In Serbien steuern die Massenproteste einem weiteren Höhepunkt am Samstag in Kragujevac zu. Angefeuert von den Demos im Nachbarland macht sich auch in Bosnien und in Montenegro angestauter Unmut zunehmend auf der Straße Druck.
Es war die größte Demonstration in Zenica in Zentralbosnien seit Jahrzehnten. Tausende versammelten sich im Stadzentrum, um gegen hohe Lebensmittelpreise und eine Politik zu protestieren, von der sich die Menschen im Stich gelassen fühlen.
So naheliegend diese Anliegen sein mögen: Dass sie auf der Straße ausgetragen werden, ist für Bosnien ein neues Phänomen. Und es ging nicht nur darum, dass sich die Menschen das Leben immer weniger leisten können.
Deutlich wurde das zu Beginn des Protestes: Die tausenden Bürger, die hier versammelt waren, hielten eien Schweigeminute für die Opfer des Felssturzes in Donja Jablanica in der Hercegovina am Oktober.
Nach Regenfällen hatten sich Felsmassen aus einem offiziell stillgelegten und illegal weiterbetriebenen Steinbruch gelöst und in dem darunter liegenden Dorf fast 20 Menschen erschlagen.
(Mehr über die Katastrophe könnt ihr hier nachlesen.)
Und so forderten die Bürger von Zenica auch, dass die zuständigen Regierungen in Bosnien und der Hercegovina Rechenschaft ablegen, warum die Katastrophenhilfe in dem Gebiet so spät anlief, und was mit den Katastrophenhilfsmitteln passiert ist, die dort ausgegeben worden sein sollen.
An dieser Frage artikulierte sich am Montag auch der Unmut hunderter Sarajlija. Sie hatten sich vor dem gesamtbosnischen Parlament versammelt – und griffen in ihrer Symbolik durchaus auf die Studentenproteste in Serbien zurück.
Die Forderung hier: Aufklärung, wer verantwortlich ist, dass bei der Hochwasserkatastrophe vom Oktober in Donja Jablanica und anderen Orten insgesamt 29 Menschen ums Leben kamen. In allen Fällen stehen Behördenversagen und Korruption im Raum.
Das ist die gleiche Stimmung, das gleiche Misstrauen, das die Massenproteste in Serbien ausgelöst hat. Die hatten sich an der Frage entzündet, wer für den Einsturz des Vordachs des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad verantwortlich war – und warum sich die Behörden gar so viel Zeit bei der Aufklärung ließen.
Zumindest einige Menschen in Bosnien rechnen damit, dass die Hochwasserkatastrophe mit etwas Verzögerung im Land das gleiche bewirken könnte wie im Nachbarland. Oder hoffen es. „Ich will auch Sarma für die Studenten kochen“, forderte etwa die bekannte bosnische Schauspielerin Hasija Borić-Stojić in dem Schild, das sie vor dem Parlament in die Höhe hielt.
(Balkan Stories kann euch dieses Bild aus Urheberschutzrechtsgründen nicht zeigen. Hier könnt ihr es sehen.)
Sie wird es bald können. Auch diese Demonstration in Sarajevo wurde von Studenten organisiert. (Mehr über die Forderungen erfahrt ihr in diesem Artikel in der Beograder Wochenzeitung Vreme.)
Supermarktboykotte in Bosnien, Serbien und Kroatien
Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass sich in Bosnien ähnliches zusammenbraut wie in Serbien. So sind abseits dieser mehr oder weniger formalen Proteste in den vergangenen Wochen erstmals hunderttausende Bürger zu einem organisierten und stillen Protest gegen die steigenden Lebensmittelpreise angetreten.
Mehrfach boykottierten sie tageweise die Supermarktketten des Landes – inspiriert von einem Boykott in Kroatien Ende Jänner. Der hatte die hohen Lebensmittelpreise immerhin zum medialen und politischen Thema gemacht.
Von dort auf die Straße ist es nicht mehr so weit.
Die bosnischen Boykotte wiederum sind eine Inspiration für ähnliche Aktionen in Serbien, zu der mehrere Organisationen dieser Tage aufrufen. Es wächst zusammen, was zusammengehört, wie es scheint.
Der Kampf gegen Behördenversagen und Korruption wird als gemeinsamer Kampf begriffen
Nicht nur symbolisch greifen die Sarajlije auf die serbischen Massendemos zurück. In mehreren kleinen Aktionen der vergangenen Wochen griffen Studenten explizit Novi Sad und Donja Jablanica als Symptome der gleichen Um- und Zustände auf, formulierten deutlich, dass der Kampf gegen Behördenversagen und Korruption im ehemaligen Jugoslawien ein gemeinsamer Kampf sei, der gemeinsam geführt werden müsse.
So wie das auch die serbischen Studenten mehrfach getan haben. Und so wie es montenegrinische Studenten tun, die allein seit Wochenbeginn Proteste in Cetinje, Nikšić und Kotor organisiert haben und am Donnerstag den Amtssitz des Regierungschefs in Podgorica sechs Stunden lang blockieren wollen.
(Einen Überblick findet ihr auf dem Twitter/X-Account der Studentengruppe Kamo Śutra?)
Die montenegrinischen Studenten fordern, dass aufgeklärt wird, wie es zum Amoklauf von Cetinje zu Neujahr mit zwölf Toten kommen konnte, und eine Polizeireform, die einen wirksamen Schutz vor Gewalt in Montenegro ermöglicht.
Auch sie werden von immer größeren Teilen der Bevölkerung unterstützt – ähnlich wie sich auch der Unmut in Bosnien in immer mehr und größeren Protesten niederschlägt.
Der Weg ist noch weit
Wie weit der Weg ist, den die Studenten dieser beider Staaten vor sich haben, wird am Titelbild dieses Beitrags sichtbar.
„Die Jungen sind unsere Zukunft“ heißt es auf dem selbstgeschriebenen Schild am Eingang einer Bäckerei im Beograder Stadtteil Zvezdara. Fotografiert hat es Miloš Vučković, ein Bewohner des Stadtviertels.
Er hat das Foto Balkan Stories kostenlos zur Verfügung gestellt.
Das Schild ist eine eindeutige Unterstützung der Studentenproteste in Serbien.
Wenn eine Bäckerei so etwas in ihre Türe hängt, kann man sich ausmalen, wie breit die Unterstützung der Bevölkerung für die Proteste ist. Längst sind sie eine Volksbewegung geworden.
Sichtbar wurde das am Dienstag nicht nur beim Fußmarsch der Nišer Studenten nach Kragujevac. Dort nehmen sie an einer Großdemo der Kragujevacer Studenten am serbischen Nationalfeiertag Sretenje teil.
Am Weg werden sie begrüßt wie Helden, wie Befreier. Das dokumentieren zahlreiche Fotos und Videos in sozialen Medien.
Sichtbar wurde es am Dienstag auch in Čačak in Westserbien. Eine Menschenmenge umstellte dort das Hauptquartier der Polizei.
Die aufgebrachte Menge forderte, dass endlich die Männer festgenommen werden, die vor einem Monat den Lehrergewerkschafter Đorđe Matijević und seine Familie bedroht hatten. Đorđe hatte sich auf die Seite der protestierenden Schüler und Studenten gestellt.
Es war nicht der erste Großprotest in Čačak. Täglich sind dort tausende Menschen auf der Straße und unterstützen die Studenten in ihren Forderungen nach Rechtstaat, Demokratie und einen Kampf gegen Korruption.
So wie täglich in dutzenden Städten und Dörfern Serbiens Tag für Tag die Menschen aufstehen, und jeden Tag werden es mehr.
Vielleicht ist das bald auch in Bosnien und Montenegro der Fall. Der Unmut ist groß genug.
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