Darum muss man Sarajevo lieben

Die Stadt Sarajevo hat auf der Carinski Most über die Miljacka ein Denkmal für einen ihrer Bürger enthüllt. Der Unvergessene war kein reicher Mann, kein mächtiger Mann, kein Sportler oder Künstler. Markan war ein normaler Mensch, der den Menschen Freude bereitete und ihren Hunger nach Neuigkeiten stillte.

Auf dieser Brücke saß jahrzehntelang Marko Didoi, Zeitungsverkäufer von Beruf. Markan nannten ihn alle.

Er hatte die wichtigsten Tageszeitungen, für die Eiligen gab es die Zusammenfassung der Nachrichten in mündlicher Form, für die mit mehr Zeit ein wenig Klatsch – und vor allem Fußball-Expertise.

(Ausführlichere Nachrufe findet ihr HIER und HIER.)

Markan war gelernter Drucker. Seine zweite Karriere begann er, nachdem er seinen Arbeitsplatz verloren hatte und seine Mutter verstorben war.

Groß war die Trauer, als er Mitte 2020 verstarb. Die Stadt beschloss, ihm ein Denkmal zu setzen.

Der Gedenkstein der dankbaren Bürger der Stadt wurde am Freitag in Sarajevo enthüllt.

Das macht die bosnische Hauptstadt wohl zur einigen Stadt der Welt, die einen Zeitungsverkäufer ehrt.

Man muss die Stadt für so etwas einfach lieben.

Zu oft übersehen wir diese Menschen, setzen ihre Gegenwart und vor allem ihre Arbeit als gegeben voraus. Nicht so in Sarajevo.

Oder überhaupt im ehemaligen Jugoslawien.

Persönlicher Kontakt ist dort deutlich wichtiger als weiter im Norden. Für ein kurzes Gespräch hat man immer Zeit. Alles andere ist unhöflich.

Der kapitalistischen Restauration und ihren sozialen Umwälzungen zum Trotz hat sich auch bei vielen Menschen noch der Respekt vor Arbeitern gehalten.

Hier kennst du eben auch den Namen deines Zeitungsverkäufers. Und er kennt deinen.

Gleichzeitig darf man die vielen Zeitungsverkäufer nicht romantisieren. Oder die vielen anderen mobilen Verkäufer, denen man von Kroatien bis Mazedonien begegnen wird.

Dass es so viele gibt in der Region, ist auch und vor allem ein Zeichen, wie arm diese Gesellschaften sind.

Von diesen Tätigkeiten wird man nicht reich, höflich formuliert.

Siehe auch diese Reportage über Edo. Er verkauft seit 20 Jahren Kugelschreiber im Stadtzentrum von Sarajevo.

Wie früher bei Markan ist für ihn dieser neue Beruf zur Herzensangelegenheit geworden.

Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein sehr prekärer Ausweg aus der Arbeitslosigkeit war und ist.

Das System der mobilen Verkäufer reiht sich auch ein in das System der kleinteiligen und kleinräumigen Distribution.

Eine kleine Bäckerei oder einen Minisupermarkt gibt es hier an jeder Ecke. Der nächste Kiosk ist nicht weit.

Das gilt für die gesamte Region. Die Wirtschaftssysteme sind trotz turbokapitalistischer Ansätze noch nicht so durchkapitalisiert wie weiter im Norden oder im Westen.

Sobald der Effizienzdruck steigt, wird dieses kleinteilige System nach und nach verschwinden.

Dass es dann noch einen Edo geben wird, oder einen Markan, darf bezweifelt werden.

Denkmäler wird man ihnen wahrscheinlich auch nicht mehr errichten.

Titelfoto: Suada Dedajič

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