Der Wieser-Verlag hat mit Filip Davids Roman „Das Haus des Erinnerns und des Vergessens“ ein in mehrfacher Hinsicht beachtenswertes Werk herausgebracht. Es behandelt ein dunkles Kapitel serbischer Geschichte und das Leiden der Opfer.

Es gibt Dinge, über die redet man nicht gerne. Über das serbische Quisling-Regime unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg etwa.

Noch weniger gern spricht man über das, was dieses Regime zu verantworten hat.

Dass es auch in Serbien einen Holocaust gegeben hat, dass auch dort Juden registriert, interniert und massenweise liquidiert wurden.

Dass der Völkermord an den Juden auch in Serbien stattgefunden hat, dass auch Serben ihn begangen haben, das hat im allgemeinen Bewusstsein in Serbien nur Randspuren hinterlassen.

Das mag viele Ursachen haben. Ein schlechtes Gewissen, wie es nach Völkermorden und Verbrechen ähnlicher Dimension verlässlich in der Heimat der Täter auftritt und sich zur Mauer des Schweigens ausformt.

Auch, dass es in Serbien – anders als in Bosnien – relativ wenige Juden gegeben hat, dass die Dimension des Verbrechens kleiner war als anderswo, mag damit zu tun haben.

Der Vergleich mit den Ustaše als Mechanismus der Verdrängung

Und es liegt vermutlich daran, dass das serbische Quisling-Regime unter Milan Nedić die Juden weniger aus eigenem Antrieb ermorden ließ sondern sich – wenn auch ohne einen Funken von Widerstand – den Anordnungen der deutschen Besatzungsmacht beugte.

Das war ein wesentlicher Unterschied zu den kroatischen Ustaše. Die betrieben den Holocaust mit Verve und besonderer Grausamkeit. Beiden katholischen Kroaten gab und gibt es auch im Gegensatz zu Serbien und Bosnien eine Tradition des Antisemitismus.

Dass die Verbrechen der Ustaše – einschließlich des Völkermords an den Serben in ihrem Herrschaftsbereich – in ihrer Dimension den Holocaust in Sebrien bei weitem überschatteten, war und ist ein entscheidender Grund, warum der Mord an den Juden in Serbien bis heute ein weitgehend verdrängtes Kapitel der Geschichte ist. Man lastet ihn im allgemeinen Diskurs einfach den Ustaše an.

Überlebende, Kollaborateure und die Qual der Erinnerung

Dem setzt Filip David seinen Roman „Das Haus des Erinnerns und des Vergessens“ entgegen.

Der anerkannte Dramaturg und Dramatiker schildert an seiner Hauptfigur Albert Weisz das Verbrechen an den serbischen Juden und das Schicksal von Überlebenden, die von Schuld zerfressen sind.

Vor allem anhand von Nebenfiguren wirft er die Frage auf, wie das Verbrechen unter den Augen aller geschehen konnte. Wie es möglich war, dass auch versteckte Juden aufgespürt wurden. Ob alle Menschen, die Juden retteten gänzlich selbstlos handelten.

Und wie jüdische Kolloborateure ihre Komplizenschaft rationalisieren, ja zur moralischen Notwendigkeit überhöhen, und wie ihre Nachfahren damit umgehen.

Und immer wieder taucht die Frage nach der Natur des Bösen auf und die nach dem Umgang mit der Schuld des Überlebens.

Kapitel präzise wie Theaterszenen

In seiner Struktur merkt man dem Roman an, dass der Autor von der Bühne kommt.

Die Kapitel sind wie Szenen eines Dramas arrangiert. Meist kurz und präzise. Das ermöglicht dem Leser Orientierung in einem Arrangement, in dem die zeitlichen Ebenen mehr als einmal verschwimmen, man unvermittelt vom Heute im Holocaust landet, ausgelöst durch ein Geräusch, einen Schatten oder eine Randbemerkung.

Ganz so, wie es auch im Bewusstsein Traumatisierter passiert.

Eine doppelte deutschsprachige Ersterscheinung

Nicht nur, dass David mit diesem Buch ein verdrängtes Kapitel der serbischen Geschichte behandelt, macht diese Neuerscheinung des Wieser Verlags beachtenswert.

Es ist auch das erste Werk des in Serbien bekannten und anerkannten Autors überhaupt, das auf Deutsch erscheint. In Serbien hat es mit dem Preis der Wochenzeitung NIN einen der bedeutendsten Literaturpreise erhalten.

Beachtenswert ist auch die Geschichte der überaus gelungenen Übersetzung.

Aus dem Serbischen wurde es übertragen von Johannes Eigner. Er ist der österreichische Botschafter in Serbien – und ausgebildeter Dolmetscher für Russisch und Französisch. Als Übersetzer war er bislang „nur“ bei slowakischer Literatur in Erscheinung getreten.

„Das Haus des Erinnerns und des Vergessens“ ist das erste Buch, das Eigner aus dem Serbischen übertragen hat.

Filip David: Das Haus des Erinnerns und Vergessens. Wieser Verlag, Klagenfurt 2016. ISBN: 978-3-99029-182-5 (e-book: ISBN: 978-3-99047-040-4)

Disclaimer: Der Autor erhielt dieses Buch direkt von Johannes Eigner bei einem Besuch der österreichischen Botschaft in Beograd. Ein Portrait der österreichischen Vertretung in Serbien erscheint demnächst auf Balkan Stories.