Während sich das halbe Land über die Falschberichterstattung eines Gratisblatts über ein angebliches Nikolo-Verbot in Wiener Schulen aufregt, hat Murat aus Novi Pazar einen Nikolo auf der Tür seines Cafes angebracht. Die Aufregung ist ihm herzlich wurscht.

Da klebt er wieder, der Nikolaus aus Novi Pazar. Ein Balkanrouten-Nikolo gleichermaßen.

Einer, der verdächtig nach amerikanischem Weihnachtsmann aussieht. Aber der ist ja eh auch der Heilige Nikolaus.

Vielleicht der Spaltpilz für die schwarz-blaue Koalition. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache wird sich über den Nikolo vor dem Lokal eines serbischen Muslims vielleicht freuen. Vielleicht wird er auch Scheinintegration vermuten.

ÖVP-Chef Sebastian Kurz wird das zur Weißglut treiben. Balkanroute und so. Nicht gut.

Angeblich war er sogar mal kurz im Sezam in der Brunnengasse, spät in der Nacht. Die Stammgäste haben ihn nicht in guter Erinnerung. Der Chauffeur habe draußen warten müssen, sagen sie.

Wenn denn der Gast mit den großen Ohren damals Sebastian Kurz war. Bestätigen wird sich das nicht mehr lassen. Und zu später Stunde verwechselt man Leute auch schon mal.

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Außerdem war das, bevor der Balkanrouten-Nikolo in der Tür klebte. Mit dieser Geschichte hat das nichts zu tun.

Lokalchef Murat Ladjar aus Novi Pazar ist das wurscht. Über Politik redet er nicht gern.

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Man muss die Feste feiern, wie sie fallen

„Das ist Sveti Nikola“, sagt er über die Figur in seiner Eingangstür. „Vielleicht ist er auch Deda Mraz oder der Weihnachtsmann. Das soll sich jeder aussuchen. Hauptsache, die Leute freuen sich.“

Das ganze Lokal ist weihnachtlich dekoriert.

 

„Ist doch schön, wenn Leute feiern“, sagt Murat.

Gefeiert wird bei ihm immer. Auch den Kurban Bajram begeht er mit den meist bosnischen Stammgästen.

Bei ihm mehr so aus Tradition als aus religiösem Bedürfnis. Murat ist Muslim, wie er selber sagt, „aber nicht sehr“.

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Weihnachten wird auch gefeiert.

Weihnachten wird auch gefeiert. Zuerst mit einer Weihnachtsfeier fürs Personal Mitte Dezember.

Dann das katholische. Sicherheitshalber auch das „kommunistische Weihnachten“ zu Silvester. Ob auch das orthodoxe, ist eine andere Frage.

Weniger eine ideologische als eine danach, ob so viel Feiern in so kurzer Zeit nicht langweilig wird.

Ein bisschen wird er es vermutlich feiern. Murat ist mit einer orthodoxen Serbin verheiratet.

Die Deko wird jedenfalls so lang bleiben.

Murat mag nicht nur Feiern jeglicher Art. Er mag auch Dekos. Er war früher Sänger.

Dem Hodža ist die Weihnachts-Deko wurscht

An der Weihnachts-Deko stört sich auch der Hodža nicht. Ein Stammgast aus Novi Pazar, den alle Hodža nennen. Er war früher wirklich einer.

Der ist nach wie vor religiös. Es würde ihm im Traum nicht einfallen, anderen Leuten Vorschriften zu machen.

Wenn das die Leute in der so genannten Redaktion des zeitungsähnlichen Gratisblatts „Österreich“ wüssten.

Die Zeitungs-Ente des Jahres

Die haben im gleichnamigen Land für Kopfschütteln gesorgt, als sie am Montag einen Artikel über ein angebliches Nikolo-Verbot in einer Wiener Volksschule veröffentlicht haben.

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Die Schule habe verboten, dass ein Nikolo-Darsteller den Kindern Geschenke bringe. Die Schüler müssten Türkisch lernen, es wimmle nur so von Mädchen mit Kopftüchern und in der Schulkantine gebe es kein Schweinefleisch mehr.

„Unsere Kinder“ würden in die türkische Community integriert, fürchtet sich ein anonymer Vater im Gratisblatt halb zu Tode.

Am Abend „moderierte“ „Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner im hauseigenen TV-Sender oe24.tv – unbestätigten Gerüchten zufolge kein Satireformat – eine einstündige Diskussionssendung, die die bange Frage beantworten sollte: „Wird der Nikolo verboten“?

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Der heldenmütige Einsatz der so genannten Redaktion für das christliche Abendland hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler.

Nichts an der Geschichte stimmte. Nichts. Das bestätigen auch die Recherchen von Vice.

Die betreffende Schule etwa ist eine Halbtagsschule. Sie hat keine Kantine.

Wer recherchiert, verliert

Hätte man mit einfacher Internetrecherche herausfinden können.

Nur hat man überhaupt nicht recherchiert. Lieber fragte man einen FPÖ-Politiker nach seiner Meinung zu dem vorgeblichen Skandal.

Da bleibt keine Zeit mehr, nachzufragen. Muss man verstehen.

Überhaupt: Wer recherchiert, verliert. Altes Gossenblatt-Motto.

Die so genannte Redaktion rechtfertigte sich mit den anonym gebliebenen angeblichen Eltern. (Hat man überhaupt versucht, herauszufinden, ob die anonymen Informanten Eltern von Kindern an dieser Volksschule sind? Oder überhaupt Eltern?)

Und damit, dass das Gartisblatt ja niemandem etwas Illegales vorgeworfen habe, „sondern (man) gab nur den Eindruck der Eltern wieder, dass hier Integration in eine falsche Richtung laufe„.

Man muss nicht jeden Blödsinn kommentieren

Dieser Autor verleiht an dieser Stelle seinem Eindruck Ausdruck, dass sich die so genannte Redaktion für eine ausländerfeindliche PR-Kampagne der FPÖ hat einspannen lassen und dass der Journalismus dieses zeitungsähnlichen Boulevardblatts samt seines Doch-Nicht-Realsatire-Fernsehsenders in die falsche Richtung läuft. Nicht zum ersten Mal.

Den Eindruck kann dieser Autor freilich nicht belegen.

Murat ist das zum Glück eher wurscht. Wenn ich ihn nach der Geschichte fragen würde, würde er den Kopf schütteln und lachen.

Und vielleicht noch sagen, dass man nicht jeden Blödsinn kommentieren muss.