In einem Kommentar in der Tageszeitung Der Standard fordert Regina Bruckner Rabatte für Einheimische in Tourismusorten. Warum das populistisches Placebo ist, zeigt das Beispiel Sarajevo.
15 Euro kostet ein Tour-Retour-Ticket mit der Seilbahn auf den Trebević in Sarajevo für Touristen.
3 Euro sind es für Menschen, die in Bosnien wohnen.
Das sind die Einheimischentarife, wie sie Regina Bruckner in einem Kommentar in der österreichischen Tageszeitung Der Standard fordert.
Das mag etwas ausgeprägter sein als es ihr vorschwebt. Aber das kommt raus, wenn man die Forderung zu Ende denkt.

Touristenabzocke ist ein anderes, und meiner Meinung nach ehrlicheres, Wort, um das zu beschreiben.
Diese zutiefst populistische Forderung ist der Versuch, mit den Missständen zurande zu kommen, die Massentourismus schafft. Massentourismus, wie man ihn aus den Tiroler Alpentälern kennt, und wie er langsam auch in Sarajevo entsteht. Bruckner spricht einige sehr klar an.
Wo viele Touristen kommen, steigen die Preise.

25 oder 30 Euro für ein Gulasch?
Zehn Euro verlangt etwa ein Restaurant auf der Ferhadija im Stadtzentrum für Bosanski Lonac. Als ob man in Wien in Gulasch 25 oder 30 Euro kosten würde – wenn man lokale Einkommen berücksichtigt.
Die Preise für Wohnungen sind deutlich gestiegen. Für Einheimische ist Wohnungseigentum in einer auch nur annähernd zentralen Lage unleistbar geworden.
Das ist zum Teil dem Tourismus geschuldet. Immer mehr Wohnungen werden per Booking.com oder AirBnB als Ferienapartments vermietet. Gleichzeitig ziehen vom Land jährlich tausende Bosnier nach Sarajevo zu.
Zusätzlich haben am vor allem am Stadtrand hunderte Araber und Türken Wohnungen gekauft. Klassische Zweitwohnsitze für den Sommerurlaub.
Verknapptes Angebot und steigende Nachfrage bei einer endlichen Ressource. Die Folgen kann man sich ausrechnen. Buchstäblich.
Die Hauptschuld tragen freilich finanzkräftige, teils internationale, Immobilieninvestoren. Das hat nur zum Teil mit Tourismus zu tun. Der Vollständigkeit halber sollte man das erwähnen. In Innsbruck ist das ja nicht anders.

Die Natur wird verschandelt
Wie in den Tiroler Alpentälern wird auch hier die Natur langsam zerstört. Am Trebević entsteht ein Luxushotel. Es verschandelt den Blick von der Stadt auf den Hausberg der Sarajlije.
Dass das Hotel dort gebaut wird, hat auch mit den komplizierten politischen Verhältnissen in Bosnien zu tun. Es reiht sich auch ein in die lange Liste der Bausünden im ehemaligen Jugoslawien, bei denen Investoreninteressen über die Interessen der Allgemeinheit gestellt werden. Man muss nicht in jedem Fall vermuten, dass die politischen Entscheidungsprozesse gänzlich frei von nicht zwingend legalem Investoreneinfluss blieben und bleiben.
Ein Placebo, das alles andere als treffsicher ist
Ändert die billigere Seilbahn-Fahrkarte für Einheimische irgendetwas an diesen Missständen?
Deutlicher formuliert: Was ist sie als Placebo?

Zumal hier dazu kommt, dass der Rabatt alles andere als ein Einheimischentarif ist. Und jeder weiß das.
Mindestens 844.000 Bosnier leben im Ausland, und sind offiziell weiter in Bosnien gemeldet. Mit einem bosnischen Personalausweis oder Reisepass bekommen auch sie den Einheimischenrabatt.
Diese Gruppe ist nach wie vor die größte Touristengruppe in Sarajevo.
Eine regionale Besonderheit vielleicht, zumal in der Dimension. Es lässt den halbwegs ortskundigen Ausländer sich zusätzlich abgezockt fühlen.
Was den Einheimischen wirklich zugutekommen würde
Noch sind die Sarajlije stolz über die vielen Touristen, die vor allem heuer in die Stadt kommen. Sie schlucken die Belastungen, Nicht ohne Murren. Nicht, ohne zurecht auf den einen oder anderen Missstand hinzuweisen. Und nicht, ohne seit Ewigkeiten vor allem auf bestimmte Touristengruppen zu schimpfen. Mit denen aus Arabien wurde man hier nie richtig warm. Um es zurückhaltend zu formulieren.
Wie lange das so bleiben wird, ist eine gute Frage. Auf sie gibt es nur eine Antwort: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Man könnte vieles tun, um die Belastungen durch den Tourismus zu mildern, oder der Allgemeinheit wenigstens etwas von dem Geld zugutekommen zu lassen, das der Fremdenverkehr in die Stadt bringt.
Vor allem der öffentliche Verkehr würde einem da einfallen.
Sarajevo baut ihn langsam aus. Aber nach wie vor ist er rückständig, und erstaunlich teuer.
Zumindest günstigere Öffi-Tickets sollten drin sein.
Man könnte das Geld auch in Kultur und Bildung stecken. Wegen der komplizierten politischen Lage etwa schweben zentrale kulturelle Einrichtungen des Landes seit Jahrzehnten im Nichts. Das sind unter anderem die Nationalbibliothek, das Nationalmuseum und das Historische Museum.
Die könnten buchstäblich jeden Cent brauchen. Siehe etwa diese Reportage.

All diese Einrichtungen haben, nebenbei bemerkt, faire Eintrittspreise, die für alle gleich sind. Gleichwohl könnten die Stadt oder der Kanton Sarajevo günstige Dauerkarten oder Kulturpässe auflegen. Die würden vorwiegend Einheimischen zugute kommen.
Noch mehr ließe sich für die Sarajlije verbessern, wenn die Gewinne aus dem Tourismus nicht praktisch vollständig privatisiert würden.
Andere Maßnahmen hängen nur indirekt mit den Einnahmen aus dem Fremdenverkehr zusammen. Etwa eine zukunftsorientierte Stadtplanung, die dem Großteil der Sarajlije zugute kommt, und nicht nur einer privilegierten Minderheit.
Ein Teil ist eine Flächenwidmung, die dafür sorgt, dass nicht noch mehr Wohnungen zu Ferienapartments umgewandelt werden. Dazu gehören auch wirksame Kontrollen.
Das gilt nicht nur für Sarajevo.
Der Großteil der Maßnahmen wäre in jedem Alpendorf in Tirol genauso geboten. Und würde den Einheimischen weit mehr bringen als ein Einheimischentarif am Skilift.
Der mag gut gemeint sind. Am Ende ist er nur eine populistische Abzocke.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
