Gedenkmuseum 21. Oktober in Kragujevac

Ein Baustein der Niederlage am Balkan (Reblog)

Am Dienstag jährt sich das Massaker der deutschen Wehrmacht an der Zivilbevölkerung von Kragujevac im Jahr 1941. Der Mord an knapp 2.800 Menschen, einschließlich 300 Schülern, ist bis heute trauriges Symbol der deutschen Kriegsverbrechen am Balkan. Und war gleichzeitig ein Baustein der deutschen Niederlage in Südosteuropa.

Für die Führung NS-Deutschlands und der Wehrmacht von Adolf Hitler abwärts sah es ganz einfach aus: Wenn die Wehrmacht und allenfalls serbische Kollaborateure nur genug serbische Zivilisten ermorden, bricht der Volksaufstand zusammen, der sich vor allem in Serbien und Bosnien gegen die deutschen Besatzer formierte.

Vor allem Hitler drängte auf exzessive „Vergeltungsmaßnahmen“, wenn Partisanen oder – allerdings nur ganz am Anfang – Četniks – deutsche Truppen angriffen. 100 Serben für einen toten Deutschen, 50 für einen Verwundeten.

Vorrangig sollten diese so genannten Geiseln aus der jüdischen Bevölkerung oder Kommunisten sein, aber wirklich kleinlich wollte man da nicht sein. Im Zweifelsfall waren alle mitschuldig und durften ermordet werden. Ihr Tod sollte die Bevölkerung abschrecken, sich der Widerstandsbewegung anzuschließen.

Auf internen Widerstand der Wehrmachtsführung traf diese Strategie so gut wie nicht. Nur sehr vereinzelt warnten höherrangige Offiziere, dass der Massenmord an der Zivilbevölkerung den Aufstand erst recht anfachen könnte. Empfehlungen, stattdessen mehr Truppen am Balkan zu stationieren, stießen von Hitler abwärts auf taube Ohren.

Den Höhepunkt erreichten diese systematischen Kriegsverbrechen am 21. Oktober in der serbischen Stadt Kragujevac. Zwei Wochen zuvor hatten in einer sehr seltenen gemeinsamen Aktion Partisanen und Četniks eine deutsche Patrouille im nahegelegenen Gornji Milanovac überfallen.

Die Aufständischen töteten zehn deutsche Soldaten und verwundeten 26.

Auf ausdrücklichen Befehl Wilhelm Keitels trieben am 20. Oktober Soldaten der Wehrmacht und eines serbischen Freiwilligenbataillons mehr als 3.000 serbische Zivilisten in Kragujevac zusammen – etwa ein Viertel der männlichen Bevölkerung der Stadt. Unter anderem holten deutsche Soldaten auch 300 Schüler und einige Lehrer aus dem Gymnasium der Stadt.

Unter den tausenden „Geiseln“ waren auch alle 80 männlichen Juden der Stadt und alle bekannten kommunistischen Sympathisanten, Aktivisten und Agenten. Das schloss 16 Frauen mit ein.

Am 21. Oktober um sieben Uhr morgens begannen Soldaten der Wehrmacht, die knapp 3.000 „Geiseln“ in die Hügel bei Erdoglijski und Sušički zu bringen. Sie teilten sie in kleine Gruppen auf und brachten Gruppe um Gruppe an den Ort ihres Todes.

Einige flohen. Die meisten Fliehenden wurden erschossen.

Der Massenmord dauerte etwa sieben Stunden.

(Mehr über den Verlauf des Massakers könnt ihr hier nachlesen oder im Video unten erfahren)

Die Deutschen selbst verbreiteten die Nachricht vom Massaker

Dass sich die Nachricht vom Massenmord an fast 3.000 Menschen sofort in ganz Serbien verbreitete, dazu brauchte es gar keine Propaganda der Aufständischen. Die kommunistische Propaganda war zu diesem Zeitpunkt ohnehin noch im Aufbau.

Die Četniks hatten ein denkbar geringes Interesse, die Nachricht zu verbreiten. Sie wollten keinen Volksaufstand, und überhaupt gegen jeden größeren Kampf gegen die deutschen Besatzer. Ihr großer Kampf, den sie wohl zu diesem Zeitpunkt schon vorbereitet, würde gegen die Partisanen geführt werden. Gerne auch an der Seite derer, die soeben 2.800 Zivilisten ermordet hatten.

Dass binnen Tagen jeder in Serbien wusste, was in Kragujevac passiert war, dafür sorgten die Deutschen selbst. Es war Teil ihrer Strategie, dass solche Kriegsverbrechen so bekannt wurden wie möglich. Sie sollten, so das Kalkül, abschrecken. Das setzt ein hohes Maß an Öffentlichkeit voraus.

So wurde das Massaker in Kragujevac auf Betreiben der Mörder selbst noch während des Krieges zum Symbol für die grausame deutsche Besatzungspolitik.

Massaker treiben den Partisanen Rekruten zu

Und erreichte das Gegenteil dessen, was Adolf Hitler, Wilhelm Keitel und fast die gesamte Führung der Wehrmacht im Sinn hatten.

„Reprisal policy only played into the hands of the communists. Ambushed troops cried for revenge and shot people found in the fields. In most cases the guilty had long fled, the innocent suffered, and hitherto loyal Serbs went over to the partisans out of fear or bitterness.“

So fasst der renommierte US-amerikanische Zeithistoriker Christopher Browning die Wirkung zusammen (Quelle: siehe hier.)

Das war der Führung NS-Deutschlands durchaus bekannt. General Paul Bader, immerhin Militärkommandant im besetzten Serbien bis September 1941, hatte dem OKW eine gleichlautende Analyse zukommen lassen. Prompt setzte man den steirischen General Franz Böhme an seine Stelle. Der hatte weniger Skrupel.

Die Četniks werden nicht als Alternative gesehen

Wem sich die Serben anschlossen, die von den deutschen Kriegsverbrechen in den Widerstand getrieben wurden, war auch sehr schnell klar: Titos Partisanen, die sich im Herbst 1941 gerade im Aufbau befanden.

Sie, und nur sie, hatten zu diesem Zeitpunkt größere Kampfhandlungen gegen die Besatzer gesetzt.

Die Četniks blieben passiv. Die wenigen Einheiten, die – meist gemeinsam mit den kommunistischen Partisanen – etwas gegen die Wehrmacht unternahmen, taten das in der Regel gegen den Willen von Četnik-Führer Draža Mihailović. Allein im befreiten Užice stand eine mögliche Kooperation im Raum.

Mihailović dürfte schon am 21. Oktober 1941 gewusst haben, dass er sich dem Widerstand der Partisanen nicht anschließen würde. Bis zum 26. Oktober verhandelte er noch mit Tito. Für den 2. November ordnete er an, dass die Četnik-Einheiten in Užice das dortige Hauptquartier der Partisanen angreifen sollten.

Gemeinsam mit der Wehrmacht vertrieben die Četniks die Partisanen aus der Gegend und brachen dem einzigen effektiven militärischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung beinahe das Genick.

Dass die Partisanen als militärische Bewegung überlebten, lag nicht nur am organisatorischen und propagandistischen Geschick Titos. Es lag vor allem am zweiten Baustein der deutschen Niederlage am Balkan.

Wie die Ustaša einen Aufstand gegen sich auslösen

Unmittelbar nach der Kapitulation Jugoslawiens und der Unabhängigkeitserklärung ihres faschistischen Marionettenregimes begannen die Ustaša ihren Völkermord an Serben, Juden und Roma im so genannten Unabhängigen Staat Kroatien (NDH).

Zum NDH gehörten neben Kroatien – allerdings weitgehend ohne Adriaküste – ganz Bosnien und Teile der Vojvodina.

Der Massenmord an der serbischen Zivilbevölkerung ab April 1941 ließ ethnische Serben in diesem Gebiet zu den Waffen greifen. Das wuchs sich, zunächst spontan und ohne Führung, zu einem größeren Aufstand aus. Der überraschte alle Beteiligten.

„Die Kommunisten hatten geplant, eine Widerstandsbewegung in den Städten aufzubauen. Als die Nachrichten vom Widerstand gegen die Ustaša die Führung der Kommunisten erreichten, beschlossen die, ihre Strategie zu ändern. Sie stellten sich an die Spitze des Widerstands, und so wurde daraus eine ländliche Widerstandsbewegung“, fasst der kroatische Historiker Hrvoje Klasić zusammen.

Auch hier fällt auf, wie zögerlich die trotz königlich-jugoslawischer Rhetorik serbisch-nationalistischen Četniks reagierten. Nur einzelne Einheiten kämpften lokal gegen die Mordbanden der Ustaša, um ethnische Serben zu schützen. Andere Einheiten standen sogar offiziell unter dem Befehl der Ustaša, und regelmäßig kämpfte man mit ihnen gemeinsam gegen die Partisanen.

Statt einen flächendeckenden Widerstand zu organisieren wie Titos Partisanen, begingen die Četniks lieber Vergeltungsmorde an der muslimischen Zivilbevölkerung Ostbosniens. Diesen Massakern fielen tausende Menschen zum Opfer.

Der deutschen Führung waren die Folgen des Ustaša-Völkermords sehr wohl bekannt. Das belegen zahlreiche interne Dokumenten. Obwohl Wehrmacht, SS und deutsches Außenamt die eigenen Interessen durch den Volksaufstand bedroht sahen, unternahmen sie aus Rücksicht auf die kroatischen Verbündeten wenig bis gar nichts.

Sowohl die Passivität der Četniks beim Völkermord an den Serben Bosniens und Kroatiens wie ihre Massenmorde, die sie später auch im Sandžak begingen, sprechen gegen eine gern vorgebrachte Erklärung, warum sie kaum gegen die Besatzer kämpften: Draža Mihailović habe vor allem Vergeltungsmaßnahmen gegen die serbische Zivilbevölkerung vermeiden wollen.

Gegen eine humanitäre Einstellung Mihailovićs als Hauptmotiv spricht auch, dass die Četniks in einem durchaus komplexen und widersprüchlichen Bündnissystem bei mehr als einer Gelegenheit gemeinsam mit der Wehrmacht gegen die Partisanen kämpften. Das bekannteste Beispiel ist die Schlacht an der Neretva von Jänner bis März 1943.

Auch in der Šesta und der Sedma neprijateljska ofenziva nach jugoslawischer Geschichtsschreibung, den Operationen Kugelblitz und Rösselsprung nach deutscher, kämpften die Četniks gemeinsam mit den Deutschen gegen die Partisanen.

Beide Schlachten hatten das Ziel, die Widerstandsbewegung endültig zu zerschlagen.

Hätte es die Partisanen als Volksbewegung ohne die Reaktionen auf die deutschen Kriegsverbrechen gegeben?

Das alles zeichnete sich schon im Herbst 1941 ab, als sich abertausende Serben und zahlreiche Juden als Reaktion auf die Massaker an der Zivilbevölkerung in Rumpf-Serbien den Partisanen anschlossen.

Sie waren neben den zehntausenden Serben und abertausenden Kämpfern gegen den Völkermord der Ustaša jeglicher ethnischen Zugehörigkeit aus dem NDH der personelle Grundstock der Partisanenbewegung Titos.

Die wuchs bis zu Kriegsende auf mehr als eine Million Menschen an – unter ihnen auch etwa 100.000 Frauen. Dem nicht-militärischen Widerstand der Partisanen gehörten mehrere Millionen Menschen an.

1943 erkannten auch die Westalliierten, wer den einzig effektiven Widerstand gegen die Deutschen am Balkan leistete. Winston Churchill ließ seinen bisherigen Verbündeten Draža Mihailović fallen. Der hatte zu dem Zeitpunkt schon mehr als einmal die Deutschen militärisch unterstützt.

Ab da ließ er Titos Partisanen mit Waffen, Ausrüstung und Geheimdienstinformationen versorgen. Ein unverzichtbarer Beitrag zum Widerstandskampf gegen die Deutschen.

Ob all das möglich gewesen wäre, wenn Adolf Hitler und die Wehrmachtsführung den Partisanen mit dem Wüten der Wehrmacht in Serbien im Herbst 1941 nicht abertausende Rekruten geradezu zugetrieben hätten, ist eine wohl kaum zu beantwortende Frage.

Dass die Massenmorde der Wehrmacht an der serbischen Zivilbevölkerung mit insgesamt 80.000 Opfern ein Baustein für die deutsche Niederlage am Balkan waren, dürfte hingegen außer Zweifel stehen. Dass die Deutschen selbst das Massaker von Kragujevac zum Symbol dieser Politik gemacht haben, ebenso.

Titelfoto: Eingang des Gedenkmuseums 21. Oktober in Kragujevac

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