Taxi, Taxi

Wie die Beograder Taxi-Mafia versucht, mich abzuzocken. Warum ich sicher nicht der Einzige bin. Und wie man sich – manchmal – gegen betrügerische Taxifahrer wehren kann.

Die drei älteren Männer lauern vor dem Beograder Busbahnhof am Taxistandplatz auf Opfer.

Der Ausländer mit dem schweren Rollkoffer und einem auch nicht gerade leichten Rucksack scheint ein vielversprechendes solches zu sein.

Der Ausländer, das bin ich, soeben dem Bus aus Kragujevac entstiegen. Für eine zweistündige Balkanbusfahrt eine ausgesprochen angenehme Fahrt. Trotzdem anstrengend.

Außerdem hab ich Zeitdruck. In zehn Minuten oder so soll ich Vlada bei der Beograder Kopie des Sebilj aus Sarajevo treffen, am Ende von Skadarlija.

Vlada soll mir die Schlüssel zu Sofijas Wohnung übergeben, wo ich dankenswerterweise die nächste Woche bleiben darf.

Ermüdet, unter Zeitdruck, mit den Gedanken woanders. Wegen des Gepäcks angewiesen auf ein Taxi. Typisch für einen Busreisenden. Mutmaßlich ohne Orts- und Sprachkenntnisse, aus Sicht der Senioren-Mafia am Beograder Busbahnhof.

Ich nicke dem ersten zu. Der nimmt meinen Rollkoffer, stellt ihn in den offenen Kofferraum.

In Landessprache teile ich ihm mit, wo‘s hingeht.

Vielleicht überrascht es ihn, dass ich mit ihm in seiner Sprache kommunizieren kann. Er lässt es sich nicht anmerken.

Von seinen Plänen abhälten lässt er sich nicht. Auch nicht davon, dass ich ihm beschreibe, was ich genau meine.

Fantasie hat er, der Taxler

„2.500 Dinar“, teilt er mir mit.

„Nein“.

Das sind mehr als 20 Euro. Das würde diese Fahrt nicht einmal in Wien kosten.

Ganz offensichtlich setzt er darauf, dass ich den Wechselkurs nicht im Kopf habe. Er hofft, dass er mittels Überraschungseffekt zu etwas Taschengeld kommt. Natürlich unversteuert. Wozu will er sonst eine Pauschale machen?

„Der Liter Benzin kostet jetzt zwei Euro“, jammert er mir vor.

Tatsächlich sind es in Serbien eher 1,80 Euro, im Vergleich zu 1,50 oder 1,60 vor einem Jahr. Das erklärt keinesfalls, warum sich der Taxipreis verdrei- oder vervierfacht haben soll.

Ich nehme meinen Rollkoffer und gehe zum nächsten.

Ich beschreibe ihm, noch mal das Ziel.

„1.000 Dinar“, sagt er.

Offenbar hat er mitgehört und weiß, was er zu tun hat.

„Glaubst, dass ich ein Trottel bin, nur weil ich Ausländer bin?“

„Das sind vier Liter Benzin“, jammert er mir vor.

Will er mich im Panzer durch die Beograder Innenstadt fahren?

Ich setzte eine ortsübliche Beschimpfung nach.

Politisch Überkorrekte würden sie mir in ihrer kulturellen Ignoranz als Androhung sexueller Gewalt auslegen und daraus ihre eigene moralische Überlegenheit gegenüber balkanischen Barbaren und kulturell ein bisschen gebildeten nicht ganz alten weißen Männern konstruieren.

Lasst mich sein in Eurem Bunde der Dritte

Der Dritte schaut beinahe ostentativ weg.

Ich erkläre ihm nochmal das Ziel.

„Ich fahre nicht in die Stadt“, meint er.

„Was bist du für ein Taxi, wenn du nicht fahren willst?“

„Ich fahre nicht in die Stadt“.

Hätten wir das auch geklärt.

Offenbar hat er sich auf die eine oder andere Weise mit den anderen zwei älteren Herren abgesprochen.

Ob freiwillig oder nicht.

Wenn er mich zum regulären Preis mitnimmt, geht‘s ihm das nächste Mal nicht so gut am Standplatz.

Statt dreister Überraschung mittels Fantasiepreisen soll ich also unter Druck gesetzt werden. Außer den drei steht ja keiner da, und da werd ich entweder einen von ihnen nehmen müssen oder drauf hoffen, dass jetzt, zur beginnenden Rush Hour, irgendwann ein freies Taxi vorbeikommt.

Ich vertraue auf mein Glück

Ich bin sauer genug, um auf mein Glück zu vertrauen und stelle mich auf den Gehsteig der Karađorđeva. Das ist die Straße, die an der BAS vorbeiführt, der Beograd Autobuska Stanica.

Glücklicherweise ist es eine vielbefahrene Straße.

Kaum eine Minute später kommt ein ebenfalls nicht mehr ganz junger Taxler vorbei und nimmt mich mit. Zum Taxameterpreis.

„Ich will das nicht kommentieren, was die da gemacht haben. Das war falsch“, sagt er. „Die Fahrt kostet 500 Dinar, vielleicht 600. Hängt vom Verkehr ab“, meint er. Und setzt nach: „Der Kilometerpreis sind 100 bis 150 Dinar.“

Wegen einer Feier sind ein paar Straßen gesperrt. Es ist ein wenig Stau. Die Fahrt macht ungefähr 570 Dinar aus. Mit Trinkgeld werden es 650. Ehrlichkeit muss belohnt werden.

Ich bin nicht der Erste. Und nicht der Letzte.

Wenn die das bei mir probieren, der ihnen in Landessprache beschreiben kann, wie sie zum Ziel kommen – wie ist das erst bei den Touristen, die zum ersten Mal in Beograd sind, denke ich mir.

Die haben gar keine Chance.

Wird schon ein paar geben, die drauf reinfallen.

Als ich das Erlebnis auf Facebook poste, schildert ein Freund, dass die die Nummer auch bei Serben abziehen, sogar bei Beogradern.

Andere erinnern sich an ähnliche Erlebnisse etwa in Prag. Dessen Taxigewerbe hat ja seit Jahrzehnten nicht gerade den Ruf überbordender Ehrlichkeit. Was ich mit eigenen Erlebnissen untermauern könnte, die liegen freilich auch schon länger zurück.

Auch am Wiener Flughafen probieren Taxler immer wieder, Passagiere mit überzogenen Pauschalen abzuzocken. Den vierfachen Preis traut sich keiner verlangen. Das würde auffallen.

Man halte mein Erlebnis also keinesfalls für eines, das einem nur in Beograd passieren kann.

Trick Nummer 17

Die meisten Taxifahrer sind ehrlich. Leider gibt es ein paar, die nutzen die unangenehme Lage von Reisenden aus. Die paar reichen, dass in manchen Städten eine ganze Branche einen schlechten Ruf hat.

Noch dazu gibt‘s ja nicht nur den Trick mit der überzogenen Pauschale.

Das frisierte Taxameter ist in weiten Teilen der Welt auch nicht ganz unbekannt.

Dessen Opfer wurde ich auch schon. In Split und zuletzt in Novi Sad.

Das Problem bei der Masche: In der Regel hast du dein Gepäck noch im Kofferraum, wenn der Taxler dein Geld will.

Immer zuerst ausräumen lassen, dann erst zahlen. Und wenn man weiß, dass man abgezockt wird, dann halt nur einen Bruchteil des Verlangten zahlen.

Wenn dich der Taxler versucht hat, zu nehmen, wird er schon nicht die Polizei rufen.

Sondern sich ärgern, dass es diesmal nicht funktioniert hat. Und unter allerlei ortsüblichen Flüchen abfahren.

Ein politisch Überkorrekter kann sich dann in der Illusion suhlen, ihm sei gerade sexuelle Gewalt angedroht worden und sich so seine prinzipielle moralische Überlegenheit gegenüber dem balkanischen Barbaren konstruieren.

Aber wahrscheinlich wird gerade der politisch Überkorrekte dem Taxler seinen Fantasiepreis auch noch mit einem ordentlichen Trinkgeld aufgefettet haben und sich so um die Illusion der moralischen Überlegenheit bringen.

Man kann eben nicht alles haben im Leben.

Dieser Beitrag ist auch bei KOSMO erschienen.

Ein Gedanke zu “Taxi, Taxi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.