Die Massenproteste in Serbien haben ihren Höhepunkt überschritten. Vorbei scheint die serbische Revolution freilich nicht zu sein. Vor einigen Wochen habe ich mich auf die Suche nach ihr begeben.
Čubura. Neimar. Dorćol. Konjarnik. Stari Grad.
Graffiti, Sticker, Poster der Massenproteste, die das öffentliche Leben in Serbien seit mehr als einem Jahr dominieren, auf Lichtmasten, Bauabdeckungen, Ampeln. In jedem der Beograder Stadtbezirke, die ich besucht habe.
Ich bin nicht nach Beograd gefahren, um Spuren der Revolution zu suchen. Sie springen mir entgegen. So häufig, dass ich mich erneut mit den Massenprotesten beschäftigen muss.
Zu sagen, die Zeichen der serbischen Revolution seien überall, wäre übertrieben. Aber in dieser Dichte wird man die Logos, Symbole, Demoaufrufe einer noch so großen Massenprotestbewegung wohl in den wenigsten Städten finden.



Nicht alle sind frisch.


Ein Zeichen, dass diese Massenproteste ihren Höhepunkt überschritten haben. Sie glühen auf bemerkenswert hohem Niveau vor sich hin.
Das zeigen auch diese Sticker an Orten, die für die serbische Regierungspartei SNS besonders prestigeträchtig sind.


Die Studenten, die diese Proteste nach dem Einsturz des frisch renovierten Vordaches des frisch renovierten Bahnhofs in Novi Sad mit 16 Toten am 1. November 2024 anführen, machen weiter klar, wo sie stehen.

Das wird sich vermutlich auch bei der geplanten Großdemonstration in Niš am Sonntag zeigen.
Serbien ist nicht zur Ruhe gekommen
Die täglichen Protestmärsche in Novi Sad und Beograd mögen wöchentlichen gewichen sein. Aber es gibt sie weiter. Und nach wie vor blockieren Studenten täglich mindestens eine Straßenkreuzung im Stadtzentrum von Beograd, um mit 16 Schweigeminuten der 16 Toten von Novi Sad zu gedenken,
Auch in Kleinstädten wird nach wie vor demonstriert. Wenn auch nicht mehr so oft wie vor einem Jahr.
Das Land ist nicht zur Ruhe gekommen. Gleichzeitig steht das politische System noch.
Die Revolution hat nicht gesiegt. Die Revolution ist nicht vorbei.
Es ist ein widersprüchliches Bild, das sich in Serbien zeigt.
Wie etwa bei einer Unterhaltung mit zwei Philosophiestudenten.
„Es ist vorbei. Sie haben es nicht geschafft“, sagt mir der eine, der sich eher auf der konservativen Seite verortet.
„Vorbei ist es noch lange nicht. Warte nur ab“, sagt der andere. Er beschreibt sich als Syndikalist.
Kaum jemand scheint so recht zu wissen, wie die politische Lage einzuschätzen ist.
Hat das bestehende politische System rund um die einst allmächtige Regierungspartei SNS des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić die Massenproteste erfolgreich ausgesessen?
Haben die Proteste eine neue politische Realität geschaffen, an der auch Vučić nicht vorbeikann?
Wird die Protestbewegung, die auch von der SNS als Revolution bezeichnet wird – aus ihrer Sicht freilich eine aus dem Ausland gesteuerte – eine neue politische Ordnung durchsetzen?
Auch ein alter Freund und langjähriger Beobachter der serbischen Innenpolitik zeigt sich ratlos.
„Klar ist, dass Vučić nur an der Macht ist, weil die Studenten etwas sind, was er nicht ist: Sie sind nett“, sagt er, und zeigt sich der Meinung, dass entschiedeneres Vorgehen im Vorjahr das System Vučić hinweggefegt hätte. Für ganz vorbei hält er die Sache nach wie vor nicht. „Die Lage hat sich etwas beruhigt, aber die Proteste sind nach wie vor nicht vorbei. Was jetzt passieren wird, ist völlig unklar.“
Wie verfahren, widersprüchlich und unübersichtlich die politische Lage im Land ist, zeigen die Fassade und die Auslagenfenster der Galerie der Akademie der Bildenden Künste auf der Knez Mihailova in Beograd. Die Studenten waren und sind eine treibende Kraft der Proteste. Und nicht die einzigen, die das Gebäude für politische Statements nutzen.

Nach wie vor sind diese Proteste auch ein Dauerthema in Cafes und Bars.
Auch wenn ich das Thema nicht anspreche, irgendwann kommt eine Anspielung, spricht mein Gesprächspartner oder meine Gesprächspartnerin die Proteste aktiv an – ausgenommen einzig Menschen, die man relativ leicht als SNS-Parteigänger identifizieren kann.
Das zumindest der Stand im Jänner. Kaum vorstellbar, dass sich das nicht geändert hat.
Eine sozialwissenschaftlich fundierte Aussage ist das keineswegs. Mein Sample ist mitnichten repräsentativ.
Aber es ist augenscheinlich, dass sich SNS-Parteigänger nach wie vor in der Öffentlichkeit zurückhalten.
Vor eineinhalb Jahren war das anders.
Das kann sich auch wieder ändern. Gesellschaftliche und politische Stimmungen sind nichts Fixes.

Gerade die Massenproteste belegen das. Selbst am 2. November 2024 hätte niemand für möglich gehalten, dass ausgerechnet in Serbien Massenproteste ausbrechen, die das öffentliche und politische Leben des Landes seitdem dominieren, und die zumindest zeitweise eine ernsthafte Bedrohung für das serbische Regierungssystem waren.
Nicht einmal die Studenten, die zuerst auf der Straße standen, taten das.
Was die Proteste dauerhaft verändert haben
Geblieben ist ein mühsames Patt zwischen SNS und Protestbewegung. Keine Seite scheint stark genug, die Sache endgültig für sich zu entscheiden.
Auch das etwas, was man vor dem 1. November 2024 für unmöglich gehalten hätte.
Auch das etwas, das sich praktisch jederzeit ändern kann.
In zwei Dingen hat die Protestbewegung das politische Klima freilich dauerhaft verändert.
Sie hat die Sandžaklije aus ihrer marginalisierten Rolle befreit.
Und sie ist zum Vorbild für Proteste in der ganzen Region geworden.
Bei den laufenden Protesten nach einem tödlichen Straßenbahnunfall in Sarajevo greifen Aktivisten explizit auf Slogans und Symbole der serbischen Proteste zurück.
Das sind nicht nur die Roten Hände. Sie sollen das Blut symbolisieren, das die Machthaber nach Überzeugung der Aktivisten an ihren Händen haben.
Auch Gesänge der serbischen Protestbewegung hört man in leicht abgewandelter Form auf den Straßen der bosnischen Hauptstadt.
Heißt es in Serbien „Ko ne skače, taj je ćaci“ („Wer nicht hüpft, der ist ein Ćaci„), heißt es in Sarajevo: „Ko ne skače, taj je lopov“ („Wer nicht hüpft, der ist ein Dieb“).
Die Botschaft ist die Gleiche.
Zumindest das wird als Erbe der serbischen Revolution bleiben. Unabhängig davon, wie sie ausgeht. Oder ob sie bereits vorbei ist.
Mehr über die serbischen Massenproteste könnt ihr hier nachlesen.
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