Volksmusik-Legende Halid Bešlić ist überraschend am Dienstag verstorben. Das gesamte ehemalige Jugoslawien verneigt sich vor dem Großen. Vom Krankenbett aus versuche ich, zu ergründen, warum das so ist.
Die populäre YU-Rock-Band Crvena Jabuka verschiebt ihr für Freitag geplantes Konzert in Sarajevo, als sie vom Tod Halid Bešlićs hört. Lepa Brena bekundet ihre Trauer, Ceca, Edo Maajka, Marija Šerifović, Željko Bebek, Hari Mata Hari tun es ihr gleich.
Zehntausende Fans aus allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens posten auf ihren Social Media Accounts Erinnerungsfotos vom Sänger.
In mehreren Städten des untergegangenen Landes tauchen Graffiti auf – mit Zitaten aus seinen Liedern, oder Slogans mit seinem Namen. Auch solche, die nicht unmittelbar intuitiv sind: „Halid Bešlić je Hip Hop“.
Praktisch jedes größere Medium im ehemaligen Jugoslawien bringt einen Nachruf auf den Volksmusik-Star als Aufmacher. Radio- und Fernsehsender schieben dutzendweise Sondersendungen ein.
Die gesamte bosnische Politik verneigt sich vor dem verstorbenen Großen, auf der Gemeinde-, der Kantons-, der Teilstaats- und der Bundesebene. In der Trauer um einen den wahrscheinlich zweiterfolgreichsten Musiker des Landes gibt es keine Bosnjaken, Kroaten, Serben, nur mehr Bosnier.
Am Mittwochabend versammeln sich spontan tausende Sarajlije zu einer Trauerkundgebung beim Dom Mladih in Skenderija. „Weinen und singen wir zusammen“ heißt sie. Keiner weiß, wer eigentlich die Idee hatte.
In der Betroffenheit und Trauer um Halid Bešlić gibt es keine Grenzen mehr. Keine musikalischen. Keine nationalen. Keine Spaltung zwischen urban und ländlich.
Es gibt nicht viele Musiker, denen posthum derart viel Anerkennung zuteil wird.
Mehr als bosnische Volksmusik
Halid Bešlić, das war immer mehr als bosnische Volksmusik.
Halid Bešlić, das war einer, dessen Songs auch die hartgesottensten YU Rock-Fans kennen – und wenn sie ein Dutzend Rakije brauchen, um das spätnachts unter Beweis zu stellen.
Halid Bešlić, das war der, dessen Texte auch die härtesten Ceca-Fans singen, wenn die Party lang genug dauert.
Das ist in Sarajevo so, in Beograd, in Kumanovo.
Ich habe ein einziges Konzert von Halid Bešlić gehört. Das war im August in Banja Luka.
Er sang im ausverkauften Kastel, als ich am gegenüberliegenden Ufer des Vrbas einen nächtlichen Fotospaziergang machte.
Auf den Parkbänken auf meiner Seite saßen etliche Leute, um Halid zu hören.

Braucht man mehr als das, um zu wissen, dass man es da nicht mehr mit einem Musiker aus Fleisch und Blut zu tun hat sondern mit einem Phänomen?
Ein Phänomen, das so bosnisch ist, so Sarajlija, wie es nur sein kann, und gerade deswegen jede örtliche oder nationale Kategorie als die künstlische Barriere hinwegfegt, die sie ohnehin ist.
„Die Stimme einer verstreuten Welt“
Halid Bešlić, das war die Stimme eines Gemeinsamen, das es nicht mehr gibt. Das man aber im Herzen wiederherstellen kann. Und vielleicht muß, um sich nach dem gewaltsamen Auseinanderbrechen des Landes wieder ganz zu fühlen.
Das war aber immer mehr als nur Nostalgie.
Halid Bešlićs Musik war für Abertausende auch die Entdeckung des Nachbarn als Gleichen. Der vielleicht anders sang, aber die gleichen Gefühle hatte, das gleiche Heimweh, den gleichen Stolz auf die Heimatstadt, und dessen Herz genauso schmerzvoll brach wie das eigene.
Halid Bešlić, das war die regional-spezifische und zugleich universell verständliche Stimme der condition humaine, wie es nur wenige sein können.
Ja, das war und ist durchaus sentimental und kitschig. Aber doch irgendwie schön.
Poetischer und vielleicht deutlicher brachte das einmal Miljenko Jergović auf den Punkt. Halid Bešlić ist für ihn die Stimme einer zerstreuten Welt.
Natürlich, Halid Bešlić war nicht der Einzige, der das bei den Menschen der Region auslöste. Wenngleich er unbestreitbar der Größte war.
Das macht Volksmusik generell am Balkan.
Das mag für westliche Beobachter schwer verständlich sein.
Das muss man anerkennen. Auch wenn es nicht meine Musik ist. Und auch wenn es oft genug schwer ist, die volkstümliche Musik im ehemaligen Jugoslawien von ihrem nationalismusversuchten und verdummenden Bastard Turbofolk abzugrenzen.
Das ist durchaus paradox. Volkstümliche bzw. Volksmusik ist immer betont apolitisch.
In ihrer Wirkung ist sie so politisch wie nur Weniges.
Wenn auch vielleicht nur für einen Moment.
Für diesen Moment wurde die zerstreute Welt wieder ganz.
Keiner hat diesen Moment so meisterhaft geschaffen wie Halid Bešlić.
Titelfoto: Screenshot
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So zerstritten die Völker untereinander sind, bei der Musik sind sie sich wieder einig!