Kaum wo prallen die wechselhaften vergangenen 150 Jahre so geballt aufeinander wie in einem der bekanntesten Kurorte des heutigen Serbien: Banja Koviljača, einer Stadt mit angeblich 4.000 Einwohnern. Hier sagen einander König, Kirche und Kommunismus Guten Tag, und wenn es sein muss, vermutlich auch Grüß Gott.

Die Pracht vergangener Tage versucht sich im Kurpark von Banja Koviljača wieder zu entfalten.

Prächtig restauriert das Hotel Dalmacia aus den Zeiten des Königreich Jugoslawien, knapp neben dem noch etwas renovierungsbedürftigen Kurhaus des Königs höchstselbst.

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Dass Serbiens und später Jugoslawiens Könige hier gekurt haben, damit wird bis heute Werbung für den Kurort gemacht.

Und der zentrale Platz samt Brunnen erst, der den Blick freigibt auf ein weiteres architektonisches Denkmal der Zeit.

Die Bäume verstellen die Baustellenzäune.

Wäre da nicht der herrenlose Hund beim Blick in die Gegenrichtung, zum Lusthaus, man könnte glatt ein Idyll vermuten.

Ein Streuner, wie es sie halbdutzendweise im Kurpark gibt.

Das moderne Rehazentrum aus Zeiten der SFRJ, des sozialistischen Jugoslawien, ist weitaus nüchterner und hinter den Prachtbauten verborgen.

Touristenkitsch

Nicht zu übersehen die zahlreichen Kioske mit Touristenkitsch.

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Kriegsspielzeug liegt gleich neben religiösem Kram. Historisch gesehen eine überaus stimmige Kombination.

Dass es orthodoxe Ikonen sind, ist nur das ortsübliche Spezifikum. Auch neben buddhistischem Krimskrams – oder man setze jede beliebige andere Religion ein – wären Plastikgewehre eher ein unfreiwillig ehrlicher denn ein unpassender Verkaufsartikel.

Zu allen Zeiten in allen Ländern hat der Klerus Waffen gesegnet, Kriege bewilligt oder gar befohlen.

Ungewöhnlich vielleicht diese Kombination: Fanartikel zweier verfeindeter Fußballclubs.

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Dazwischen die kleinen Pavillons und Verkaufslokale in unterschiedlich gutem Zustand. Im verfallenden Gebäude ist bis heute ein Geschäft untergebracht.

Dieser wurde mit nationalistischen Parolen verunstaltet.

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Sieht man davon ab, ist man versucht, sich unter einer Glaskuppel zu wähnen, und sei sie auch innen leicht verwahrlost.

Das sozialistische Erbe liegt gleich über der Straße

Es wirkt ironisch, dass die Straße, an der der Kurpark liegt, die Ulica Maršala Tita ist, die Straße des Marschall Tito.

Sie ist die Hauptstraße des Ortes mit angeblich 4.000 Einwohnern – bei denen man sich fragt, wo sie denn wohnen sollen.

Andererseits: Die Bauten aus der sozialistischen Zeit waren sehr raumeffizient. Und architektonisch nicht mal uninteressant.

Der Postler hat hier noch Zeit, mit den Leuten zu plaudern.

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Was nicht fehlen darf: Die Geißel des Balkan. Ein Wettlokal.

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Drum herum wirkt es lange so, als sei die Zeit stehen geblieben. Als sei Jugoslawien nicht vor einem Vierteljahrhundert gewaltsam zerfallen.

Die kurze Straße parallel zur Maršala Tita heißt Ulica Narodnog Fronta.

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Eine andere Straße trägt den Namen Partizanska.

Hier hat man sich nicht der revisionistischen Mode angeschlossen, das Erbe des sozialistischen Jugoslawiens zu verdrängen, um auch auf symbolischer Ebene Platz zu schaffen für die nationalistische Restauration in den Nachfolgestaaten der SFRJ.

Den Namen, den dieses Gebäude mit Touristenapartments hat, muss man nicht großartig erklären.

Ein deutlicher Kontrast zum Königs- und Kirchenkitsch im Kurpark.

Kapitalistische Goldgräberstimmung

Und auch zur Goldgräberstimmung auf den unbebauten Grundstücken entlang der Maršala Tita.

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Sie wurden zum einem großen Teil von der Firma Pejak-Handel aufgekauft, einem serbisch-österreichischen Grundstücksentwickler, Heimbetreiber und dergleichen mehr.

Das Seniorenheim der Pejak-Handel können sich dem Anschein nach nur die Betuchten leisten.

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Auch die sonstigen Wohnungen sind nicht billig.

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Der Ort ist in Westserbien, 20 Kilometer von der bosnischen Grenze, nicht an der Peripherie von Beograd.

Dieses Bauprojekt wird nach König, Kirche und Kommunismus dem Stadtbild von Banja Koviljača ein viertes K hinzufügen: Kapitalismus.

Ob der Zuzug vergleichsweise gut betuchter ausländischer Senioren und sonstiger gut betuchter Neubewohner in diesen Massen dem Kurort gut tun wird, darf bezweifelt werden.