Mural Sarajevo Olympics

Sarajevo Safari: Der MDR vergibt eine Chance

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat sich der Sarajevo Safari angenommen. Der Rahmen, den er seiner Mitarbeiterin zur Verfügung gestellt hat, ist leider ungenügend. Eine Rezension.

Reiche Ausländer haben während der Belagerung von Sarajevo in den 1990-ern viel Geld bezahlt, um von serbischen Stellungen aus Jagd auf Zivilisten zu machen. Nach ersten Berichten in den 1990-ern riss vor allem eine slowenische Dokumentation vor drei Jahren Wunden in Sarajevo auf. Ermittelt wird freilich erst seit wenigen Wochen. Nicht in Bosnien. Die Staatsanwaltschaft Mailand hat offiziell Ermittlungen aufgenommen.

(Mehr lest ihr im Archiv von Balkan Stories.)

Ein umfassender Themenkomplex, der eine tiefergehende Behandlung verdient. Der MDR hat sich des Themas mit einer Fernsehreportage in der Reihe „Heute im Osten“ angenommen. So weit, so lobenswert.

Allein, der Sender hat seiner Mitarbeiterin Mirella Sidro nur viereinhalb Minuten Sendezeit eingeräumt.

Das ist zu wenig.

In diesem Rahmen kann eine umfassende Analyse nur scheitern. Zu viele Aspekte müssen in diesen engen Rahmen hineingepackt werden.

In dem engen Rahmen muss Mirella weitgehend auf O-Töne aus Interviews verzichten, die sie für die Reportage geführt hat, etwa mit der früheren Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karić.. Die Interviewpartnerinnen- und partner werden häufig nur zitiert.

Hätte der MDR Mirella acht oder zehn Minuten Sendezeit eingeräumt, hätte sie zu diesem Thema eine erstklassige Stimmungs- und Hintergrundreportage machen können. Hat sie ja immer wieder mit ihren Reportagen aus der Region gezeigt.

Und zeigt sie ja in der Internetreportage, die unter der TV-Reportage zu lesen ist.

Auch dort hatte Mirella nur beschränkten Platz: 8.000 Zeichen. Das sind je nach Sprechtempo sechs bis neun Minuten Sendezeit. Mit so viel Platz funktioniert die Reportage.

Mit mehr Sendezeit hätte der MDR einem deutschsprachigen Publikum nachhaltig vermitteln können, wie sehr die Kenntnis um die Sarajevo Safari Wunden wieder aufgerissen hat – und wie sehr gerade die Tatsache, dass 30 Jahre lang niemand ermittelt hat.

(Balkan Stories hat das hier ausführlicher ausgearbeitet.)

Man hat sich anders entschieden. Und eine Chance vergeben.

Wie internationale Medien ihre Balkan-Mitarbeiter im Stich lassen

Ein typisches Beispiel, wie internationale Sender oder Medien häufig im Stich lassen. Man will spannende Beiträge aus der Region – aber bitte nicht zu viel. Die Kolleginnen und Kollegen bekommen zu wenig Platz, zu wenig Produktions- und Sendezeit, zu wenig personelle Unterstützung.

Was es nicht besser macht, ist, wie mies internationale Medien in der Regel lokalstämmige Kolleginnen und Kollegen bezahlen. Ein Schweizer Sender etwa bezahlt TV-Reportagen mit 250 Euro. Pro Beitrag, nicht pro Arbeitstag, nicht pro Minute. In den Beiträgen stecken häufig mehrere Arbeitstage. Auf den Spesen bleibt man sitzen. Das hat mir ein ortstämmiger Korrespondent in einem der Nachfolgestaaten Jugoslawiens erst heuer gesagt.

Andere Sender zahlen lokalstämmige Korrespondenten selten besser. Das gilt auch für öffentlich-rechtliche Sender.

Ob der MDR in diese Kategorie fällt, ist mir nicht bekannt.

Etwas besser geht es internationalen Korrespondenten. Die werden wenigstens nach den Verträgen der Heimatstaaten bezahlt. Ideal sind auch ihre Arbeitsbedingungen in den seltensten Fällen.

Häufig sind auch sie Freie Mitarbeiter. Immer in Bereitschaft, immer angewiesen, um Aufmerksamkeit in den Redaktionen zuhause zu kämpfen, um genügend Arbeit zu haben. Bei gleichzeitiger Erwartung, dass sie immer in Bereitschaft sind.

Gleichzeitig gilt gerade bei deutschsprachigen Medien die Position des Balkankorrespondenten meist nicht als prestigeträchtig.

Die Region interessiert in der Regel kaum jemanden in heimischen Redaktionen. Sie ist Nebengeräusch und Projektionsfläche.

Dagegen rennen Mirella Sidro und Standard-Korrespondentin Adelheid Wölfl hartnäckig an, auch Rüdiger Rossig kämpft gegen diese Zustände, Balkan Stories tut das sowieso.

Aber solange nur so kleine Kreise ihren Unmut über die Arbeitsbedingungen für Journalismus aus der Region formulieren, wird sich wenig ändern.

So unterstützt ihr meine Arbeit

Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.

Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.


Entdecke mehr von balkan stories

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen