Der 21. Oktober ist der Jahrestag eines der grausamsten Massaker der Wehrmacht am Balkan im Zweiten Weltkrieg. Allein in der zentralserbischen Stadt Kragujevac erschossen deutsche Soldaten 2.800 Männer und Jungen und 16 Frauen.
Die deutschen Soldaten der 717. Infanteriedivision und der 704. Reservedivision und ihre serbischen Kollaborateure vom Serbischen Freiwilligencorps der Marionettenregierung von Milan Nedić umstellten das Gymnasium von Kragujevac – Serbiens erste Einrichtung dieser Art.
Sie zwangen knapp 300 Schüler, mit ihnen zu kommen und brachten sie an einen Sammelplatz etwas außerhalb des Stadtzentrums.
Auch Schüler, die sie auf der Straße antrafen, nahmen die Soldaten mit.
Die Jüngsten waren elf Jahre alt.
Einige der Lehrer, unter anderem Schuldirektor Lazar Pantelić, wurden gemeinsam mit ihren Schülern verhaftet.
Das war am Nachmittag des 20. Oktober 1941.
Die Besatzer und ihre örtlichen Kollaborateure verhafteten an die 10.000 Männer in Kragujevac – praktisch die gesamte männliche Bevölkerung der Stadt – und einige Frauen.
Unter den Verhafteten selektierten sie knapp 3.000 Männer und 16 Frauen.
Zehn Roma für einen Serben
Das Serbische Freiwilligenkorps stand bei der Aktion offenbar unter serbischen Kommando und hatte einen erheblichen Handlungsspielraum.
„In vielen Fällen verschonten die Kollaborateure ausgewählte Serben, indem sie den Deutschen an ihrer Stelle Roma zur Erschießung anboten – manchmal bis zu zehn Roma für einen Serben. Um die 200 Roma wurden insgesamt ermordet. Alte Menschen, die nicht gehen konnten, wurde einfach gepackt und auf die LKWs geworfen“, heißt es etwa in einem Artiktel des deutschen Roma Center.
Unter den tausenden „Geiseln“ waren auch alle 80 männlichen Juden der Stadt und alle bekannten kommunistischen Sympathisanten, Aktivisten und Agenten. Das schloss 16 Frauen mit ein.
Kaum einer der Verhafteten versuchte zu fließen.
Einige ließen sich von den Deutschen täuschen. Man wolle nur die Ausweise austauschen, sagten die Soldaten ihren Opfern. Die meisten dürften freilich Angst gehabt haben, dass die Besatzer sich an ihren Familien rächen würden, wenn sie sich der Verhaftung entzogen.
Vergeltung für einen Überfall durch Widerstandskämpfer
Die Verhaftungswelle kam zwei Wochen nach einem Überfall der Partisanen und Četniks auf eine deutsche Patrouille im nahegelegenen Gornji Milanovac.
Die Aufständischen töteten zehn deutsche Soldaten und verwundeten 26.
Am 15. Oktober befahl Wilhelm Keitel mit ausdrücklicher Genehmigung Adolf Hitlers der 717. Infanteriedivision und allen anderen Einheiten der Wehrmacht in der Gegend, zur Vergeltung Geiseln zu erschießen.
In weiten Teilen des zerschlagenen Jugoslawien tobte zu diesem Zeitpunkt ein Volksaufstand gegen die Besatzer, zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend koordiniert von Titos Partisanen.
Auslöser war unter anderem der Völkermord der Ustaša an den Serben in Kroatien und Bosnien.
Dieser Aufstand überraschte die Deutschen und verursachte massive Probleme. In den besetzten Gebieten stand eine Handvoll von Wehrmachtseinheiten, meist Reserveeinheiten, bestehend aus älteren Deutschen und Österreichern.
Keine der Einheiten war für Partisanenbekämpfung ausgebildet.
Berlin befürchtete, dass sich andere Gruppen dem weitgehend von den Kommunisten koordinierten Aufstand anschließen könnten.
Es müsse „damit gerechnet werden, dass nationalistische und andere Kreise diese Gelegenheit ausnutzen, um durch Anschluss an den kommunistischen Aufruhr Schwierigkeiten für die deutsche Besatzungsmacht hervorrufen“. (Fehler im Original.) So heißt es wörtlich im Geiselerschießungsbefehl Keitels.
Gemeint waren vor allem die Četniks von Draža Mihailović.
Tatsächlich hatten im Herbst 1941 einzelne Četnik-Einheiten gemeinsame mit den Partisanen deutsche Einheiten angegriffen. Unter anderem befreiten sie gemeinsam ein größeres Gebiet rund um die westserbische Stadt Užice.
Draža Mihailović verhandelte mehrfach mit Tito über die Möglichkeit einer gemeinsamen Widerstandsbewegung.
Die Deutschen wollten den Aufstand rasch niederschlagen.
100 Serben für jeden toten Deutschen, 50 für jeden Verwundeten
In der Logik der Nazis hieß das: So viele Zivilisten ermorden, dass jeder Angst hat, sich Widerstandsbewegungen anzuschließen.
Für den Überfall in Gorni Miljanovac legte die Wehrmachtsführung ein „Sühneopfer“ von 2.300 Serben fest – gemäß der Formel 100 Zivilisten für jeden getöteten deutschen Soldaten und 50 für jeden Verwundeten.
In Kragujevac begannen die deutschen Soldaten am 21. Oktober um sieben Uhr morgens, die knapp 3.000 „Geiseln“ in die Hügel bei Erdoglijski und Sušički zu bringen, die sie am Vortag selektiert hatten.

„Mein Platz ist bei meinen Schülern“
Schuldirektor Lazar Pantelić stand in der Gruppe, die verschont werden sollte.
Unter denen, die sie zur Erschießung brachten, erkannte er mehrere seiner Schüler.
„Wohin bringt ihr sie?“ fragte er einen deutschen Offizier. „Ich bin ihr Schuldirektor. Lasst sie gehen, nehmt stattdessen mich.“
„Das geht nicht“, sagte der Wehrmachtsoffizier. Pantelić sei wegen seiner beruflichen Stellung unabkömmlich.
„Dann ist mein Platz nicht hier“, entgegnete der Direktor, und meinte die Gruppe der Verschonten. „Mein Platz ist bei meinen Schülern.“
Pantelić wurde sein Wunsch erfüllt. Er ging mit seinen Schülern in den Tod.
Die letzten Worte an Familie und Freunde
In den letzten Minuten ihres Lebens schrieben einige der Opfer auf Fetzen Papier, die sie irgendwie bei sich hatten, Abschiedsbriefe an ihre Familien.
„Schick mir morgen kein Brot. Jakov“, schrieb ein Mann an seine Frau.
„Lieber Vater, liebe Mutter, letzte Grüße, Ljubiša“.
„Mira, küss die Kinder, und hör auf deine Mutter. Passt auf euch auf. Dein Laza.“
Brief eines Opfers des Massakers an seine Frau
42 dieser Botschaften sind bis heute erhalten.
Die Opfer wurden in kleinere Gruppen aufgeteilt und Gruppe um Gruppe zur Hinrichtungsstätte gebracht.
Oft waren die, die auf den Tod warteten, nur 100 Meter von denen entfernt, die erschossen wurden.
Einige flohen. Die meisten Fliehenden wurden erschossen.
Der Massenmord dauerte etwa sieben Stunden.
Etwa 200 der Selektierten wurden verschont.
Sie mussten die Ermordeten in den nächsten Tagen begraben.
Allein in Kragujevac dürften etwa 2.800 Männer und 16 Frauen erschossen worden sein – deutlich mehr als die vorgesehenen 2.300.
Das war mehr als ein Viertel der männlichen Bevölkerung der Stadt. Etwas mehr als 60 überlebten.
Die genaue Anzahl der Opfer ist nicht geklärt. Jahrzehntelang wurde sie gar mit 7.000 angegeben.
Diese Zahl stammt aus einer Zeugenaussage aus einem der Nürnberger Folgeprozesse gegen General Franz Böhme. Der gebürtige Steirer war als Bevollmächtigter Kommandierender General hauptverantwortlich für die Massaker an der serbischen Zivilbevölkerung.
Nach jüngeren historischen Forschungen ist diese Zahl falsch. Seriösere Schätzungen gehen von 2.300 bis 2.800 Opfern aus.
Parallel zum Massaker von Kragujevac ermordeten Soldaten der Wehrmacht auch in den Dörfern der Umgebung und in der Stadt Kraljevo mehr als 1.000 Zivilisten.
Insgesamt wurden Ende Oktober 1941 zwischen 4- und 5.000 serbische Zivilisten ermordet, bis zum Ende der „Vergeltungsmorde“ dürften 80.000 Menschen in Serbien deutschen Massakern zum Opfern gefallen sein.
Kragujevac wurde zum Symbol für die brutale deutsche Besatzungspolitik in Serbien und Jugoslawien.
Seit 1953 erinnern ein Museum und ein Denkmalpark an die Opfer.
Die Četniks verraten die Partisanen
Den bewaffneten Widerstandskampf gegen die faschistische Besatzung konnten die Nazis mit diesen Massakern nicht unterdrücken.
Freilich bewahrheitete sich die Befürchtung in Berlin nicht, die Četniks könnten sich den Partisanen anschließen oder wie in Griechenland gemeinsam gegen die Besatzer kämpfen.
Draža Mihailović war zu keiner Einigung mit Tito bereit.
Bei der letzten Verhandlungsrunde am 26. Oktober fasste er den Beschluss, das Partisanenhauptquartier im befreiten Užice anzugreifen.
Der Angriff erfolgte am 2. November.
In den folgenden Wochen halfen die Četniks der Wehrmacht und ihren italienischen Verbündeten, die Partisanen aus der Gegend zu vertreiben.
Mehr über deutsche Massaker erfahrt ihr in diesem wissenschaftlichen Aufsatz von Boris Tomanić.
Mehr über den Verrat der Četniks an den Partisanen im Herbst 1941 erfahrt ihr in diesem Auszug aus dem Buch „“Serbien ist judenfrei“: Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/42″ von Walter Manoschek.
In diesem Interview schildert Milka Djordjević aus Kragujevac, wie ihr Vater verhaftet wurde und ihr jüngerer Bruder vor dem Massaker fliehen konnte.
In dieser serbischen Kurz-Doku schildert Dragoljub Jovanović, wie er das Massaker überlebt hat. Als die Doku gedreht wurde, war er der letzte Überlebende des Massakers von Kragujvac.
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Auch Griechenland ist voll mit Gedenkstätten, die an Massaker durch die Wehrmacht erinnern. Ich wundere mich manchmal, dass fast alle Griechen trotzdem so freundlich zu uns Deutschen sind.
So geht’s mir als Österreicher im ehemaligen Jugoslawien auch.