Auch in Bosnien reagieren die Behörden mit harten und zuweils autoritär anmutenden Maßnahmen auf Covid-19. Hier ist es besonders wichtig, zu verhindern, dass Menschen erkranken. Im Land gibt es fast keine Beatmungsgeräte.

Nicht nur diese Nebenstraße der Ulica Ferhadija im Stadtzentrum von Sarajevo ist praktisch leer.

Links neben der Kathedrale geht die Ulica Pehlivanuša hinauf.

Die Straße, wo auf Nummer 29 das Guest House Bujrum liegt. Dort wohne ich immer, wenn ich in Sarajevo bin. Adi und Marija, denen das Bujrum gehört, sind sehr liebe und enge persönliche Freunde geworden.

Es bricht mir das Herz, wenn ich das Foto des menschenleeren Stadtzentrums von Paul Lowe sehe.

Aber, Paul ist nicht der einzige Bewohner Sarajevos, dem solche Bilder lieber sind als Menschen, die an Covid-19 erkranken. Und er hat Recht.

In ganz Bosnien halten sich die Menschen erstaunlich diszipliniert an die teils drakonischen Maßnahmen gegen das Virus.

Beide Teilstaaten, Federacija und Republika Srpska, haben nächtliche Ausgangssperren für alle verhängt.

Menschen über 65 und Kinder und Jugendliche dürfen in der Federacija überhaupt nicht aus dem Haus.

Die Öffnungszeiten von Geschäften und Märkten wurden verkürzt, alle nicht notwendigen Geschäfte sind geschlossen.

Das ist ähnlich drastisch wie in Serbien oder im Kosovo.

Gleichwohl haben die Maßnahmen hier auch eine autoritäre Seite.

Die Behörden veröffentlichen online Namen und Adressen von Menschen, die gegen die Auflagen verstoßen. Die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete am Sonntag ausführlich (siehe HIER).

Fallweise sollen auch Betriebe versucht haben, von der Krise zu profitieren. Vergangene Woche soll in Sarajevo Knoblauch für 12 Mark pro Kilogramm verkauft worden sein – das sind sechs Euro.

Für bosnische Verhältnisse sind das Apothekerpreise.

Gesundheitssystem akut gefährdet

Die Angst vor Covid-19 ist in Bosnien nicht grundlos besonders groß.

Die Gesundheitsversorgung liegt auch ohne Krise darnieder, Zahnärzte ausgenommen.

Wie in den anderen Ländern der Region ist das Gesundheitspersonal in den vergangenen Jahren massenhaft Richtung Deutschland und Österreich ausgewandert.

Aktiv abgeworben von den dortigen Gesundheitssystemen.

Deutschland und Österreich können mit der Migration kaschieren, dass sie viel zu wenig Ärztinnen und Ärzte und Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger ausbilden.

Dazu kommt, dass die bosnische Bevölkerung überaltert ist.

Seit dem Krieg sind die Jungen und Gutausgebildeten zu Hunderttausenden ausgewandert.

Zurückgeblieben sind vor allem alte und kranke Menschen.

Für sie ist Covid-19 besonders gefährlich.

Und es gibt viel zu wenig Beatmungsgeräte für die Spitäler.

Für den Teilstaat Federacija existiert eine Grafik, dass es mehr Minister als Beatmungsgeräte gibt.

142 (inklusive Kantonalregierungen) zu 141 stand die Zählung.

Die Zahlen mögen im Detail stimmen oder nicht – weit entfernt von der Realität sind sie nicht.

Die EU hat Bosnien 40 Beatmungsgeräte versprochen.

Selbst mit dieser Lieferung käme der Teilstaat Federacjia auf weniger als 1 Beatmungsgerät pro 10.000 Einwohner.

Spenden für ein Beatmungsgerät

Besonders hart soll es im Kanton Una Sana sein, sagt Software-Experte und Aktivist Alen Hadžić gegenüber Balkan Stories. Nach seinen Angaben gibt es dort nur 5 Geräte.

Im Kanton mit der Hauptstadt Bihać sind auch tausende Flüchtlinge untergebracht.

Das erhöht die Zahl der potentiellen Patienten bei einem größeren Covid-19-Ausbruch in der Region beträchtlich.

Und zumindest seit Samstag hängt ein Patient in der Stadt an einem Beatmungsgerät.

Über die renommierte Hilfsorganisation Pomozi hat Alen eine Spendenaktion mit dem Namen „Srce za Krajinu“ (Herz für die Krajina) ins Leben gerufen.

Details könnt ihr HIER nachlesen.

Das Geld wird über die österreichische Zweigstelle von Pomozi gesammelt.

Mit dem Erlös soll zumindest ein weiteres Beatmungsgerät gekauft werden und, sollte etwas übrigbleiben, dringend benötigte Schutzausrüstung für die Helferinnen und Helfer im Krankenhaus.

Innerhalb von fünf Tagen hat die Aktion 25.000 Euro gesammelt.

Roma und Flüchtlinge besonders hart getroffen

Besonders schwierig macht die Krise die Situation für Menschen, die schon davor an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden waren.

Viele Roma etwa sind in Bosnien gezwungen, vom Altmetallhandel zu leben.

Ihr Geschäft ist in den vergangenen Wochen völlig weggebrochen, schildert die bosnische Künstlerin Selma Selman gegenüber Balkan Stories.

Sie kommt aus einem Dorf nahe Bihać und entsammt einer Roma-Familie.

Besonders schwierig ist es auch für die Flüchtlinge in Bosnien.

Internationale Hilfslieferungen kommen nicht mehr durch.

Die Ausgangssperren machen es für die Helferinnen und Helfer schwer, Flüchtlinge zu versorgen.

Zudem wird langsam das Geld knapp.

Österreichische Organisationen sammeln Spenden für bosnische Flüchtlinge und leiten sie direkt an Helferinnen und Helfer weiter.

Das sind:

SOS Balkanroute

We Help

Ebenfalls aktiv ist SOS Bihać, das von Dirk Planert mitbegründet wurde.

Spenden an jede dieser Organisationen kommen direkt den Flüchtlingen in Bosnien zugute.

Kontonummern findet ihr in den Links.

Titelbild: (c) Paul Lowe