Das politische System Serbiens steckt in seiner tiefsten Krise bisher. Die Massenproteste und die Regierung kämpfen um die Kontrolle des öffentlichen Raumes und die Zukunft des Landes, wie diese Reportagereihe aus Novi Sad und Beograd zeigt.
„Hvala ti, prijatelju“, stoße ich mit einem Kloß im Hals hervor, als sich ein Passant vor dem Bahnhof von Novi Sad bekreuzt. „Danke dir, Freund“.

Das Vordach des Bahnhofs stürzte am 1. November 2024 um 11:52 ein. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen. Das jüngste Opfer war acht Jahre alt.
Ihre Namen sind: Sara, Valentina, Đorđe, Milica, Nemanja, Anđela, Miloš, Stefan, Sanja, Goranka, Vukašin, Mileva, Đuro, Vasko, Anja und Vukašin.

Der Bahnhof war frisch renoviert und war in den Monaten davor mit Pomp eröffnet worden – und das gleich zwei Mal.
Ich bin Atheist. Religiöse Gesten sind mir fremd. Als ich mir die verwelkten Blumen und die Spielsachen ansehe, mit der die Novi Sader den Ort der Katastrophe zu einem Gedenkort gemacht haben, rinnen Tränen meine Wangen herunter.
Der Fremde, der hier vorbeigeht, ist offensichtlich religiös. Er zollt den Opfern auf seine Art Respekt. In dieser Situation macht ihn das zu einem Freund.
Einige Menschen gehen hier auf dem Weg vom Stadtzentrum zum Busbhanhof oder umgekehrt vorbei. Einige bleiben stehen, gedenken der Toten. Eine ältere Frau bekreuzigt sich auf orthodoxe Art.




Die Wunde, die nicht verheilt
Die Katastrophe hat eine Wunde gerissen, die nicht verheilt. Auch nicht sieben Monate nach dem Unglück.
Das liegt zum Teil an den Massenprotesten. Die Proteste drückten und drücken aus, was den Einsturz des Vordachs verursacht hat: Schlamperei und Korruption.
Dass die Wunde nicht verheilt, liegt auch daran, wie das Regime mit der Katastrophe umgegangen ist. Unmittelbar nach dem Einsturz sagte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić öffentlich, dass der Novi Sader Bahnhof renoviert worden sei – nur das Vordach habe man nicht renoviert.
Kritiker sagen, dass die Regierung bis heute nicht alle Dokumente und Verträge zur Renovierung des Bahnhofs veröffentlicht hat. Firmen mit engen Beziehungen zur serbischen Regierungspartei SNS waren an den Bauarbeiten beteiligt.

Der Bahnhof ist auch sieben Monate nach der Katastrophe gesperrt. Bis heute gibt es keine umfassende Untersuchung, wie es um die Statik des Gebäudes bestellt ist. Niemand will bescheinigen, dass das Gebäude sicher ist.
Der Einsturz des Vordachs hat für viele die Illusion zerstört, dass sie in einem Staat leben, der aus ihrer Sicht korrupt ist, aber wo es wenigstens ein Mindestmaß an Verlässlichkeit und Sicherheit gibt. „Morgen fahre ich mit dem Zug nach Beograd“, sagt Leka. Er ist ein alter Freund aus Novi Sad. „Ich fühle mich nicht sicher, um es offen zu sagen.“
Dass sie sich nicht mehr sicher fühlen, das hört man von vielen Menschen, in Novi Sad und in Beograd, und anderswo. Wenn das Vordach eines frisch renovierten Bahnhofs einstürzen kann, was kommt noch? Im April stürzte eine Decke in einer Grundschule nahe Kragujevac ein. Auch sie frisch renoviert. Es waren Osterferien. Keine Kinder waren im Gebäude.
Der Kampf um den öffentlichen Raum
Seit der Katastrophe von Novi Sad gehen die Menschen in Massen auf die Straße. Angeführt werden die Proteste von Studenten. Die Demonstrationen und die Blockade der öffentlichen Unis des Landes dominieren seit sieben Monaten den öffentlichen Raum und das politische Leben Serbiens. Nach wie vor gehen Menschen auf die Straße, auch in Kleinstädten und Dörfern. Nicht mehr so viele wie etwa im März, aber immer noch.

“In Novi Sad haben wir nach wie vor jede Woche größere Demonstrationen”, sagt Leka. Dazu kommen die täglichen Mahnwachen für die Opfer – hier, in Beograd und anderswo. Studenten blockieren 16 Minuten lang Straßen und Kreuzungen und schweigen. Eine Minute für jedes Opfer des 1. November.
Zeichen der Proteste sieht man überall. Pickerl, Graffitis, Transparente, Buttons.

Man sieht an diesen Zeichen auch, wie Anhänger der Regierung und die Protestierenden um den öffentlichen Raum ringen.
Viele Slogans oder Poster sind abgewaschen, abgerissen, runtergekletztelt, ganz oder teilweise. So wie an diesem Baustellenzaun rund um das ewig scheinende Projekt einer Tiefgarage beim Trg Slobode im Stadtzentrum von Novi Sad. Er war ganz rot angemalt gewesen. Rot, wie das Blut das Opfer.

Manchmal ist nicht klar, ob sich etwa Regierungsanhänger und Demonstranten einen Wettstreit liefern, welche Poster sichtbar sind, oder ob die Stadtregierung rigoros gegen illegales Plakatieren vorgeht.

Zahlreiche Mistkübel sind mit Slogans gegen die SNS besprayt.

Jeder Mensch in Serbien versteht die Botschaft auf dieser Bushaltestelle am Bulevar Mihajla Pupina. 16. Die Zahl der Toten von Novi Sad.

Und die roten Hände. Sie sind das Logo der Massenproteste. Sie stehen für das Blut, das in den Augen hunderttausender Demonstranten das serbische Regime an seinen Händen hat.




Zeigen diese Zeichen, dass die Protestbewegung noch stark ist, oder sind es Erinnerungsstücke einer gescheiterten Revolution?



Der Druck auf die Protestbewegung
In dieser Bar im Stadtzentrum steht eine Spendenbox für die Studenten und die Beschäftigten der Universitäten in Serbien. Studenten im ganzen Land blockieren seit sieben Monaten ihre Fakultäten und haben das höhere Bildungssystem im ganzen Serbien lahmgelegt. Professoren und Beschäftigte der Unis unterstützen ihre Studenten öffentlich.

Das Regime versucht, mit Druck auf sie den Streik zu beenden. Es hat Beihilfen für die Studenten ausgesetzt. Das Lehrpersonal auf den Unis hat seit Monaten kein Gehalt bekommen.
„Meine Frau unterrichtet auf der Kunstakademie“, sagt Igor, ein weiterer Freund aus Novi Sad. „Sie hat seit vier Monaten kein Geld gekriegt. Ich bin Freelancer, und mein Einkommen ist aus anderen Gründen in den vergangenen Monaten eingebrochen. Wir haben noch keine größeren finanziellen Probleme, aber bald werden wir uns Sorgen um unsere Lage machen müssen.“
Mit dem Streichen der Gehälter versucht die Regierung, Studenten und Professoren zu spalten. Bislang hat das nicht funktioniert.
Igor sorgt sich nicht nur um seine finanzielle Lage. Er hat die Massenproteste aktiv unterstützt. „Ich war auf zahlreichen Demos und Blockaden, auch hier am 1. Februar und in Beograd am 15. März. Und nach sieben Monaten sind diese Leute immer noch an der Macht. Wenn das eine Revolution ist, ist sie gescheitert“, sagt er.

Die Alten sind pessimistisch
Auch Ivan ist, was man einen Veteran der außerparlamentarischen Opposition in Serbien nennen kann. Er spricht sich offen gegen den nationalistischen Konsens der serbischen Politik aus und kritisiert die offene Korruption im Land – und das seit einer Zeit, wo weder Aleksandar Vučić noch seine SNS an der Macht waren. In den 13 Jahren seit dem Aufstieg der SNS hat sie das System des Klientelismus in Serbien perfektioniert.
Auch Ivan verliert die Geduld mit der Protestbewegung. „Nichts hat sich geändert. Das ist so typisch“. Für Ivan sind die Studenten teilweise dafür verantwortlich. Ihre Disziplin und die bemerkenswerte Organisation haben dafür gesorgt, dass die Proteste von der Seite der Demonstranten her bislang friedlich geblieben sind. Aus Ivans Sicht mag das die Massenproteste etwas zu zahm gemacht haben. „Sie haben ihren Moment verloren“.
Für ihn ist der Zorn in der serbischen Gesellschaft so groß, dass entschiedeneres Handeln die serbische Regierung leicht hätte stürzen können.

Ivan überlegt ernsthaft, in ein paar Monaten in ein westliches Land auszuwandern. „Ich habe eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wenn sich nichts ändert, bin ich weg“.
Er ist nicht der Einzige, der mit der Gewaltlosigkeit der serbischen Revolution hadert. Spätere Gespräche in Beograd werden das zeigen.
„Jetzt kommt der Sommer, und was von den Demonstranten übrig ist, wird sich wahrscheinlich auflösen, weil die Leute lieber Sommerferien machen wollen als die Proteste am Leben erhalten“, sagt Ivan. Er verheimlicht nicht, dass er enttäuscht ist. Aus seiner Sicht hat Vučić die Sache erfolgreich ausgesessen und kann an der Macht bleiben, ohne großartig etwas zu ändern. Igor sieht das ähnlich.
Viele ältere Unterstützer der Massenproteste sehen das so. Viele engagieren sich seit Jahrzehnten gegen Korruption und Nationalismus, und haben Bewegung um Bewegung scheitern gesehen – und nicht erst, seitdem Vučić an der Macht ist. Die Studenten hatten sie aus ihrer Resignation gerissen und ihnen neue Hoffnung gegeben. Das scheint für viele vorbei zu sein. Ihre Enttäuschung ist umso bitterer, ihre Einschätzungen sind umso pessimistischer.
„Wir geben jetzt nicht auf“
Im Innenhof des Hotel Vojvodine legt eine Djane auf einer Open Air Party in einer Nacht Anfang Juni auf. Viele der jungen Teilnehmer tragen Buttons der Protestbewegung. Die meisten sind Studenten oder frisch aus der Uni.
„Pumpaj, pumpaj“, beginnt die Menge plötzlich zu skandieren. Das ist der mehr oder weniger offizielle Slogan der Protestbewegung. Dann singen sie: “Ko ne skače, taj je ćaci“. “Wer nicht hüpft, der ist ein Ćaci”.





Ćaci, das sind die Gegendemonstranten des Regimes. Sie haben ihr eigenes Camp im Pionirski Park im Zentrum von Beograd. Es wird von der Polizei geschützt. “Ko ne skače, taj je ćaci“ ist zu einer der Phrasen der Proteste gegen die Regierung geworden.
Sollte diese Revolution gescheitert sein, hat niemand ihre Aktivisten informiert.
“Wir werden das am Leben erhalten”, sagt Lenka. Sie ist in ihren frühen 20-ern und arbeitet auf einer der blockierten Fakultäten. Während unserer Unterhaltung scheint ihr die Vorstellung gar nicht zu kommen, dass diese Proteste scheitern könnten. Auch ihre Freundin Dunja wirkt sehr optimistisch.
So wie ein anderer Partygast. Ich hab keine Zeit, ihn nach seinem Namen zu fragen. “OK, es hat sich ein wenig verlangsamt. Es ist halt Sommer. Aber wir haben so viel da reingesteckt, wir geben jetzt nicht auf.”
Sara ist Kellnerin in einer Bar im Stadtzentrum. “Ich bin selbst Studentin. Ich weiß, wo meine Solidarität liegt”, sagt sie. “Wir haben schon viel erreicht, und wir werden den Druck auf die Regierung aufrechterhalten”. Sie spendet selbst von ihrem Lohn als Kellnerin für die Studenten und die Beschäftigten der Unis.
Die Hauptsache sei freilich, die Unterstützung der älteren Generation aufrechtzuerhalten. „Alleine schaffen wir das nicht“. Das könnte zu einem Problem werden.
Der zweite Teil dieser Reportagereihe wird analysieren, wie die Stimmung unter Unterstützern der Proteste in Beograd ist. Er wird hier in einigen Tagen erscheinen.
Einige der Namen sind geändert. In einigen Fällen geschieht das, um meine Interviewpartner zu schützen. Einige fürchten, dass ihre Unterstützung für Protestbewegung ihnen Nachteile bringt. In anderen Fällen stammen einige der Aussagen aus privaten Unterhaltungen. Sie werden hier verwendet, weil sie zu einem Gesamtbild der Massenproteste aus Sicht ihrer Unterstützer beitragen.
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