Heute jährt sich der Geburtstag von Bert Brecht. Der gebürtige Augsburger wäre beinahe zur österreichischen Version von Ivo Andrić geworden.

Bert Brecht war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Das kann man so apodiktisch sagen, auch ohne seinen gesamten Werkekanon herunterzubeten.

Es soll dieser Eintrag auch keine Analyse des Schaffens des Dramatikers, Lyrikers, Liederschreibers und Prosaschriftstellers sein.

Sechs Jahre und vier Monate Österreicher

Hier geht’s um einen anderen Punkt: Wäre er nicht Kommunist gewesen, er wäre heute einer der gefeiertsten österreichischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Richtig gelesen. Brecht war Österreicher. Kurz. Die letzten sechs Jahre und vier Monate seines Lebens, um genau zu sein. Was nichts an der Tatsache ändert, dass er in seinem geliebten Berlin starb, in dem Teil, der damals zur DDR gehörte.

Die Nazis hatten Brecht die deutsche Staatsbürgerschaft bei seiner Flucht aberkannt. Er kehrte 1948 als Staatenloser nach Europa zurück. Die Schweiz war das einzige Land, das ihn damals einreisen lassen wollte.

Eine österreichische Affäre

1950 verlieh ihm die (konservative) Salzburger Landesregierung die österreichische Staatsbürgerschaft. Seine Frau Helene Weigel war Österreicherin, außerdem setzte sich der Komponist Gottfried von Einem für ihn ein.

Den Schritt machte man sich – Ehegatte einer Österreicherin hin oder her – nicht leicht. Brecht musste sich verpflichten, bei den Salzburger Festspielen mitzuwirken.

Jenen Festspielen, bei denen sich Jahrzehnte später der Ex-Nazi Herbert von Karajan in Szene setzte. Eine sehr österreichische Affäre.

Zustände wie beim gewaltsamen Zerfall Jugoslawiens könnte man hier anmerken und man hätte nicht Unrecht. Wer welche Staatsbürgerschaft bekam, hing von Behördenwillkür ebenso ab wie von Glück oder Unglück.

Als welchen Umstand Brecht seine österreichische Staatsbürgerschaft empfand, ist dem Autor dieser Zeilen nicht bekannt. Brecht wurde jedenfalls nie Bürger der DDR.

Bosnier, Kroate, Serbe, Jugoslawe

Da fällt einem Ivo Andrić ein, der bedeutende jugoslawische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1961 (Na Drini ćuprija/Die Brücke über die Drina).

In eine katholische Familie in Travnik im heutigen Bosnien geboren, gilt er Serben und Kroaten gleichermaßen als Literaturikone, unabhängig vom Land, in dem sie leben. Die Bosnjaken tun sich ein bisschen schwerer mit ihm. Sie werfen ihm vor, er habe sie immer eher unvorteilhaft dargestellt.

Kurz: Für Serben ist Andrić einer der ihren. Immerhin hat er sich 1951 auf seinem Personalausweis als Serbe deklariert. Ähnliches machte Brecht, wenn auch aus anderen Motiven, nur ein Jahr davor, als er die österreichische Staatsbürgerschaft annahm.

Für Kroaten ist er bedeutender kroatischer Schriftsteller. Manche, vor allem die bosnischen kämpfen bitter darum. Das nicht von der Hand zu weisende Argument: Er wurde in eine kroatische Familie geboren.

Für Bosnjaken ist er bosnischer Schriftsteller. Er wurde in Travnik geboren. Der Rest ist nicht ganz zu Unrecht egal.

Andrić-Denkmäler- und Museen gibt es in Serbien, Kroatien und Bosnien.

Fehlt nur die österreichische Vereinnahmung

Fehlte nur noch, dass Andrić auch in Österreich vereinnahmt würde. 1892, als er geboren wurde, war Bosnien von der kuk Monarchie besetzt – wenn es auch nie zum österreichischen Teil der Doppelmonarchie gehörte sondern von der ungarischen und der österreichischen Reichshälfte gemeinsam verwaltet wurde.

Und er hat auch in Graz und Wien studiert.

Als Teil der Widerstandsbewegung Mlada Bosna hat Andrić gegen die Fremdherrschaft und für die Unabhängigkeit seiner Heimat gekämpft.

Vielleicht blieb ihm deswegen die nachträgliche Vereinnahmung erspart. Vielleicht liegt’s auch daran, dass man in Österreich seit jeher eher auf slawischsprachige Autoren herabsieht.

Macht der Literaturnobelpreis den Unterschied?

Ganz so abwegig ist die Vorstellung einer Vereinnahmung Bert Brechts nicht. Wäre Österreich damals nicht so stramm antikommunistisch gewesen und hätte er den Literaturnobelpreis gewonnen, es wäre mit Sicherheit passiert.

Aus Wolfgang Amadeus Mozart haben wir Österreicher auch einen der unseren gemacht. So überzeugend, dass es bis heute die Welt glaubt. Mozarts Heimatstadt Salzburg gehörte zu seinen Lebzeiten nie zu Österreich und österreichischer Staatsbürger war er mangels des Prinzips der Staatsbürgerschaft zur damaligen Zeit auch nie.

Aus Adolf Hitler haben wir erfolgreich einen Deutschen gemacht. (Der bürgerte sich 1914 erstens selbst aus und wurde zweitens freiwillig Deutscher.) Die Welt glaubt’s auch.

Hätte Andrić den Nobelpreis nicht bekommen, würden ihn die Kroaten heute vermutlich für einen serbischen Schriftsteller halten und die Serben für einen kroatischen.

Den Bosnjaken wäre es weiter eher egal.

Titelbild: Dt. Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0, gefunden auf Wikipedia.org

Danke an Sabina Sidro, dass sie mich auf den Geburtstag Brechts aufmerksam gemacht hat.