Eine Geschichte von Tod und Würde


In Bihać ist der 30-jährige Alimamy Jalloh aus Sierra Leone beigesetzt worden. Er wurde eines der Opfer der Balkanroute. Das Begräbnis wurde zu einer Manifestation menschlicher Würde.

Gut 50 Menschen waren gekommen, um Alimamy Jalloh die letzte Ehre zu erweisen. Einem Menschen, der alleine aufgebrochen war, um Elend, Instabilität und Unsicherheit in seiner Heimat zu entkommen.

Er wollte in die EU. In Bihać in Nordwestbosnien endete seine Reise endgültig.

Bihaćani, andere Flüchtlinge, die ihn im Containerlager Lipa kennengelernt hatten, Flüchtlingshelfer der österreichischen Organisation SOS Balkanroute. Und seine Schwester Mariama.

Sie war aus Sierra Leone angereist, um ihren Bruder zu beerdigen. Und um Antworten zu erhalten.

Alimamy starb unter fragwürdigen Umständen

Alimamy war am 27. Dezember 2025 unter fragwürdigen Umständen im Flüchtlingslager verstorben.

„Vor seinem Tod erzählte mein Bruder meinem Vater und mir, dass er ins Wasser geworfen worden sei, dass ihn die kroatische Polizei geschlagen habe und dass mitfühlende Menschen in Bosnien ihm geholfen hätten, ins Flüchtlingslager zurückzukehren. Er klagte bei den Ärzten im Lager über Schmerzen und darüber, dass es ihm nicht gut gehe, aber sie sagten ihm, alles sei in Ordnung“, sagte Mariama in ihrer Totenrede.

Eine Gruppe von Menschen auf einem Friedhof, wobei eine Frau mit Kopftuch spricht und ein Mann neben ihr aufmerksam zuhört.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

Bis heute hat sie keine medizinische Unterlagen zum Tod ihres Bruders erhalten. Sie will seinen Tod aufklären.

Der Staat Bosnien in all seinen Teilstaaten und Untergliederungen steht den Flüchtlingen weitgehend gleichgültig gegenüber, die den beschwerlichen Weg durch die bosnischen Berge und über bosnische Flüsse nach Kroatien wagen.

Lokale Flüchtlingshelfer sehen sich häufig genug Behördenschikanen ausgesetzt. Siehe diese Reportage.

Boulevardmedien schüren seit Jahren fremdenfeindliche Stimmung. Bei weiten Teilen der Bevölkerung verfängt das.

Die Unterbringungsstätten sind weitgehend international finanziert. Sie genügen allenfalls Minimalstandards.

Das überrascht in einem Land, in dem bis heute hunderttausende Menschen leben, die während des Kriegs in den 1990-ern selbst Flüchtlinge waren.

„Eure Güte hat unseren Schmerz gelindert“

Nicht alle freilich haben das vergessen.

Der Großteil der Besucher bei Alimamys Begräbnis waren Bosnier.

Eine Trauergemeinschaft versammelt sich an einem Grabbereich, während ein religiöser Vertreter eine Zeremonie an einem frisch beerdigten Grab leitet. Im Hintergrund sind weitere Gräber und eine bergige Landschaft sichtbar.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

„Wir finden Trost darin, dass er mit Würde und Respekt beerdigt wurde. Im Namen meiner Eltern und unserer Gemeinschaft in Sierra Leone danke ich dem Volk von Bosnien und Herzegowina, das den Leichnam meines Bruders bewahrt hat, ebenso der Organisation SOS Balkanroute, Pero, Nihad, Angelina und allen, deren Güte unseren Schmerz gelindert hat“, bedankte sich seine Schwester bei all denen, die gekommen waren.

Eine Frau im Gespräch mit einem Kamerateam auf einem Friedhof, umgeben von Grabsteinen und Bäumen.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

Aus Sicht von SOS Balkanroute-Gründer Petar Rosandić war Alimamys Tod vermeidbar. „Die Tatsache, dass Migration heute kriminalisiert wird und Alimamy in keiner Botschaft Asyl oder ein Visum beantragen konnte, sondern diesen gefährlichen Weg gehen musste, zeigt, dass wir in einer Zeit der Krise legaler Migration leben“.

Der junge Mann aus Sierra Leone war nicht der einzige, der in diesem Winter in Bosnien auf dem Weg in die EU verstarb. Noch nicht mal der Einzige, der im Flüchtlingslager Lipa seinen Tod fand. Drei Menschen starben diesen Winter im Lager Lipa. Zwei weitere kamen im Kanton Una-Sana ums Leben, in dem Bihać liegt.

Eine Gruppe von Menschen besucht einen Friedhof. Im Vordergrund kniet ein Mann, der eine Blume niederlegt, während andere Personen im Hintergrund stehen und beobachten. Der Himmel ist klar und es gibt viele Grabsteine im Hintergrund.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

Und einen Tag nach Alimamys Begräbnis kenterte ein Boot mit Flüchtlingen am Grenzfluss Una zwischen Bosnien und Kroatien, unweit Hrvatska Kostajnica auf der kroatischen Seite. Mindestens ein Mann ertrank.

Laut der Datenbank 4D kamen seit 2015 mindestens 748 Flüchtlinge auf der Balkanroute ums Leben. Die geschätzte Zahl liegt deutlich höher. Wie viele Menschen im Grenzfluss Drina zwischen Serbien und Bosnien ertrunken sind, ohne, dass ihre Leichen gefunden wurden, weiß niemand.

Gruppen von Menschen, die mit Schaufeln ein Grab auf einem Friedhof aushebeln, bei sonnigem Wetter.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

Die Wiener Organisation SOS Balkanroute ist eine der wenigen, die sich – neben zahlreichen Hilfs- und Sammelaktionen für Flüchtlinge entlang der Route – dieser Verstorbenen annimmt.

Frauen, die Blumen auf einem Friedhof halten, während Arbeiter Gräber ausheben, mit vielen Grabsteinen im Hintergrund.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

Mit örtlichen Aktivisten und der bosnischen Organisation djeluj.ba hat sie in Bosnien und Serbien bislang 95 Grabsteine für ums Leben gekommene Flüchtlinge errichtet (siehe etwa hier) und pflegt fünf Friedhöfe für Flüchtlinge.

Drei Personen stehen auf einem Friedhof, während sie ihre Köpfe senken. Der Mann links trägt eine Kippa, der Mann in der Mitte betrachtet sein Handy, und eine Frau mit dunklem Mantel steht rechts. Im Hintergrund sind Gräber und eine Berglandschaft sichtbar.
Foto: Nedim Fox/SOS Balkanroute

Die Zahl der Grabsteine wird sich wahrscheinlich erhöhen, befürchtet SOS Balkanroute-Gründer Pero.
„Die Todesfälle werden nicht aufhören, solange es keine legalen Wege gibt und solange die Außengrenzen der Europäischen Union Gebiete ohne jegliche Rechtsstaatlichkeit bleiben“.

Alle Fotos: Nedim Fox/SOS Balkanroute

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