Turf Wars

Im Stadtzentrum von Sarajevo hat sich der Konflikt zwischen den Fußball-Ultras verschärft. Horde Zla und Maniacs kämpfen um den öffentlichen Raum. Im Moment hat Horde Zla Oberwasser.

Rot über Blau. Blau über Rot. Die Jahreszahl 1987 an etlichen Ecken. Das gab es bis vor kurzem nicht zwischen Trg oslobođenja – Alija Izetbegović und Skenderija. Nicht in dieser Zahl.

Die Gegend war immer schon Hoheitsgebiet der Horde Zla („Horde des Bösen“). Das sind die Ultras von FK Sarajevo.

1987 wurde die Ultras-Gruppe gegründet. Benannt ist sie nach Charakteren in den damaligen Ausgaben der Comics-Reihe Zagor.

Die Horde Zla fühlt sich in ihrem Kernland seit einigen Monaten herausgefordert von den Maniacs. Das sind die Ultras von FK Željezničar Sarajevo, kurz Željo.

Alles, was irgendwie blau ist, wird auf Verdacht übermalt. Auch wenn das Blau heller ist als das offizielle Blau der Maniacs. Siehe etwa deren Logo in Marjin Dvor.

Fassade eines Mehrfamilienhauses mit Klimaanlagen und Graffiti, einschließlich einer markanten blauen Zahl '87'.

Oder hier in Grbavica, beim Željo-Stadion.

Eine Bushaltestelle mit einem blauen Rolltor, auf dem das Wort "Naša ljubav od zakona jača" in Weiß geschrieben steht, umgeben von grünen Bäumen und mehreren geparkten Autos. Im Hintergrund sind Wohngebäude sichtbar.

Wobei die Maniacs fallweise auch ein helleres Blau verwenden als offiziell. Von wem sonst soll das hier übermalte Wort Pičke („Muschis“) auf einer Fassade auf der Ferhadija stammen?

Graffiti in Rot und Blau an einer grauen Wand neben einem Fenster.

Es ist eindeutig, was hier passiert: Die Ultras der Erzrivalen FK Sarajevo und Željo versuchen, ihr Gebiet abzustecken. An sich alltägliches Geschäft bei organisierten Fußballfans. In dieser Intensität ist das freilich neu.

Was den Kampf um den öffentlichen Raum ausgelöst hat

Ausgelöst hat diesen Wettkampf der Umstand, dass Željo vor neun Monaten einen Fanshop auf der Ferhadija aufgemacht hat.

Schaufenster eines Sportgeschäfts mit T-Shirts und Sportbekleidung, darunter ein offizieller Partnerstore des FK Željezničar.

Er ist keine 50 Meter vom Sarajevo-Fanshop entfernt.

Im Prinzip liegen beide am Trg oslobođenja – Alija Izetbegović.

Eingang zum offiziellen Fan-Shop eines Fußballvereins mit Schaufenster und umstehenden Passanten.

Das hat den Konflikt zwischen den Ultras der Vereine angeheizt. Die sind sich spinnefeind.

Man ist sich spinnefeind. Und es ist kompliziert.

Dass sich die Ultras zweier Erzrivalen nicht grün sind, ist keine sonderliche Überraschung. Man denke an Austria Wien und Rapid oder umgekehrt.

Gemessen an den Standards in der Region geht es zwischen Horde Zla und Maniacs relativ zivilisiert zu. Abseits von Hausfassaden hat die jüngste Eskalation bislang keine Opfer gefordert. Oder zumindest wurde nichts bekannt.

Mit den Janjičari von Partizan Beograd und den Delije von Crvena Zvezda kann man das nicht vergleichen. Die Rivalität dieser Ultras hat sogar Basketball-Hooligans geschaffen.

Fern auch die Eskalationen, die sich beim Aufeinandertreffen der Bad Blue Boys von Dinamo Zagreb und Torcida von Hajduk Split ergeben. Da spielt es auch keine Rolle, dass Horde Zla eine betont martialische und leicht gewaltbereite Ästhetik hat.

Trotzdem, man möchte nicht der Maniac sein, der Pičke auf eine Fassade auf einer Straße geschrieben hat, die die Horde Zla für ihr Hoheitsgebiet hält. Wenn der bei der nächtlichen Aktion erwischt wird, wird das eher kein Lehrbeispiel für gewaltlose Konfliktbeilegung.

Ob das Wort ortsübliche Beschimpfung ist oder Anspielung darauf, dass Horde Zla eine der ersten Ultras-Gruppen mit eigener weiblicher Abteilung war, die auch prominent herausgestrichen wurde? Klären wird sich das nicht. Der Schreiber wird im Zweifelsfall wohl nicht einmal für ein anonymes Interview zur Verfügung stehen.

Das Verhältnis zwischen Maniacs und Horde Zla, zwischen Željo und Sarajevo, ist ein kompliziertes. So wie beinahe alles in Bosnien komplizierter ist als anderswo.

Die Klubmitgliedschaft kriegt man in die Wiege gelegt

Im Prinzip wirst du in dieser Stadt in einen der beiden Fußballklubs hineingeboren.

Kommst du im Zentrum auf die Welt, bist du ein Roter. Fußballtechnisch gesprochen.

Graffiti mit der Jahreszahl 1987 und dem Wort 'HARDCORE' an einer Wand, unterhalb blühende Blumenrabatten.

Ist es einer der Außenbezirke, bist du ein Blauer.

Ausnahmen bestätigen die Regel.

Geburts- und Wohnort bestimmt mehr als alles andere, wessen Klub du Fan bist.

Gleichwohl haben Klubs wie organisierte Fans eine mehr oder weniger politische Reputation. Die muss nicht mit der Realität übereinstimmen. Macht die Sache aber sehr kompliziert. Vor allem in der langfristigen Betrachtung.

Schild des FK Sarajevo mit Logo und Schriftzug 'OFFICIAL STORE' in der Ferhadija Straße.

Und selbst wenn man bedenkt, dass die Fußballszene der bosnischen Hauptstadt unterbunden hat, was den Fußball in weiten Teilen des ehemaligen Jugoslawien ruiniert hat: Keiner der beiden Vereine ist nationalistisch unterwandert, keine der Ultras-Gruppen neofaschistische Front.

Trotzdem gilt der FK Sarajevo als der linientreuere der beiden Vereine im Nachkriegs-Bosnien. Željo gilt als der jugoslawischere.

So gibt’s im Željo-Fanshop auf der Ferhadija nicht nur Merchandise von Dubioza Kolektiv sondern auch etliche jugonostalgische Shirts. Der Sarajevo-Fanshop hat die zumindest nicht in der Auslage.

Gleichzeitig ist der Balkan Express bei der Titova beinahe das offizielle Lokal der Klubführung des FK Sarajevo. Die liegt auch gleich daneben.

Jugonostalgischer als Balkan Express geht wirklich nicht.

Man sieht, diese Zuschreibungen sind nicht treffsicher.

Historisch betrachtet war es genau umgekehrt.

Der FK Sarajevo wurde 1946 mit großer Unterstützung der Kommunisten Bosniens als explizites Gegengewicht zu Željo gegründet, der eigentlich ein Eisenbahner-Fußballverein war. Dass Kommunisten einem Arbeitersportklub das Wasser abgraben wollen, mutet etwas paradox an. Freilich hatte sich Željo im Königreich Jugoslawien und im NDH im Zweiten Weltkrieg instrumentalisieren lass, und wurde als Ustaša-Klub verunglimpft.

Tatsächlich hat Željo bis heute einen etwas höheren kroatischen Fan-Anteil als der FK Sarajevo. Das liegt vor allem daran, dass es wie etwa in Stup in den Außenbezirken ein paar vorwiegend katholische Nachbarschaften gibt. Auch orthodoxe Fans hat Željo etwas mehr als Sarajevo, aus ähnlichen Gründen.

Das gilt für die Ultras der beiden Vereine in gleichem Maße.

Statistisch relevant sind die Unterschiede freilich nicht.

Wandgemälde einer lokalen Željo-Fangruppe in Alipašino Polje, Sarajevo.
Wandgemälde einer lokalen Željo-Fangruppe in Alipašino Polje, Sarajevo.

Beide Klubs, und Maniacs wie Horde Zla, sind für alle offen, und haben massenhaft Fans in allen Bevölkerungsgruppen der bosnischen Hauptstadt.

Einzig die soziale Zusammensetzung unterscheidet sich ein wenig. Klubleitung und offizielle Fanklubs von Sarajevo sind ein wenig bürgerlicher, die von Željo etwas proletarischer. Auch das ergibt sich aus daraus, dass Erstere im Zentrum ihre Hochburg haben, Letztere in den Außenbezirken.

Gleichwohl gibt es genügend Anwälte, die bei den Maniacs sind, und Hackler, die sich der Horde Zla zugehörig fühlen.

Schild des Fußballvereins Fudbalski Klub Željezničar Sarajevo mit blauem Hintergrund und Fußballmotiven.

Bei Ortsgruppen außerhalb von Sarajevo laufen die Uhren etwas anders. Das spielt aber keine Rolle für den Fassadenkrieg von Maniacs und Horde Zla im Stadtzentrum von Sarajevo.

Das soll nicht heißen, dass alle Ultras Engel sind, die einander mit Brot bewerfen.

Horde Zla und Maniacs können auch zusammenarbeiten, wenn es notwendig ist.

Beide haben Untergruppen, wo viele Mitglieder das Strafgesetz eher als unverbindliche Empfehlung betrachten. Ein paar Drogengeschichten hier, die eine oder andere Körperverletzung dort.

Nichts freilich, das auch nur irgendwie an Janjičari oder Delije heranreicht. Beide haben Untergruppen, die schlicht Teil der serbischen Mafia sind, und eng mit dem serbischen Sicherheitsapparat und politischen System verknüpft. Siehe hier.

Auch derlei ist Sarajevo erspart geblieben.

So sehr sich im Stadzentrum auch Mitglieder der Horde Zla und der Maniacs gegenseitig ihre Graffiti übersprühen, so intensiv auch die Rivalität zwischen beiden sein mag, man darf davon ausgehen, dass dieser Turf War nicht zu Gewalteskalationen führen wird.

Beide Gruppen haben auch bewiesen, dass sie zusammenarbeiten können, wenn es notwendig ist. So etwa nach der Hochwasserkatastrophe in Donja Jablanica, wie Balkan Stories damals exklusiv auf Deutsch berichtete.

Horde Zla und Maniacs waren die ersten Fußballfans, die Hilfe organisierten. Und wurden zum Vorbild für weitere Erzrivalen, über dem verschütteten Dorf ihre Feindseligkeit zugunsten von Solidarität zu vergessen. Dem Hilfsaufruf schlossen sich Red Army Mostar und die Fans von Zrinjski Mostar an, und Dinamo Zagreb und Hajduk Split.

Was zählen da schon ein paar Hausfassaden auf der Ferhadija?

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