dem Kind Würde oder gebe ich sie ihm?

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Kann ich ihn als Kind sehen, als diesen wunderbar fröhlichen und verspielten Bub, können es meine Leser? Oder sehen wir in ihm nur den sozialen Kontext?

Seine Familie hat wenigstens etwas zu verkaufen.

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Der junge Rom auf der Brücke hat nicht einmal das. Er sitzt da und bettelt.

Die meisten Leute gehen achtlos an ihm vorbei.

Diese Reportage ist auch bei den Ruhrbaronen erschienen.