Revolution? Ist uns wurscht.

Linke und liberale Bewegungen und Medien zeigen sich ausnehmend wortkarg zu den Massenprotesten in Serbien. Balkan Stories ist dem auf den Grund gegangen.

300.000 und mehr Menschen alleine auf der größten Demonstration in Beograd am 15. März, zehn- bis hunderttausende jede Woche auf der Straße in jedem Winkel des Landes.

Die Massenproteste in Serbien sprengen alles, was Europa mindestens seit 1989 erlebt hat.

Die Proteste der Massen, sie richten sich gegen ein politisches System, das als korrupt, autokratisch, nationalistisch verschrien ist. Auch und gerade bei linken und liberalen Bewegungen in Europa.

Denen ist der Aufstand breiter Teile der serbischen Bevölkerung bestenfalls ein schüchternes Räuspern wert.

Als prominenteste politische Stimme aus diesem breiten Spektrum meldete sich im deutschen Sprachraum Andreas Schieder zu Wort, EU-Parlamentarier für die SPÖ. Andi forderte die serbische Regierung auf, die Demonstrationsfreiheit in Serbien zu wahren. Die serbische Regierung schmetterte das postwendend als Einmischung in innere Angelegenheiten ab.

Ansonsten: Stille.

Die Revolution in Serbien, die ist linken und liberalen Kräften auf dem Kontinent offenbar weitgehend egal.

Auch die führenden Medien, die man diesem Spektrum zuordnen kann, widmen den Massenprotesten kaum eine Zeile.

Balkan Stories hat 14 Medien im deutschsprachigen Raum durchforstet, inklusive mehrerer Parteizeitungen.

Seit Jahresbeginn haben sich auf diesen Seiten insgesamt (!) 54 Artikel und Beiträge diversester Art unter dem Stichwort Serbien hauptsächlich mit den Protesten beschäftigt.

Balkan Stories alleine hat seit Jahresbeginn 34-mal über die serbischen Massenproteste berichtet. Das ist mehr als die beiden größten hier ausgewerteten Medien – taz.de und Zeit – zusammen.

Das wohlgemerkt unbezahlt, in der Freizeit und alleine. Alle anderen hier ausgewerteten Medien haben zumindest eine Redaktion, die aus mehr als einem Mitglied besteht. Und die allermeisten sind kommerzielle Medien oder verfügen über eine ausreichende Finanzierung, etwa über Parteienförderung.

Die Ergebnisse der Recherche im Detail

Am umfangreichsten hat bislang die taz berichtet. Sie kommt auf 16 Einträge zum Thema. Das schließt einen Beitrag des Nachrichtenpodcasts ein, in dem die Massenproteste in Serbien zumindest vorkommen.

Dass die taz einigermaßen umtriebig ist bei dem Thema, ist wenig überraschend. Mit Krsto Lazarević haben sie einen der kompetentesten Journalisten zur Region im deutschsprachigen Raum an Bord. Ergänzt wird seine Arbeit von Andrej Invanji, dem Herausgeber und Chefredakteur der renommierten kritischen und unabhängigen Beograder Wochenzeitschrift Vreme. Der schreibt für die taz auf Deutsch.

Entsprechend gut und hintergründig fällt die Berichterstattung der taz aus – man wagt zumindest im Auslandsteil mal Journalismus. Der fällt ansonsten immer häufiger dem politischen Rechtsruck der Redaktion und ihrem liberalidentitärem Aktivismus der vergangenen Jahre zum Opfer. Aber selbst die taz berichtete nicht über wichtige Entwicklungen – etwa das Messerattentat auf die prominente Aktivistin Natalija Jovanović bei einer Kundgebung in Niš am Sonntag.

Und: 16 Artikel in drei Monaten, das bewegt sich im Promillebereich dessen, was in der taz in dem Zeitraum erschienen ist.

Wenn wir beim Begriff Zeit sind – das bedeutet Vreme im serbischen Idiom der Sprache ohne Namen -: die gleichnamige deutsche Wochenzeitschrift hat zumindest online seit Jahresbeginn zwölf Artikel zu den Massenprotesten in Serbien. Die Frankfurter Rundschau hat genauso viele.

Das Neue Deutschland kommt auf neun. Das ist auffällig wenig für eine Tageszeitung, die sich selbst als sozialistisch versteht. Man könnte meinen, dass gerade dort Revolutionen auf großes Interesse stoßen würden.

Die Zeitschrift Sozialismus und die zugehörige Seite sozialismus.de haben seit Jahresbeginn kein Wort über die Proteste in Serbien geschrieben.

Das linksliberale österreichische Online-Magazin Moment des Thinktanks Momentum kommt auf einen einzigen Kommentar – und von dem wäre es besser, er wäre nie geschrieben worden.

Viel offenkundiger als mit der oberflächlichen Phrasendrescherei in diesem Artikel kann man nicht dokumentieren, dass einem das Thema nicht einmal eine Stunde Recherche wert ist.

(Mehr siehe hier.)

Diese ausgeprägte Ignoranz setzt sich fort. Das Online-Magazin kontrast.at des Parlamentsklubs der SPÖ etwa hat zu den Massenprotesten in Serbien nichts zu sagen.

Genausowenig wie die Kommunistische Partei Österreichs auf ihrer Seite. Auch die KPÖ-nahe Monatszeitschrift Volksstimme hat dem Thema seit Jahresbeginn keine Zeile gewidmet.

Fabian Lehr, der wahrscheinlich reichweitenstärkste marxistische Youtuber im deutschen Sprachraum, hat auf seinem Kanal bislang ebenfalls kein Video zu den serbischen Massenprotesten.

Der Funke – das Online-Magazin der nunmehrigen Revolutionären Kommunistischen Partei – kommt auf immerhin drei Artikel seit Jahresbeginn. Das ist angesichts des gesamten Outputs auf der trotzkistischen Seite ein ganz beachtlicher Anteil.

Die Sozialistische Offensive hat immerhin eine Analyse zum Thema. Im Gegensatz zu den großen linken und linksliberalen Medien ist sie übrigens die einzige, die die Frage stellt, wie sich die Gewerkschaften zu den Massenprotesten verhalten. Spoiler: Nicht.

Nach dieser Auswertung ist es offiziell: Balkan Stories hat die umfassendste Berichterstattung zu den Massenprotesten in Serbien im deutschsprachigen Raum.

Das ist angesichts der Tatsache, dass Balkan Stories keine kommerzielle Seite ist, und mit Ausnahme einiger Spender (mehr in ein paar Tagen) keinerlei Einnahmen hat, auf keine Nachrichtenagenturen zurückgreifen kann, und von mir in meiner Freizeit betrieben wird, etwas bedenklich.

Und lässt tief blicken, mit welchem ausgeprägten Desinteresse der deutschsprachige Raum auf seine südöstlichen Nachbarn blickt.

Dass das auch für linke und liberale Bewegungen und Medien gilt, ernüchtert.

Überraschen sollte es nicht.

Die dreigeteilte Linke

Vor allem die deutschsprachige Linke ist seit jeher dreigespalten in ihrer Sicht auf das ehemalige Jugoslawien im Allgemeinen und Serbien im Speziellen.

Etwas überspitzt sieht das so aus:

Der Großteil ist erfreut, wenn Dragica bei ihnen zuhause putzt. Mittlerweile geht die kulturelle Wertschätzung so weit, dass sie gelegentlich Sarma oder Pasulj mitbringen darf. Dass es bei ihr zuhause Proteste für Rechtstaat und Demokratie gibt, ist nett. Aber sie soll bitte nicht zu spät kommen für die nächste Wohnungsreinigung.

Eine größere Gruppe sieht Serbien als Inbegriff des Bösen, zeit- und raumlos. Groß-Serbien, Nationalismus, Korruption, organisierte Kriminalität, serbisch-russische Bruderschaft. Die Serben werden sich in ihrer Sicht nie ändern. Warum sich näher interessieren für sie?

Die kleinste Gruppe, tendenziell die, die am weitesten links steht, sieht in Serbien den alleinigen Nachfolger Jugoslawiens, und verklärt die heutigen Zustände im Land aus einer jugonostalgischen Brille. Für sie ist Serbien vor allem Opfer ausländischer und im speziellen westlicher Umtriebe. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić ist entweder von der EU installiert oder ein aufrechter antikolonialistischer Kämpfer, oder beides. Die Proteste gegen ihn sind im Zweifelsfall als von der CIA gesteuert zu betrachten.

Menschen, die in keines der drei Lager fallen, sind eine vergleichsweise kleine Gruppe.

Das erklärt, warum in dem sehr breiten – aber nicht sehr großen – Spektrum links der politischen Mitte kaum ein Interesse besteht, überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, dass es in Serbien Massenproteste gibt. Geschweige denn, um was es geht.

Das ist natürlich eine vereinfachte und polemisierende Darstellung. Aber weitaus weniger vereinfachend und polemisierend als die Sicht deutschsprachiger Liberaler und Linker auf den Balkan im Allgemeinen und Serbien im Besonderen.

Dazu kommt, dass die revolutionäre Linke von wenigen Splittergruppen abgesehen tot ist.

Revolutionen oder politische Massenbewegungen wie die Massenproteste in Serbien sind den meisten Linken wurscht.

Es sei denn, sie finden eine breite öffentliche Aufmerksamkeit. Dann kann man schnell und ungefährlich Revolutionär spielen. Das zeichnet sich gerade bei den Massenprotesten in der Türkei ab.

Keine Ansprechpartner für Parteien, kein Geld bei Medien

Es wird nicht besser dadurch, dass die etablierte Linke die früher viel beschworene internationale Solidarität mittlerweile über Bord geworfen hat – oder bestenfalls noch in verkrusteten Strukturen lebt.

Hier spielt auch eine Rolle, dass das politische Spektrum gerade in Serbien keine verlässlichen Ansprechpartner bei den parlamentarischen Parteien mehr bietet. Die Gewerkschaften haben sich weitgehend mit der SNS arrangiert. Man hat niemanden mehr, bei dem man sich erkundigen könnte.

Für die Liberalen gilt das genauso.

Gehaltvollen Stellungnahmen zu den Massenprotesten in Serbien stehen das eigene Desinteresse und der Mangel an grundlegendem Wissen über Strukturen und Zustände im Wege.

Dass sich das in den Medien wiederspiegelt, die dieses Spektrum als Zielgruppe haben, ist nur folgerichtig.

Hier kommt erschwerend hinzu, dass dank Google und Co bei Qualitätszeitungen die Mittel immer knapper werden. Die taz hat vor kurzem ihre Printausgabe an Wochentagen eingestellt. Die Frankfurter Rundschau, einst eine der größten SPD-nahen Zeitungen Deutschlands, überlebte nur knapp dank Übernahme durch einen neuen Eigentümer.

Das wenige Geld, das man dort für Auslandsberichterstattung hat, investiert man lieber in Weltgegenden, die die Leser ansprechen. Selbst wenn schon Hinz und Kunz über genau diese Weltgegenden das Gleiche schreiben, wie man selbst. Das sind die USA, die Ukraine und Israel, und vielleicht noch China.

Das verengt die Sicht auf ein Thema, an dem ohnehin nur mäßiges Interesse besteht.

Das erklärt, wie eine Revolution mit ungewissem Ausgang in der Nachbarschaft stattfinden kann, ohne, dass es die sozusagen natürlichen Verbündeten mitkriegen. Und selbst wenn sie es tun, ist es ihnen einfach wurscht.

Titelfoto: Kramar

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