Hunderte Wiener Serben haben am Samstag die parallel laufenden Studentenproteste in der südserbischen Stadt Niš mit einer eigenen Demonstration unterstützt. Vor der serbischen Botschaft forderten sie grundlegende Änderungen in der alten Heimat: Rechtstaatlichkeit, Demokratie und einen entschiedenen Kampf gegen Korruption.
Noch gellen Pfiffe durch die Luft, Buhrufe. „Pumpaj“, rufen dutzende Leute, seit Wochen der inoffizielle Slogan der Massenproteste in Serbien. „Pumpe!“
Gut dreihundert Menschen sind heute hier, vielleicht auch 400. Sie stehen bis in die Seitengassen.
Die Polizei hat den Platz vor der serbischen Botschaft in Wien abgesperrt. Auch Journalisten dürfen nicht durch, um Überblicksfotos von der Menge machen zu können – die nur aus der abgesperrten Zone möglich wären. Die Sicherheitsvorkehrungen erschweren journalistische Arbeit.




Katarina ist am Megaphon. Sie organisiert seit Monaten die regelmäßigen Solidaritätsdemonstrationen in Wien mit den Massenprotesten in Serbien.

Der Minutenzeiger der Uhr hüpft auf 11:52.
Die aufgebrachte Menge schweigt. Und schweigt. Und schweigt.
Es war genau 11 Uhr 52 am 1. November 2024 als das Vordach des Bahnhofs von Novi Sad einstürzte und mit seinen Trümmern 15 Menschen erschlug.

Für jedes der Opfer gibt es eine Schweigeminute.
Studentinnen und Studenten legen vor der Polizeiabsperrung ein schwarzes Herz mit einem Namen und einer weißen Nelke für jeder der Opfer der Katastrophe nieder.

Katarina rinnen Tränen herunter. Vielen Demonstrantinnen und Demonstranten sieht man ebenfalls die Trauer an.

Genau zum gleichen Zeitpunkt machen im südserbischen Niš tausende Studenten und zehntausende Sympathisanten das Gleiche. Schweigen 15 Minuten lang. Gedenken der Toten von Novi Sad.
Das ist, wenn man so will, der rituelle Kern der Massenproteste, die seit drei Monaten das öffentliche Leben in Serbien dominieren und Ende Jänner die Regierung zum Rücktritt zwangen.
Die Toten von Novi Sad sind zum Symbol der allgegenwärtigen Korruption geworden
Die Toten von Novi Sad, sie sind zum Symbol der allgegenwärtigen Korruption in Serbien geworden. Der Bahnhof der Hauptstadt der Vojvodina war gerade frisch renoviert und mit Pomp eröffnet worden. Teil eines Prestigeprojekts von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und seiner Partei SNS.
Viele der Bauaufträge waren an Firmen mit engen Verbindungen zur SNS gegangen. Gleich nach dem Unfall versuchte die Regierung, zu vertuschen, was möglich schien. Unter anderem wurde behauptet, das Vordach des Bahnhofs sei gar nicht renoviert worden.
Erst als die Studenten des Landes begannen, an Fakultät um Fakultät in den Streik zu treten und auf die Straße gingen, wurde die Wahrheit stückchenweise bekannt. Bis heute freilich sind nicht alle Dokumente rund um die Bauarbeiten am Bahnhof von Novi Sad veröffentlicht – wie es die Studenten in Serbien und hunderttausende serbische Bürgerinnen und Bürger fordern, die seit Monaten im ganzen Land demonstrieren.
Der Stolz einer Mutter
Eine der Studentinnen ist die Tochter von Branislava, die seit einer halben Ewigkeit in Wien lebt. „Meine Tochter gehört zu den Studenten, die für die heutige Demonstration zu Fuß nach Niš marschiert sind“, sagt Branislava, und sie sagt es so stolz, wie es eine Mutter nur sagen kann.
Die Fußmärsche der Studenten durchs ganze Land, auch sie sind mittlerweile ein Fixpunkt der Massenproteste. Der Sternmarsch nach Niš ist der mittlerweile dritte, nach dem zum serbischen Nationalfeiertag Sretenje in Kraguvevac vor zwei Wochen und dem Großprotest in Novi Sad vor vier Wochen.
Wo auch immer die Studenten durchziehen, sie werden empfangen wie Helden und Befreier.
Aus den Studentenprotesten ist eine Volksbewegung geworden
So klein kann ein Dorf nicht sein, dass man ihnen nicht Wegzehrung mitgibt. Wie irgendwo bei Bajina Bašta, wo an einem Pfosten eine Flasche Bier und Jugolimonade hängen. „Malinari su uz studente“ steht auf einem handgeschriebenen Schild. Oder in Slatina bei Čačak. In dem Dorf mit heute wahrscheinlich nicht mehr als 200 Einwohnern waren am frühen Montagnachmittag gut 30 Leute auf der Straße, um die Studenten zu begrüßen, die hier durchzogen.
Die Studenten tragen mit ihrem mittlerweile drei Monate dauernden Streik und ihren täglichen Protesten die Hauptlast. Aber längst sind diese Proteste für Rechtstaat und Demokratie und gegen Korruption zu einer Volksbewegung geworden.
„Studenti, studenti“, „Studenten, Studenten“, das ist ein Ruf, den man oft hört bei den Massenprotesten in serbischen Städten. Auch in Wien ertönt der Ruf mehr als einmal.
Nicht nur Branislava kann auf ihre Tochter stolz sein, die nach Niš marschiert ist. Auch die Tochter kann stolz sein auf die Mutter: Branislava ist vor vier Wochen aus Wien nach Novi Sad gefahren, um dort für Veränderungen in der alten Heimat zu demonstrieren.
„Jeder macht, was er kann“
Viele, die diesen Samstag in Wien auf der Straße stehen, sind nicht zum ersten Mal hier. Und sie stecken viel Engagement in diese Proteste. Iva aus Beograd etwa ist Dolmetischerin in der österreichischen Hauptstadt. Sie hat sich im neunten Wiener Gemeindebezirk eine weiße Haube mit dem offiziellen Slogan der Proteste bedrucken lassen: „Ruke su vam krvave“. „Eure Hände sind blutig“.

„Ich bin schon zum zweiten Mal hier“, sagt sie. „Wenn wir Veränderung wollen, müssen wir uns auch dafür einsetzen“.
Auch Marko greift mit seinem Beitrag ein Motiv der Proteste in Serbien auf. Er hat eine Ferrari-Fahne mitgebracht. „Das ist seit den 1990-ern ein fixer Bestandteil von Protesten bei uns“, sagt er. Für Außenstehende mag das etwas befremdlich wirken, für Serbien ist es ein gut verständliches Signal. Wer eine Ferrari-Fahne auf einer Demo trägt, ist gegen ein als autoritär und korrupt empfundenes Regime.

„Die Veränderung hat bei uns bereits begonnen“, schildert Marko. „Und es werden drastische Veränderungen sein“, zeigt er sich optimistisch.
„Wir tun alle, was wir können“, schildert Danijel. Er ist heute das erste Mal Ordner auf einer Demo. Seit drei Jahren studiert er in Wien Slawistik. „Ich bin nach Novi Sad gefahren, und hab mich da mit den Studenten beraten“, sagt er. „Die einen können etwa spenden, die anderen Fotos machen, andere können eben Ordner sein. Jeder macht, was er kann.“

Das ist für ihn eine im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitende Aufgabe. Er selbst kommt beispielsweise aus Bijelina in Bosnien. „Es ist egal, wo wir herkommen, ob aus Serbien, aus Bosnien oder Kroatien: Nur gemeinsam können wir Veränderung erreichen.“
Das tun auch in den Herkunfstländern viele Menschen: Die Massenproteste in Serbien haben Protestbewegungen auch in Montenegro und Bosnien inspiriert. Sehr explizit begreifen die Aktivisten aller drei Länder ihren Kampf für Demokratie und Rechtstaat und gegen Korruption als einen gemeinsamen.
Irgendwo unter den hunderten Demonstranten in Wien ist heute auch eine Gruppe Griechen. Auch in Griechenland fordert eine wachsende Protestbewegung die Aufklärung der Zugkatastrophe von Larissa mit 57 Toten vor zwei Jahren. Große Teile der Bewegung haben sich den Protesten in Serbien solidarisiert.
Katarina bedankt sich ausdrücklich bei ihnen: „Wir kämpfen gemeinsam für eine Zukunft, an die wir glauben, in Serbien, in Griechenland, in Österreich.“
In Wien ist man weniger zurückhaltend als in Serbien
Einen Moment lang pausiert Katarina, lässt den Arm mit dem Megphon hängen. Die Erschöpfung der gebürtigen Beograderin wird für diesen kurzen Moment sichbar. Sie schultert die Hauptlast der Organisation in Wien, hat täglich mit 20, 30 Leuten Kontakt, gibt Interviews, ist alle zwei Wochen die Hauptrednerin auf diesen Protesten.

(Ein Portrait Katarinas könnt ihr auf dem Podcast Ženergija von Zoe Gudović hören.)
Zur Organisation gehört mittlerweile auch, Geld für die Studenten in Serbien zu sammeln.
Vielen wurde die staatliche Beihilfe gestrichen, seitdem sie vor drei Monaten in den Streik getreten ist. Viele sind so an den Protesten beteiligt, dass sie keine Zeit mehr für bisherige Teilzeitjobs haben.
In Wien werden zwei Boxen herumgereicht.
Die Demoteilnehmer geben reichlich. Fünf Euro hier, zehn Euro dort.
Die kleinen Töchter von zwei Demoteilnehmern wollen sich ebenfalls beteiligen.

Ein junger Mann kratzt ein paar Münzen zusammen. „Was soll ich tun? Ich hab nicht mehr. Ich bin auch Student“, sagt er.

„Vučiću, odlazi“ rufen mittlerweile Dutzende Demonstranten. „Vučić, trete zurück“.
In Serbien würde man das nicht so offen auf Studentenprotesten hören. Die Studenten lassen den Präsidenten ins Leere laufen, berufen sich auf seine verfassungsmäßige Rolle, die ein weitgehend zeremonielles Amt vorsieht.
Real laufen alle politischen Fäden bei Vučić zusammen. Er macht kein Geheimnis daraus. In Interviews, seinen täglichen Ansprachen das Volk und auf seinem Instagram-Kanal inszeniert er sich als der, der alle wichtigen Entscheidungen im Land trifft.
Dass die tiefgreifenden Veränderung, die die Studenten fordern, mit ihm als allmächtigem Staatspräsidenten nicht geben kann, gilt als derart offensichtlich, dass es nicht ausgesprochen werden muss – und nicht ausgesprochen werden sollte.
Die Studenten halten sich strikt von jeder Parteipolitik fern, inszenieren ihre zutiefst politischen Forderungen als apolitisch, selbstverständlich.
In Wien herrschen andere Verhältnisse. Hier benennt man offen, was beziehungsweise wen man für das größte Hindernis beim Weg in ein besseren Serbien hält.




Die Forderungen an Vučić, zurückzutreten, werden wohl auch in zwei Wochen zu hören sein. Dann werden Teile der serbischen Dijaspora wieder auf der Straße stehen, diesmal am Platz der Menschenrechte.
Am 15. März wird es wieder 11 Uhr 52 am Vormittag in Wien werden.
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