In Zagreb ist am Wochenende der Srđan Aleksić-Preis für die couragiertesten Journalisten des ehemaligen Jugoslawien verliehen worden. Er ehrt die Kolleginnen und Kollegen, die sich in den vergangenen Monaten mit Mut und Professionalität gegen die Maschinerie der Propaganda und Desinformation gestellt haben.
Minutenlang applaudieren die Besucher und Ehrengäste im vollen Saal des Novinarksi Dom in Zagreb, als Aleksandar Latas von Danas stellvertreten für die Novi Sader Redaktionen kritischer Medien wie seines oder Autonomija.info den Sonderpreis des Srđan Aleksić-Preises für Journalismus entgegennimmt.

Wer, wenn nicht ein Novi Sader Journalist hatte in den vergangenen zwölf Monaten gegen Desinformation zu kämpfen, gegen Schweigen, sah sich Einschüchterungsversuchen der Ćaci ausgesetzt?
Wer, wenn nicht Aleksandar, Ksenija Pavkov (N1), Sanja Ignjatović Eker (Nova S), Nataša Kovačev und Petar Alimpijević (Al Jazeera Balkans), Dragana Prica Kovačević (Radijo 021), Svetlana Paramentić (BBC na srpskom), Zlatko Čonkaš (Blic), Žarko Bogosavljević (Razglas news), Dalibor Stupar (Autonomija und Beta) haben bewiesen, dass Journalismus ein öffentliches Gut ist, ein unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie?
Wer, wenn nicht sie, haben diesen minutenlangen Applaus verdient?
In dem Fall jemand, der Aleksandar den Preis überreicht hat: Anja Pitulić, Doroteja Antić und Branislav Đorđević übergaben ihn stellvertretend für die Studenten Serbiens, die seit einem Jahr Tag für Tag Rechtsstaat und Demokratie in ihrem Land fordern.

(Mehr siehe im Archiv von Balkan Stories)
Man sieht die eine oder andere Träne die eine oder andere Wange herunterrollen bei dieser emotionalen Übergabe. Jeder hier weiß: Der Applaus gilt den Studenten Serbiens mindestens genauso wie den mutigen Kolleginnen und Kollegen aus Novi Sad.
Man mag lange professionellen Puritanismus betreiben und sinnieren, ob der Applaus dutzender angesehener Journalisten aus dem ehemaligen Jugoslawien für eine letztlich politische Bewegung nicht eine Grenzüberschreitung sei. Der Beograder Machtapparat wird das sicher so auslegen.
Es überschreitet keine Grenzen, festzustellen: Der Kampf der Studenten und die Arbeit professioneller Journalisten in Serbien haben das gleiche Ziel, müssen das gleiche Ziel haben: Sie sind demokratisches Aufbegehren gegen die herrschenden Zustände, sie sind das Streben nach Gerechtigkeit und Aufklärung.

Für die notwenige kritische Distanz zur Studentenbewegung ist in der täglichen Arbeit genug Gelegenheit. Die haben gerade die heute Geehrten tagtäglich gezeigt. Heute ehren und feiern wir, worum es bei Journalismus geht: Um Aufklärung, um Teilnahme, um Rede- und Meinungsfreiheit. Kurz: Ein Feld zu schaffen, in dem Rechtsstaat und Demokratie erst möglich sind.
Der Angriff der Autoritären, Lebenslügen und der Kampf gegen die Maschinerie
Das haben auch die anderen Preisträgerinnen.
Barbari Matejčić ist freie Journalistin aus Kroatien. Sie erhielt den Srđan Aleksić-Preis in der Kategorie Mut. Sie setzt sich unter anderem gegen rechte und autoritäre Bewegungen ein, und ist deren Zielscheibe.

Bei der Preisverleihung sah sie den Berufsstand unter Druck, vor allem durch Rechte und andere Autoritäre: „Sie setzen darauf, dass wir uns zurückziehen. Doch dieser Berufsstand ist nicht unter Kontrolle. Die Einheit der Journalisten ist heute wichtiger denn je“.
Für ihren Beitrag zur Gemeinschaft ausgezeichnet wurde die Redakteurin Mila Vikčević des öffentlich-rechtlichen Fernsehens von Montenegro, RTCG. Ihre Dokumentation „Brat“ rührte an der montenegrinischen Lebenslüge, man habe mit dem Krieg in den 1990-ern nichts zu tun gehabt, und sich ohnehin entschuldigt.

Der Film dokumentiert, wie bosnisch-hercegovinische Flüchtlinge Anfang der 1990-er aus der damals rumpfjugoslawischen Republik deportiert wurden. Mila sieht sich seitdem zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt.
Der Srđan Aleksić-Preis für Medien ging heuer an N1 Serbien. Der unabhängige Sender hat gerade während der Massenproteste mit neutraler Berichterstattung ein unverzichtbares Gegengewicht zu den Desinformationskampagnen der serbischen Regierung in regimenahen Medien geboten.

„Diese Auszeichnung ist eine großartige Anerkennung dafür, dass wir alles getan haben, um den „kleinen Mann“ zu schützen“, sagte N1 Serbien-Programmdirektor Igor Božić, dern den Preis entgegennahm.
Benannt nach Srđan Aleksić
Der Srđan Aleksić-Preis für Journalismus ist eine multinationale Auszeichnung für Journalistinnen und Journalisten, die in Bosnien, Serbien, Montenegro und Kroatien arbeiten. Er ist benannt nach Srđan Aleksić.
Srđan hatte in Trebinje in der Hercegovina seinen Nachbarn Alen Glavović gerettet, als dieser von Soldaten der Armee der Republika Srpska verhaftet worden war und auf dem Weg zur Polizeistation verprügelt wurde. Alen konnte sich in Sicherheit bringen.
In ihrer Wut prügelten die Soldaten Srđan, der selbst als Wehrpflichtiger für die JNA bzw. serbische Paramilitärs im Krieg gekämpft hatte, mit ihren Gewehrkolben ins Koma. Eine Woche später starb er.
Srđans Name und Foto sind seitdem zu einem Symbol geworden, dass Mitmenschlichkeit nicht an Uniform oder Ethnie endet und dass Widerstand immer möglich ist.
Der nach ihm benannte Preis wird seit 2013 innerhalb Bosniens vergeben, seit 2022 auch international.
Verliehen wird er auf den Dani Srđana Aleksića. Die mehrtägige Konferenz macht jedes Jahr Friedensarbeit in der Region sichtbar und setzt sich mit den Herausforderungen auseinander, die professioneller Journalismus im ehemaligen Jugoslawien zu bewältigen hat.
Wer den Preis und die Konferenz trägt
Diesmal fanden die Dani Srđana Aleksića in Zagreb statt, organisiert von Balkan Stories-Kooperationspartner Lupiga. Träger des Preises sind unter anderem das Helsinki-Parlament der Bürger Banja Lukas, die Unabhängige Journalistenvereinigung der Vojvodina in Novi Sad, und das Institut für Medien Montenegro.
Mehr über die Preisverleihung und die Preisträger könnt ihr hier und hier nachlesen.
Eine ausführlichere Reportage über die heurigen Dani Srđana Aleksića lest ihr in den nächsten Tagen auf Balkan Stories.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
