Moja Mahala polako umire

Mein Grätzel stirbt. Langsam. Wie alle Arbeiterviertel, auch in Wien. Diese Woche hat mein Stammlokal für immer geschlossen. Das zweite Lokal in zwei Monaten. Das Sezam war ein wichtiger Treffunkt für Nachbarn und die Gastarbajteri-Generation.

Ein kleiner Haufen Stahlstützen und die Plastikverschalung des Schanigartens stehen vor dem Sezam. Ein paar Sessel stehen davor. Murat, Ramo, Nena und ein weiterer Stammgast sitzen davor und machen Pause.

Soeben haben sie den kleinen Schanigarten des Lokals abgebaut. Bald werden sie die Überreste in einen Klein-Lkw verladen und entsorgen.

Auf dem freigewordenen Parkplatz steht ein silberner VW Polo. Laut Zettel an den Hinterscheiben verkauft ihn sein Besitzer.

Gestern hat Murat übrig gebliebene Wein- und Schnapsflaschen an Freunde und Stammgäste verschenkt.

In den nächsten Tagen werden Sessel, Tische und anderes aus dem Lokalinneren abgeholt werden.

Das ist alles, was nach fast 15 Jahren bleibt.

Murat wird im September 65. Er geht in Pension. Und vor allem: Er kann nicht mehr.

Das Geschäft, das wurde seit Ende 2019 graduell schlechter. Das Rauchverbot in Lokalen ließ die Umsätze merkbar zurückgehen. Gleichzeitig stiegen die Kosten.

Trotz des Endes war die Stimmung am letzten Abend so ausgelassen, wie es bei der Gelegenheit möglich war. Die letzten Stammgäste feierten.

Diese Fotos stammen aus alten Zeiten. Als das Sezam jedes Wochenende knallvoll war. Als man dort bis in die frühen Morgenstunden Party machte.

Und hier eine andere Party aus der guten alten Zeit.

Murat hatte immer Narodna Muzika-Gigs am Wochenende. Nicht meine Musik. Aber die großer Teile der Gastarbajteri-Generation, die hier verkehrte. Serben, Bosnier, Kroaten, Mazedonier, Bulgaren, Vlasi, Kosovo-Albaner, vereinzelt Rumänen.

Die Bauhackler, die Mechaniker, die Supermarktkassiererinnen, die Putzfrauen, die Kellnerinnen. Die Arbeiter von Wien.

Sie kamen zu einem guten Teil wegen der Musik am Wochenende. Murat hatte immer mehr oder weniger bekannte Jugo-Sängerinnen und Sänger aus Wien. Fallweise trat er auch selber auf.

Murat, das ist Murat Lađar aus Novi Pazar. Bevor er vor 40 Jahren nach Wien kam, war er unten ein durchaus bekannter aufstrebender Sänger.

Und ab und zu gab’s spontante Auftritte von Kemal Malovčić. Der es sich übrigens nicht nehmen ließ, am letzten Abend des Sezam vorbeizukommen und sich zu verabschieden. Erst ein paar Tage davor hatte er in Beograd zwei ausverkaufte Konzerte im Tašmajdan gegeben.

Wir Švabos waren eine Ausnahme. Eigentlich waren die einzigen hiesigen Stammgäste Christian und ich aus dem Nachbarhaus, fallweise noch Matthias. Und Thomas und Isa von der Motorradwerkstatt im anderen Nachbarhaus.

Das Sezam, das war so ein bisschen Wohnzimmer für uns.

Auch dank der ausgeprägten Gastfreundlichkeit von Murat. Zu Bajram gab’s immer Süßigkeiten. Siehe etwa hier.

Auch Weihnachten beging er immer ausgiebig, zumindest bei der Deko.

Das war ganz ungeachtet seiner politischen Überzeugung.

Was mich zur Frage bringt: Was passiert mit dem Tito-Kalender, den ich Murat in Sarajevo gekauft habe? Ich hoffe, er nimmt ihn in die Wohnung mit.

Solche Lokale verschwinden langsam. Eine schleichende Gentrifizierung fegt auch in Wien durch die Arbeiterbezirke, beschleunigt vor allem durch steigende Mieten. Lokale für die Arbeiterschicht rentieren sich weniger und weniger. Die Preise hier lassen sich nicht ins Unendliche steigern.

Die neuen Gäste, die uns nach dem Rauchverbot versprochen wurden, die kamen nie. Mittelschichtler, die Hauptproponenten solcher Gesetze, rümpfen nach wie vor ob solcher Lokale die Nase. Auch einen Jugo-Akademiker wirst du hier drinnen nie sehen. Der will in der Regel mit den Jugo-Hacklern und ihrer Volksmusik nichts zu tun haben.

Zu spüren bekommen hat das auch das Cafe In um die Ecke. Auch so ein Jugo- und Hacklerlokal. Wie auch anders in Ottakring in Gürtelnähe.

Das In hat Anfang Mai zugemacht, nach ungefähr zwölf Jahren.

Sicher, da waren auch Fehlentscheidungen der Eigentümer verantwortlich. Aber letztendlich wurde auch das In Opfer der schleichenden Gentrifizierung.

Einen Nachfolger gibt’s weder für das In noch für das Sezam.

Ein Cafe in der Lage will sich kaum wer antun. Ein Restaurant vielleicht. Ein reines Trinklokal eher nicht.

So stirbt langsam meine Mahala, mein Grätzel. Es ist nicht die einzige.

Wenigstens Murat wird mir als Freund erhalten bleiben. „Das halbe Jahr will ich in Wien wohnen, die andere Hälfte probiere ich es in Novi Pazar“, sagt er über seine Pläne in der Pension.

Das lässt hoffen, dass wir uns immer wieder über den Weg laufen werden.

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