Unter jungen ethnischen Serben in Wien scheint es eine gefährliche Radikalisierungswelle zu geben. In Gegenden mit hohem Serbenanteil tauchen immer mehr nationalistische Graffiti auf, wie Balkan Stories exklusiv dokumentiert.
Wien Hernals, Palffygasse.
Am Vorrangsschild begrüßen einen die neofaschistischen Exil Boys, ein lokaler Ableger der Bad Blue Boys. Das sind die Ultras von Dinamo Zagreb.

Weiter hinein trauen sie sich nicht. Das ist das einzig Gute an der Präsenz radikaler ethnisch serbischer Nationalisten, die sie die ganze Gasse entlang kundmachen.
Besonders abgekriegt hat es der so genannte Aroma Tempel. Das ist ein Puff. Es werden wohl ein Dutzend „Vier S“ sein.


Sie sind Teil des serbischen Staatswappens. Über ihre genaue Bedeutung gibt es mehrere Interpretationen. Die populärste lautet: Samo sloga Srbina spasava. Nur Einigkeit rettet die Serben.
Als Graffiti sind die Vier S das generischte serbisch-nationalistische Symbol. Nicht so schlimm wie die Ustaša-Šahovnice, wie sie die Exil Boys und etliche Gruppen der Bad Blue Boys auch in Wien verwenden. Aber eindeutig genug.
Warum es die Fassade des Aroma Tempel in den Augen der offenkundig jugendlichen Schmierer verdient hat, in einem derartigen Ausmaß serbisch-nationalistisch gebrandet zu werden, erschließt sich nicht.
Die Schmierer machen auch klar, worum es geht.

Hier dokumentieren sie auch, dass es entweder bei ihren geographischen Kenntnissen hapert oder bei ihrem mathematischen. Ottakring, der 16. Wiener Gemeindebezirk, liegt auf der anderen Seite der Ottakringer Straße.
Die Kids wissen offenkundig nicht, wo sie sind.
Wenige hundert Meter weiter oben hat sich auf der Ottakringer Seite die ethnisch-serbische Neonazi-Gruppierung Brigada Beč breitgemacht. Balkan Stories hat das vor zwei Wochen exklusiv dokumentiert.
Diese Gruppe Schmierer ist wahrscheinlich nicht identisch mit der Brigada, und scheint auf beiden Seiten der Ottakringer Straße aktiv zu sein.
Was sie nicht im Kopf haben, machen sie mit Beinen und Eifer wett. Entlang der gesamten Palffygasse findet man die Vier S. Sie sind in schwarzer oder roter Farbe auf Hausfassaden gesprüht.
Die unterschiedlichen Farben könnten auf unterschiedliche Gruppen hindeuten. Oder einfach darauf, welche Farbe gerade zur Hand war.
Insgesamt werden es gut 30 serbisch-nationalistische Graffiti entlang der Gasse sein.



Sehr wahrscheinlich serbischen Migrationshintergrund hat auch dieser Künstler, der wohl bei seiner Arbeit unterbrochen wurde. Was er uns sagen will, bleibt unklar.

Auch früher gab es Schmierereien. Aber die waren Ausnahmen.
Es ist eindeutig, dass die Aktivitäten serbisch-nationalistischer Jugendlicher in der Stadt eskalieren.
Auch früher gab es immer wieder einschlägige Schmierereien. Auch in meinem Wohnhaus tauchten zwei auf. Das war vor acht Jahren.
Aber das waren Ausnahmen.
Jetzt sind es in einem Umkreis von eineinhalb Kilometern von meinem Wohnhaus sicher weit mehr als 50 Schmierereien und eindeutige Aufkleber. Siehe auch diese Fotoreportage.
Im Unterschied zu früher markieren nationalistische Gruppen ganzen Gassen als ihr Territorium.
Das ist kein Spaß mehr.
Was löst diese Radikalisierung aus?
Niemand, mit dem ich in den vergangenen zwei Wochen über diese Häufung gesprochen habe, kann sich erinnern, dass es jemals so schlimm war. Weder antifaschistische Aktivistinnen und Aktivisten noch jugo-stämmige Bekannte und Freunde.
Man muss das auch vor dem Hintergrund sehen, dass aus unbekannten Gründen die Zahl der Graffiti in Wien seit ungefähr zwei Jahren deutlich gestiegen ist.
Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass wir es mit einer Radikalisierungswelle unter Teilen der ethnisch-serbischen Jugend in Wien zu tun haben. Die Nationalisten unter ihnen verspüren einen gesteigerten Drang, ihre Existenz öffentlich zu dokumentieren, und ihre Reviere abzustecken.
Es scheinen immer mehr zu werden.
Was das ausgelöst hat, kann zum jetzigen Zeitpunkt nur Spekulation bleiben.
Ich habe bei meinen Recherchen zur Brigada Beč mehrere Experten und Organisationen angeschrieben. Urlaubsbedingt lassen mehrere Antworten auf sich warten.
Ich hoffe, dass sie einen besseren Einblick ermöglichen.
Balkan Stories wird dranbleiben.
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