Die Stunde der Dilettanten

Die Massenproteste in Serbien haben ein Ausmaß erreicht, das auch im Westen nicht mehr ignoriert werden kann. Allerlei Experten und solche, die sich dafür halten, melden sich zu Wort und stiften Verwirrung. Balkan Stories nimmt zwei dieser entbehrlichen Wortmeldungen auseinander.

Am gefährlichsten ist die Halbwahrheit.

Sie enthält genügend Wahres, um größere Mengen an Menschen von dem Falschen zu überzeugen, das sie auch enthält.

Geradezu ein Lehrbeispiel für diese These liefert das linksliberale österreichische Moment Magazin der Momentum-Stiftung.

Am 15. März veröffentlicht das Magazin auf sozialen Medien diese Grafik.

Grafik: (c) moment.at. Quelle: Facebook

Nota bene: Die Grafik erscheint als bezahlte Werbung.

Zu dem Zeitpunkt sind nicht nur tausende auf der Straße. Jeder, der die Massenproteste in Serbien auch nur oberflächlich beobachtet hat, weiß: Die Demonstration in Beograd an ebendiesem Tag wird riesig. Hunderttausend und mehr Menschen werden erwartet.

(Nach seriösen Schätzungen waren etwa 300.000 Menschen auf der Straße. Siehe diese Reportage aus Beograd.)

Und seit Monaten protestieren hunderttausende Menschen buchstäblich im ganzen Land. Das ist zu diesem Zeitpunkt seit Wochen klar. (Siehe etwa diese Geschichte und diese Geschichte.)

Wer am 15. März in eine Werbeanzeige mit der Botschaft investiert „Serbien: Tausende fordern Ende der korrupten Herrschaft“, betreibt Desinformation.

Als ich einem Freund in Beograd die Sache schildere, fragt er sofort: „Wer bezahlt die?“ Anders formuliert: Korruption ist für ihn die einzige Erklärung für einen derart kolossalen Fehlgriff.

Korruption kann man bei moment.at getrost ausschließen. Bei der Momentum-Stiftung ebenso.

Die Fehlleistung ist nur ein besonders gutes Beispiel für die alte Weisheit: „Vermute nie Absicht, wenn Dummheit als Erklärung ausreicht.“ Oder in dem Fall Ignoranz und Desinteresse.

Die Redaktion bemerkt am 15. März eben, dass in Serbien gerade was Größeres zugange war, und denkt sich: Da müssen wir auf den Zug aufspringen.

(In einer kurzen Diskussion auf Facebook meinte die Redaktion, man berichte „laufend“. Wie ein Blick auf die Seite des Magazins zeigt, ist das eine glatte Lüge.)

Die Pseudoanalyse

Deutlich wird das auch an der Analyse, die das Magazin zwei Tage später nachschickt. „Die Demokratiebewegung in Serbien macht es vor: Keine Tyrannen, nirgends“, lautet der Titel der Kolumne von Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl.

Natascha Strobl ist ausgewiesene Expertin für Rechtsradikalismus in Europa und für die Radikalisierung des konservativen Bürgertums. Vom Balkan im Allgemeinen und von Serbien im Besonderen hat sie keine Ahnung. Es interessiert sie auch offenkundig nicht.

Das Wort „Studenten“ – oder linksliberal korrekt gegendert: Studierende – kommt in der Kolumne kein einziges Mal vor. So viel dazu, wie weit Natasacha das Thema recherchiert hat, das sie zu analysieren vorgibt.

Die Studenten Serbiens einfach zu verschweigen, ist ein im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubendes Kunststück. Sie sind es, die mit ihren zähen Protesten und ihrer Blockade der Unis des Landes über mittlerweile vier Monate lang diese Massenproteste überhaupt erst geschaffen haben.

Sie sind es, die die Proteste in den größeren Städten organisieren. Sie sind es, die dafür gesorgt haben, dass diese Proteste gewaltfrei geblieben sind – gelegentliche Eierwürfe ausgenommen -, und dass offener serbischer Nationalismus dort keine Rolle spielt.

Das hat in der komplexen politischen Lage Serbiens auch damit zu tun, dass die Oppositionsparteien weitgehend diskrediert sind.

Bei Natascha liest sich das so: „Aus den lokalen Protesten entstand bald eine riesige landesweite Bewegung. Sie wendet sich gegen Korruption, Hinterzimmer-Absprachen, gegen Deals zuschanzen und einen Staat, der nur für ein paar funktioniert. Kurz gesagt: dagegen, dass der Staat wie ein Mafia-Clan geführt wird.“

Nicht ganz falsch, aber es geht am Punkt vorbei. Eine Halbwahrheit eben.

Geradezu eine klassische Projektion ist der Absatz: „Vielmehr zeigen die Demonstrationen, die nun schon über vier Monate andauern, etwas anderes auf: Menschen, die sich einmal an die Demokratie gewöhnt haben, geben diese nicht so einfach wieder auf. Das ist der große Unterschied zum 20. Jahrhundert. Menschen haben die Vorzüge des Lebens in einer Demokratie – mit Sicherheit, mit Wahlen, mit Verantwortlichkeit von Politiker:innen und mit Presse- und Redefreiheit – nun so lange erlebt, dass man es ihnen nicht ohne weiteres nehmen kann.“

Inwieweit sich die Menschen in Serbien an Demokratie gewöhnt haben, ist höchst diskutabel. Formal ist Serbien eine Demokratie.

Das Ausmaß der politischen Einflussnahme auf Behörden und Medien ist beträchtlich. Nicht erst seitdem die SNS und Aleksandar Vučić die Macht übernommen haben. Korruption ist das Leitmotiv des politischen Systems in Serbiens seit dem blutigen Zerfall Jugoslawiens. Der einzige Premierminister, der sich dem entgegenstellte, erfuhr kein Happy End.

Man merkt: Es geht nicht um Serbien. Natascha will denen Mut machen, die sich dem wachsenden Autoritarismus in Europa, auch in Österreich, entgegenstellen.

Das ist löblich. Ein Mindestmaß an Interesse an der serbischen Protestbewegung würde dem freilich helfen.

Natascha, weißt du eigentlich irgendetwas über Serbien?

Rührend dieser Satz: „Demonstrant:innen kamen tagelang zu Fuß oder mit dem Rad, da sie Bedenken über das Funktionieren der staatlichen Infrastruktur hatten.“

Natascha, hast du eigentlich irgendetwas über die Proteste in Serbien gelesen? Oder irgendetwas über Serbien?

Die Fußmärsche der Studenten durch das ganze Land sind Teil des Protests selbst. Sie sollen ihn in die Kleinstädte tragen, in die Dörfer.

Sie sollen die Leute dort aufrütteln – überall werden die Studenten auf diesen Märschen wie Helden und Befreier begrüßt -, sie sollen auch die Studenten als Teil des Volkes präsentieren und herausstreichen, was sie alles bereit sind, für ein besseres und freieres Leben zu opfern.

Diese Fußmärsche sollen mobilisieren. Sie sind Aktion, nicht Reaktion.

Die Studenten werden nicht getrieben. Sie treiben.

Und bitte von welchem Funktionieren einer staatlichen Infrastruktur schwafelst du da?

Meinst du das kaum existente Eisenbahnnetz in Serbien? Oder meinst du das privatisierte Busnetz, zu dessen Gunsten die Eisenbahn seit Jahrzehnten vernachlässigt wird?

(Eine Reportage über den desolaten öffentlichen Verkehr im ehemaligen Jugoslawien findet ihr hier.)

Diese Kolumne demobilisiert potentielle Unterstützer

So bietet diese vorgebliche Analyse keine Informationen, die das Wesen der Massenproteste in Serbien auch nur halbwegs verständlich machen würden. Von der Wirkung her verschleiert der Text Mechanismen, Dynamik und Ziele der serbischen Demokratiebewegung mehr als dass er sie analysieren würde.

Deine Sympathien für die serbische Demokratiebewegung in allen Ehren, aber indem du dich so offensichtlich nicht mit der Situation auseinandergesetzt hast, und indem du doch so offensichtlich nicht interessierst für die Zustände im Land, beleidigst du die Menschen, die seit Monaten für eine bessere Zukunft auf die Straße gehen.

Zudem kann man aus dem Text die Botschaft herauslesen, dass die Demonstranten eigentlich schon gewonnen hätten. Das ignoriert, in welch komplizierter Lage die serbische Revolution ist. Dass sie auch scheitern kann, wird in dem Text nicht erwähnt.

Wenn man Menschen mobilisieren möchte, mit den Massenprotesten in Serbien solidarisch zu sein, erreicht man mit so einer Kolumne das Gegenteil.

Es wäre weniger peinlich gewesen, wenn das Moment Magazin reagiert hätte wie die KP-nahe Volksstimme. Die bringt in ihrer März-Ausgabe kein einziges Wort über die Proteste in Serbien. Auch nicht schön, aber immerhin tut man nicht so als ob.

Eine wirklich bedenklische Wortspende

Nicht weniger bedenklich ist ein Text, den eine jugoslawisch-deutsche Künstlerin auf einem ihrer Social Media Accounts veröffentlich hat.

Der Name sei hier nicht genannt. Es geht nicht darum, die Betroffene bloßzustellen.

Sie moniert, dass sich westliche Balkan-Experten zu Wort melden, oder überhaupt gefragt werden.

Wie lange wollt ihr uns noch unsere Konflikte erklären, und von uns profitieren, schreibt sie sinngemäß.

Auch hier steckt ein Körnchen Wahrheit drin.

Viele so genannte Balkan-Experten sind keine. Übrigens auch solche, deren Namen mit -ić enden. Mehr weiter unten.

Wie Natascha lesen sie drei Agenturmeldungen (Natascha wohl nur eine, aber das nur am Rande) und posaunen ihre westlichen Stereotypen über die balkanische Seele hinaus. Für ihre Auftritt in Medien kriegen auch nicht wenige Geld, oder sie verkaufen dank der Auftritte mehr Bücher oder kriegen Engagements auf Kongressen und was weiß ich.

Diese Sorte gibt es zweifelsfrei. Man kann getrost sagen: Es ist die Mehrzahl der sogenannten Balkan-Experten.

Es gibt auch solche, die hervorragende Arbeit leisten. Sie erst haben die so genannte westliche Welt auf die Proteste in Serbien aufmerksam gemacht. Stellvertretend sei hier Adelheid Wölfl genannt. Sie ist die Südosteuropa-Korrespondentin des Standard und eine der besten deutschsprachigen Journalistinnen in der Region.

Bei den Korrespondenten und Experten gibt es an sich erfreulicherweise auch immer mehr, die Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien haben. Viele machen das hervorragend. Vedran Džihić fällt einem hier auf der Forscher-Seite ein.

Martin Sellner gefällt das

Gleichwohl merkt man auch bei manchen balkanstämmigen Experten und Journalisten eine gewaltige Schlagseite. So wie die Mehrzahl der deutschsprachigen Schreiber über die Region nie ihren konservativen Bias loswerden, der tendenziell kroatisch-nationalistische Narrative bedient, so können sich auch viele -ićs nicht von den gar nicht so selten nationalistischen Narrativen ihrer Heimat oder der Heimat ihrer Eltern lösen.

Das gilt dann freilich als authentisch – und genau darin liegt eine der großen Gefahren der Forderungen der oben zitierten Künstlerinnen.

Für sie ist nicht tatsächliche oder vorgebliche Expertise ausschlaggebend. Für sie zählt alleine die Stimme des Blutes.

Wer den richtigen Nachnamen hat, darf auch noch den größten Unsinn erzählen, und niemand ohne Slawen-Pass darf ihm widersprechen.

Martin Sellner gefällt das.

Mich erinnert das an eine Unterhaltung, die ich vor längerer Zeit auf Twitter/X hatte.

Ein Neo-Četnik nahm Anstoß an einem meiner Artikel, in denen ich Draža Mihailovićs Kollaboration mit den Nazis angesprochen hatte, Die Četniks, so der Serbe, seien eine antifaschistische Widerstandsbewegung gewesen. Ich als Deutschsprachiger habe dazu zu schweigen.

Und egal, was die internationale historische Forschung zu dem Thema sehr einhellig zu sagen habe: Nur die Ex-Jugos hätten das Recht, das Verhältnis zwischen Četniks, Nazis und Partisanen zu klären.

Das bewegt sich völlig in der Logik des Postings der erwähnten Künstlerin.

Identitarismus in pseudo-emanzipatorischem Jargon

So sehr das Posting der Künstlerin auch in pseudo-antikolonialem Jargon daherkommen mag, so sehr sich die Betreffende auch für links und emanzipiert halten mag – eine eigene Tragik für sich -, so sehr ist dieser Standpunkt nichts anderes als der typische linksliberale Identitarismus, der sich bedauerlicherweise vor allem in jungen akademischen Kreisen ausgebreitet hat wie ein Krebsgeschwür.

Der ist nichts anderes als der Identitarismus von Martin Sellner in pseudo-emanzipatorischer Rhetorik. Es ist der so genannte Ethno-Pluralismus der Identitären, nur emotional gespiegelt. (Wer wissen will, wie Ethno-Pluralismus funktioniert, lese übrigens bei Natascha Strobl nach. Sie ist eine DER deutschsprachigen Expertinnen für diese Ideologie.)

Dass der Jargon des Liberalidentitarismus Versatzstücke der antikolonialen und antirassistischen Bewegungen der Vergangenheit verwendet, und mit reichlich gefühlsduseligen Opfernarrativen auflädt, macht ihn bedauerlicherweise für breite Teile eines untergebildeten Akademikertums in xxx-Studies besonders attraktiv.

Man kann so Revolutionär spielen, und gleichzeitig politisch an Uropa anknüpfen. Was man freilich selbst gar nicht so merkt.

Dieser in linksliberalen Kreisen als „Identity Politics“ beliebte Liberalidentitarismus hat mittlerweile erhebliche Teile der jungen linksliberalen und linken Funktionäre in seinen Bann gezogen – und ist einer der wichtigsten Faktoren, die die linke Bewegungen in den vergangenen 20 Jahren so entscheidend geschwächt haben. Wenn nicht gar der entscheidende Faktor.

Um noch einmal auf die Künstlerin zurückzukommen: Es schaudert einem bei dem Gedanken, sie würde ihre Meinung zu den Protesten in Serbien als Analyse verkaufen. Auf einem derart problematischen intellektuellen Fundament kann nichts Gutes herauskommen.

Gleichzeitig ist die Kritik an den vielen ausnehmend schlechten Wortmeldungen vieler westlicher „Balkan-Experten“ leider nicht von der Hand zu weisen. Genau das macht das liberalidentitäre Gefasel der Betroffenen für viele Leser akzeptabel. Und damit wahrscheinlich auch ihre Ideologie.

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3 Gedanken zu “Die Stunde der Dilettanten

  1. Ich verstehe nicht, warum Menschen, wenn sie zu Land X befragt werden, nicht einfach sagen können: „Dazu kann ich nichts Sinnvolles sagen. Ich war noch nie in X und spreche nicht einmal die Sprache.“

      1. Zum Glück bin ich davor weitgehend durch meine Faulheit gefeit.
        Wenn es irgendeinen Grund gibt, warum ich etwas nicht tun sollte, dann finde ich den. 😉

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