Bosnien ist das zweitärmste Land Europas. Das schreibt das bosnische Portal Buka unter Berufung auf Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat. Die Eurostat-Zahlen sind ziemlich sicher falsch. Grund zum Jubeln ist das nicht.
Nur in Albanien sind die Menschen ärmer als in Bosnien.
Zu diesem Schluss kommt die EU-Statistikbehörde Eurostat.
Sowohl nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wie nach bereinigter Kaufkraft leben die Bosnier im zweitärmsten Staat Europas, schreibt das bosische Portal Buka.
Diese Interpretation ist falsch.
In der Berechnung kommen die Ukraine, Weißrussland, Russland und Moldau gar nicht vor.
Auch, was das Verhältnis zum durchschnittlichen Wohlstand in Europa betrifft, sind die Aussagen mit ziemlicher Sicherheit falsch.
Das liegt nicht an Buka, das liegt – bedingt – an Eurostat.
Demnach haben Bosnier 42 Prozent der Kaufkraft der durchschnittlichen EU-Bürger.
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrage 32 Prozent des EU-Durchschnitts.
Nur Albanien steht mit 40 bzw. 31 Prozent noch schlechter da.
Woran die Berechnung scheitert
Eurostat hat mit Sicherheit richtig gerechnet.
Nur, die Daten, anhand derer die Statistikbehörde diese Rechnung aufgestellt hat, sind mit ziemlicher Sicherheit falsch. Sie stellen die Situation schlechter dar als sie ist.
Es ist schlicht nicht möglich, seriös zu berechnen, wie hoch BIP pro Kopf und durchschnittliche Kaufkraft in Bosnien sind.
Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Bosnien leben.
So unterscheiden sich schon die Zahlen der Plattform Worldometer und von Countrymeters erheblich.
Laut Worldometer hat Bosnien 3,2 Millionen Einwohner.
Laut Countrymeters sind es 3,275.
Das würde sich zugegebenermaßen nur vernachlässigbar auf die ökonomischen Kennzahlen auswirken.
Nur: Beide Zahlen sind erheblich höher als es die tatsächliche Bevölkerung ist.
Wie veraltet die Informationen bosnischer Behörden sind, zeigte sich etwa bei den Wahlen im Vorjahr.
Nach Auskunft der Zentralen Wahlkommission waren knapp 3,4 Millionen Bosnier wahlberechtigt.
Mit Juli 2021 dürften in Bosnien nach den besten vorliegenden offiziellen Zahlen höchstens 2,9 Millionen Menschen gelebt haben.
Mehr sind es seitdem nicht geworden.
Selbst diese Bevölkerungszahlen dürften zu hoch sein.
Eine beträchtliche aber unbekannt große Zahl an bosnischen Auswanderern hat sich zuhause nie abgemeldet.
Diese Karteileichen werden bei jeder Registerzählung mitgezählt.
Wie hoch ist die Wirtschaftsleistung?
Auch beim BIP scheint es erhebliche Unsicherheiten zu geben.
Der IMF kommt auf 28,5 Milliarden für 2022.
Auf der Seite Trading Economics sind es 24,5 Milliarden, allerdings auf nicht ausgewiesener Datenbasis.
Entsprechend schwanken die Schätzungen, wie hoch das BIP pro Kopf ist.
Von knapp mehr als 6.000 Dollar bis knapp 12.000 Dollar findet man alles auf seriösen und teilweise sogar offiziellen Plattformen.
Nimmt man etwa die Schätzungen der World Bank und die quasi offiziellen Bevölkerungszahlen von 3,2 Millionen Menschen, beträgt die Wirtschaftsleistung pro Kopf etwas weniger als 7.000 Dollar pro Jahr.
Nimmt man als Ausgangsbasis den IMF und die verlässlichste seriöse Bevölkerungszahl von 2,9 Millionen, sind es knapp 10.000 Dollar.
Das ist ein Unterschied von 40 Prozent.
Es ist für niemanden mit Augen im Kopf eine Frage, dass Bosnien eines der ärmsten Länder Europas ist.
Wie schlimm die Lage genau ist, kann niemand mit Sicherheit sagen.
Anhand der sehr schlechten Ausgangsdaten gelangt man schnell an den Grenzen der Mathematik.
Eurostat hat nach Angaben gegenüber Balkan Stories Daten der Statistischen Agentur Bosniens als Basis für seine Berechnungen verwendet.
Wie unschwer zu erkennen, verwendet die Agentur nach wie vor die Zahlen des Zensus von 2013. Demnach hat Bosnien 3,5 Millionen Einwohner.
Das bosnische BIP beträgt laut Eurostat etwa 23 Milliarden Euro, das sind knapp 26 Milliarden Dollar.
Das macht ein BIP pro Kopf von ca. 6.700 Euro, das sind knapp 7.500 Dollar.
Das ist mit Sicherheit deutlich schlechter als es in Wirklichkeit ist.
Dass Bosnien wirtschaftlich etwas weniger arm ist als laut diesen Zahlen, ist kein Grund zum Jubeln.
Auch nach realistischen Schätzungen bleibt die Armut drückend.
Und ein politisches System, das nicht einmal seriöse Daten über seine Bevölkerung zur Verfügung stellen kann, hat wahrlich keinen Grund, sich auf die Schulter zu klopfen.
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