Mein Kommentar über die Situation von ex-jugoslawischen Bauarbeitern in Wien nach dem tödlichen Arbeitsunfall Mitte März stößt im ehemaligen Jugoslawien auf großes Interesse. Zwei Seiten haben den Kommentar in Übersetzung veröffentlicht.
Mit Lupiga aus Zagreb und Žurnal in Sarajevo haben zwei unabhängige und kritische Portale den Balkan Stories-Kommentar „Wen Wien verschlingt“ in Übersetzung veröffentlicht. Das ist an sich schön und eine Auszeichnung.
Eigentlich interessant an der Sache ist, wie die Redaktionen die Geschichte selbst einordnen, und welche Facetten sie für wichtig halten. Das bringen sie im Titel zum Ausdruck, den sie dem Kommentar geben. Dazu sind Titel da.
Lupiga titelt den Beitrag: ISPOD SKELA: Jugoslaveni grade Beč. I često ih on proguta.
Das heißt frei übersetzt: Unter dem Gerüst. Jugoslawen bauen Wien. Und oft verschlingt es sie.
Da kommt stärker zum Ausdruck als bei meinem Titel, woher die Leute kommen, und was Wien ihnen zu verdanken hat.
Žurnal titelt: Ko gradi novi Beč: Slomljeno tijelo i siromaštvo u starosti.
Frei übersetzt: Wer das neue Wien baut. Kaputter Körper und Altersarmut.
Mit dem Titel streicht die Redaktion den sozialen Aspekt hervor, den ich in meinem Kommentar ausarbeite. Dass jahrzehntelange Schwerarbeit wie am Bau den Körper ruiniert, und dass die Betroffenen Minipensionen bekommen, mit denen sie oft an der oder unter der Armutsgrenze leben müssen.
Dass die Pensionen vor allem von Bauarbeitern in Wien so niedrig sind, ist auf zwei Faktoren zurückzuführen. In der Regel sind die Bauarbeiter Migranten. Sie kommen als junge Erwachsene nach Wien. Die Jahre, die sie zuhause gearbeitet haben, fehlen ihnen bei der Pension hier, und werden gnadenlos in Abzug gebracht.
Wenn wir annehmen, jemand kommt mit 25 hierher und kann trotz der körperlichen Folgen der Arbeit bis 65 arbeiten, sind das nur fünf Jahre auf die 45 Beitragsjahre für die volle Pension. Das ist noch verkraftbar. Akademikern geht es ähnlich.
Ist er 30, sind das zehn Jahre. Das sind empfindliche Abzüge.
Für die ersten Arbeitsjahre in den Heimatländern gibt es in der Regel einen Bettel. 100 Euro im Monat, wenn man Glück hat.
Dazu kommt, dass Bauarbeiter in der Regel im Winter arbeitslos sind. Sie sind es wegen des Klimawandels nicht mehr so häufig wie früher, aber man kann davon ausgehen, dass es nach wie vor den Großteil trifft.
Diese zwei oder drei Monate pro Jahr führen zu deutlich niedrigeren Pensionen. Genauer hat das das Gewerkschaftsmagazin Kompetenz erklärt.
Das als kleine Ergänzung.
Spannend jedenfalls zu sehen, wie die Redaktionen von Lupiga und Žurnal den Kommentar gelesen haben. Und ermutigend.
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