Das Computerspiel Dejton des bosnischen Politikwissenschaftlers Jasmin Mujanović fesselt die Aufmerksamkeit Politik- und Balkaninteressierter. Das textbasierte Browsergame simuliert den bosnischen Politikbetrieb gnadenlos.
Du willst Bosnien und Hercegovina ein funktionierendes politisches System geben? Deine politische Partei hat es mit entsprechenden Visionen zur stärksten politischen Kraft im Land gebracht? Nichts mehr kann schiefgehen, oder?
Das ist die Ausgangslange der text- und browserbasierten Politsimulation Dejton des bosnischen Politikwissenschaftlers und Autors Jasmin Mujanović. Vor wenigen Tagen ging es online.
Der aufmerksame Beobachter merkt von Beginn an, dass es bei dem ernsthaften Thema nicht ohne etwas Humor abgeht, gerne auch schwarz serviert.

Unversehens wird man vor die Wahl gestellt, welchen Weg man gehen will, um das Reformgesetz zu verabschieden.
Jeder der drei ursprünglichen Wege hat seine Abzweigungen und Fallstricke, erfordert Kompromisse, und führt zu Rückschlägen.
So kurz und grafisch unspektakulär Dejton sein mag, es ist nichts für schwache Nerven. Man braucht ein hohes Ausmaß an Frustrationstoleranz, um in diesem Spiel dem Reformgesetz den Hauch einer Chance zu geben.
Neun verschiedene Enden hat Dejton – Balkan Stories hat nicht alle erreicht -, und so viel sei verraten: Keines ist schön, wie Jasmin auch in der Spielbeschreibung verrät.
Dejton macht das komplizierte politische System Bosniens anschaulich
Spielbar ist es grundsätzlich auch für Menschen, die das politische System Bosniens kaum kennen. Das wird gerne als das komplizierteste der Welt beschrieben.
Das hat zumindest einen wahren Kern.
Bosnien und Hercegovina ist de facto ein zweigeteiltes EU-Protektorat. Seit dem Vertrag von Dayton, der dem Spiel auch seinen Namen gab, besteht es aus den weitgehend autonomen Teilstaaten Federacija und Republika Srpska. Über ihnen oder neben ihnen steht eine schwache Zentralregierung und ein schwaches Zentralparlament mit den verfassungsmäßigen Vollmachten einer besseren Hausverwaltung.
Die Spaltung setzt sich bis auf die untersten Ebenen des öffentlichen Bereichs durch. Es gibt zwei unterschiedliche Polizeisysteme, zwei öffentliche Postunternehmen, zwei öffentliche Bahnunternehmen.
Es wird nicht einfacher dadurch, dass die Federacija mit ihrer bosnjakisch-kroatischen Bevölkerungsmehrheit in mehrere Kantone unterteilt ist, die in vielen Bereichen ebenfalls weitgehend autonom agieren können.
Federacija und die ethnisch serbisch dominierte Republika Srpska (RS) können einander in allen zentralstaatlichen Belangen blockieren. Sie tun das auch regelmäßig. Am häufigsten tut das die RS.
Die Sache wäre langweilig, würde nicht über all dem der so genannte Hohe Repräsentant stehen. Der ist eine Art Kolonialverwalter für EU und UNO. Er ist so etwas wie der Joker bei manchen Kartenspielvarianten. Er kann eigenständig Gesetze erlassen oder kassieren und Politiker absetzen.
Diese Struktur zieht sich durch das gesamte Spiel. Manchmal als reale Hürde, manchmal in Form humorvoller Anspielungen.
Für Außenseiter sind wahrscheinlich nicht alle Anspielungen auf Anhieb verständlich – sie sollten aber keine unüberwindliche Hürde sein. Zumal vieles im Epilog von Dejton aufgeklärt wird.
Es gibt einen Ausweg
Am besten gelungen ist die Analyse der EU-Position zu Bosnien – beziehungsweise zum Balkan generell. Jasmin offenbar gnadenlos den ausbeuterischen Zynismus der EU und ihrer Mitglieder. Das Geschwafel von nie näher definierten europäischen Werten, die ständigen Mahnungen zum Fortschritt, und die Umarmung des jeweils gerade noch erträglichsten Korruptionisten, Nationalisten, Radaumachers, Separatisten als Garant für Stabilität in der Region.
So offen stellt Jasmin in Dejton bloß, dass das Ausbalancieren der verschiedenen politischen Interessen eine Quadratur des Kreises ist, wie sehr das alleine und notwendigerweise Korruption auf allen Ebenen produziert, man könnte ihm Zynismus vorwerfen.
Wer würde es einem Beobachter der politischen Szene in Bosnien übelnehmen wollen, wenn er zum Zyniker geworden wäre? Das ist eine so naheliegende Position wie es ein gewisses Ausmaß an Paranoia in Serbien ist.
Sicher steckt bei all dem Sarkasmus von Dejton auch einiges an Zynismus in dieser Politsimulation.
Alleine, Jasmin zeigt auch potentielle Auswege aus dem Sumpf an Korruption auf, weist auf die konstruktiven politischen Akteure in beiden Teilstaaten hin.
Es ist nur nicht ganz leicht, sie zu finden.
Und dass Jasmin bei allen zynischen Anwandlungen, die sich auf Dejton unweigerlich finden, kein Zyniker ist, zeigt auch, dass Dejton kostenlos spielbar ist. Ein Zyniker hätte daraus ein Geschäft gemacht.
Das Spiel Dejton findet ihr hier.
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Auch nicht zynisch ist dieser Blog. Seit mehr als elf Jahren bemühe ich mich, hier Geschichten aus dem Balkan zu erzählen, für die in größeren Medien kein Platz ist. Versuche ich, einen Einblick in der alltägliche Leben der Menschen vor allem im und aus dem ehemaligen Jugoslawien zu geben, und Hintergründe auszuleuchten.
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