Bosnische Behörden haben die einzige medizinische Versorgung für die knapp 1.000 Bewohner des Flüchtlingslager Vučjak auf einer ehemaligen Mülldeponie bei Bihać geschlossen. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer des bisherigen Lazarettzeltes wurden ausgewiesen. Einzig der deutsche Journalist und Flüchtlingshelfer Dirk Planert darf bleiben. Vorerst.

Seit Freitag gibt es keine medizinische Versorgung mehr im Flüchtlingslager auf der ehemaligen Mülldeponie von Vučjak bei Bihać.

1.000 Menschen leben hier unter katastrophalen hygienischen Bedingungen – zwangsweise heraufgekarrt von der bosnischen Polizei. Diese hatte das Lager unter rechtlich dubiosen Bedingungen eingerichtet.

(Balkan Stories hat mehrfach berichtet, zu den Hintergründen siehe HIER.)

Laut einer Pressemitteilung von Dirk Planert, deutscher Journalist und Flüchtlingshelfer, hat die Polizei das Lazarettzelt für die Flüchtlinge ohne Vorankündigung geschlossen.

Begründung wirft Fragen auf

Mit Ausnahme Planerts wurden alle freiwilligen Helferinnen und Helfer, die das Zelt betrieben hatten, aus Bosnien ausgewiesen. Außerdem mussten sie eine Strafe von je 150 Euro bezahlen.

Die Polizei warf ihnen vor, ohne Genehmigung in Bosnien humanitäre Arbeit geleistet zu haben.

Laut Aussagen eines nicht namentlich zitierten Mitglieds des Einsatzstabs des Lagers gegenüber dem Sender Al Jazeera Balkan soll es außerdem Beschwerden über die Behandlungen gegeben haben.

Die Begründung wirft einige Fragen auf. Sollten nicht genehmigte medizinische Behandlungen in dieser Situation ein ernsthaftes Problem sein, warum haben die Behörden erst jetzt reagiert?

Das Lazarettzelt gibt es seit mehr als 100 Tagen.

Planert weist die Vorwürfe zurück. Er selbst hat das Lazarettzelt im Juni unter widrigsten Bedingungen ins Leben gerufen und war mit wenigen Ausnahmen Tag für Tag selbst im Einsatz.

„Alle Helferinnen und Helfer waren beim Roten Kreuz als Freiwillige registriert“, sagt er. Außerdem seien vorwiegend Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland und zuletzt aus Österreich dort freiwillig im Einsatz gewesen.

Das Rote Kreuz leitet das von Behörden an sich illegal eingerichtete Camp provisorisch.

„Weil es ein illegales Camp ist, haben sich bisher alle großen Hilfsorganisationen geweigert, dort zu arbeiten. Eine Arbeitsgenehmigung für ein illegales Camp ist ein Widerspruch in sich. Offensichtlich will man uns aus unbekannten Gründen nicht mehr dort haben“, schildert Dirk.

Beschwerden wegen Behandlungen habe es nie gegeben. „Alle Patienten haben das Zelt in einem besseren Zustand verlassen als der, in dem sie reingekommen sind“, sagt der Helfer gegenüber Balkan Stories.

Flüchtlinge protestieren gegen die Zustände im Lager. Foto: (c) Dirk Planert

Medizinische Hilfe für die etwa 1.000 Bewohner des Camps würden jetzt die Ärzte ohne Grenzen leisten, außerdem gebe es in Bihać ein Krankenhaus, sagen die Behörden gegenüber Al Jazeera.

Gegenüber Balkan Stories kündigt Dirk an, gegen die Schließung des Lazarettzelts zu kämpfen.

1.000 Menschen brauchen medizinische Versorgung

„Ich habe einen Termin beim Bürgermeister, danach beim Gesundheitsminister“, sagt er. Seine Stimme klingt erschöpft.

Am Montag geht es weiter mit den Verhandlungen, sagt Dirk. Er hoffe auf eine politische Lösung.

Dirk ist seit Juni nahezu ununterbrochen im Einsatz im Lager.

Pro Tag seien dort an die 200 Menschen versorgt worden, sagt er.

Foto: Petar Rosandić, KOSMO

Das Hauptproblem sind Hauterkrankungen unter den hygienisch unhaltbaren Bedingungen auf der ehemaligen Mülldeponie.

Bei Regen wird immer wieder Erdreich weggewaschen, Müll kommt zum Vorschein und mit ihm allerlei Mikroben, die Entzündungen hervorrufen.

Auch Verletzungen nach Schlägen durch die kroatische Polizei sind ein Dauerthema.

Tag für Tag versuchen dutzende Flüchtlinge, illegal über die nahegelegene kroatische Grenze in die EU geraten.

Wie auch hier mehrfach berichtet, verprügelt die kroatische Polizei die Flüchtlinge brutal, die sie erwischt. Außerdem werden die Habseligkeiten der Menschen vernichtet.

Wann die Flüchtlinge im Lager wieder medizinische Versorgung haben werden, ist unklar.

Balkan Stories wird berichten.

Fotos, sofern nicht anders angegeben: (c) Dirk Planert.