Heute jährt sich der Tag der Hinrichtung des Freiheitskämpfers Koloman Wallisch. Er war einer der Schlüsselfiguren im letzten Aufbäumen der österreichischen Sozialdemokratie gegen den schleichenden Putsch der Austrofaschisten im Februar 1934. Wallisch war gebürtiger Banater Schwabe. Er stammte vom Balkan – aus der Gegend von Lugoj im heutigen Rumänien.

Im Februar vierunddreißig
Der Menschlichkeit zum Hohn
Hängten sie den Kämpfer
Gegen Hunger und Fron
Koloman Wallisch
Zimmermannsohn

Aus: Bert Brecht, Koloman Wallisch Kantate

Dass Koloman Wallisch nicht aus der Obersteiermark stammte, führte indirekt zu seiner Festnahme und Hinrichtung.

Er konnte nicht Ski fahren.

Als sich die Überlebenden seiner Schutzbundabteilung nach der Niederlage gegen das österreichische Militär und die faschistischen Heimwehren auf Skiern ins Gebirge auf der Hochalb absetzten, blieb er zurück und versuchte sich anders durchzuschlagen.

Er kam nicht weit, wie Bert Brecht in seiner Koloman Wallisch Kantate beschreibt:

Ein Bauer am Hochanger
Gab ihm Milch und drei Brote, doch wiss:
Die Groschen hat er entrichtet
Bevor er ins Brot biß.

Der Autobussschofför Krobart
Hat den Wallisch daran erkannt
Dass der ihn in der Bedrängnis
Genosse hat genannt.

Wallisch wurde verhaftet und ins nahe Leoben gebracht. Dort hängten ihn Schergen des austrofaschistischen Regimes. Auf ausdrückliche Anordnung von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.

Der Justizmord

Der hatte das Standrecht, das am 12. Februar ausgerufen worden war, Wallischs wegen verlängert. Auch ein Kopfgeld hatte man auf den Nationalratsabgeordneten ausgesetzt als wäre er ein gewöhnlicher Straßenräuber. So klein der Kanzler war, so groß war sein Rachedurst.

Wallisch war der letzte Schutzbundführer auf der Flucht und hatte sich nicht in die Tschechoslowakei absetzen können.

An ihm und mit ihm wollte das austrofaschistische Regime den sozialdemokratischen Widerstand auslöschen und jeden Gedanken an Freiheit und Republik.

Wallischs Tod war das Ende des verzweifelten und verspäteten Aufbäumens der Sozialdemokratie gegen den schleichenden austrofaschistischen Putsch, der ein Jahr davor begonnen hatte.

Es sollte 11 Jahre, zwei Monate und acht Tage dauern, bis Österreich als Republik wiederauferstand.

Den bewaffneten Kampf für die Freiheit mochte Dollfuß endgültig mit Wallisch begraben haben. Den Traum an sie nicht.

Mit Wallisch schuf Dollfuß einen Märtyrer, über dessen Andenken die zuvor verfeindeten Sozialdemokraten und Kommunisten in Österreich einander im gemeinsamen Widerstand gegen den Faschismus ein Stück weit näherkamen.

Das lag freilich nicht nur an seinem Tod.

Aktiv in Szeged, Budapest, Maribor und Bruck/Mur

Wallisch, das war ein Mann, der immer gekämpft hatte und stets auf der Seite der Unterdrückten gestanden war.

Schon im Banat war der 1889 im heutigen Lugoj geborene Wallisch der Gewerkschaft beigetreten. Er stammte aus einer Familie Banater Schwaben.

Seine Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg machten ihn endgültig zum engagierten Sozialdemokraten.

Als 1919 die Revolution in Ungarn ausbrach, wurde er einer der führenden Funktionäre der Kommune von Szeged, die von der französischen Besatzungsarmee gewaltsam zerschlagen wurde.

Wallisch engagierte sich danach in der Räteregierung in Budapast. Als auch die gewaltsam zerschlagen wurde und ihre Aktivisten im Weißen Terror verfolgt, floh er nach Maribor im damaligen Königreich Jugoslawien.

Von dort wurde er nach Österreich ausgewiesen, als er Streiks organisierte.

Wallisch landete in Bruck an der Mur in der Obersteiermark. Und trat dort nicht der KP bei sondern der Sozialdemokratie, deren wichtigster regionaler Funktionär er wurde. Wallisch brachte es bis zum steirischen Landessekretär – heute Landesgeschäftsführer – und ab 1930 war er Abgeordneter zum Nationalrat.

Exkurs: Der Republikanische Schutzbund

Und er hatte starken Einfluss auf den Republikanischen Schutzbund in Bruck. Der Schutzbund war eine paramilitärisch organisierte und – thereotisch – bewaffnete Selbstverteidigungsorganisation der Sozialdemokratie, die als Reaktion auf faschistische Paramilitärs wie die Heimwehr gegründet worden war.

Seine Funktion war es, Parteiveranstaltungen zu schützen, Ordnerdienste bei Demonstrationen zu übernehmen und theoretisch im Ernstfall die Republik vor einer faschistischen Machtübernahme zu verteidigen.

Mit Schusswaffen traten die Schutzbündler im Gegensatz zu den faschistischen Formationen nie auf. Die Waffen waren in geheimen Depots versteckt. Das sollte 1934 zum Verhängnis werden.

Entschlossen in Krisensituationen

Wallisch war einer der wenigen, die begriffen, dass der Schutzbund seine Funktionen nur erfüllen konnte, wenn er im Krisenfall offensiv agieren würde.

Das tat er bei den Juli-Unruhen nach dem Justizpalastbrand 1927.

Als in Wien Faschisten, die im burgenländischen Schattendorf zwei Menschen, darunter ein Kind, erschossen hatten, freigesprochen worden waren, demonstrierten spontan zehntausende Menschen vor dem Justizpalast in Wien. Aus bis heute ungeklärter Ursache begann es im Justizpalast zu brennen.

Schutzbündler retteten Polizisten und Mitarbeiter ins Freie.

Die Polizei ließ in die Menge schießen und verfolgte die Demonstranten, bis in die Nacht hinein wurden Arbeiterheime in Wien beschossen. 89 Menschen kamen ums leben.

Als Reaktion gab es in mehreren Industriestädten spontane Streiks und Demonstrationen.

In Bruck verhinderte Wallisch mit dem Schutzbund Ausschreitungen gegen die Streikenden und übernahm de facto die Kontrolle. Er gab erst auf, als die Parteiführung den Streik abbrach.

Die Ereignisse schildern etwa Otto Leichter in seinem Erinnerungsband Glanz und Ende der Ersten Republik und Winfried Garscha und Barry McLoughlin in Wien 1927: Menetekel für die Republik.

Auch am 12. Februar 1934 ergriff Koloman Wallisch die Initiative. Als auch in Bruck Kämpfe ausbrachen, übernahm er die politische Führung des Kampfes.

Der kurze Offensivkampf im Widerstand, der zu spät kam

Wenn er auch selbst formal keine militärische Leitungsfunktion hatte, ist es auch auf ihn zurückzuführen, dass in Bruck der Schutzbund auch offensiv agierte – im Gegensatz zu fast allen anderen Einheiten im Rest Österreichs, wo man sich vor dem lange geplanten Angriff durch Militär und die faschistischen Heimwehren in der Regel verschanzte.

Als der Kampf wegen der Übermacht des Militärs sinnlos geworden war, trat die Einheit die Flucht an, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern.

Auch wenn es im Februaraufstand nichts mehr brachte – in der Offensivstrategie wie in Bruck hätte die einzige Möglichkeit des Schutzbundes bestanden, sich gegen den Faschismus zur Wehr zu setzen.

So hatte freilich die Parteileitung den Schutzbund nicht ausbilden lassen. Gegen den Rat des ehemaligen Weltkriegsgenerals Theodor Körner, der aus Protest gegen die konventionelle Defensivausrichtung sein Kommando über die Formation niedergelegt hatte.

Im Februar 1934 war es aber ohnehin zu spät. Ein Jahr lang war die sozialdemokratische Parteiführung Stück um Stück zurückgewichen vor dem offensichtlichen stillen und scheibchenweisen austrofaschistischen Putsch.

Die Regierung hatte den Nationalrat illegal aufgelöst, der wegen einer Geschäftsordnungskrise handlungsunfähig war. Sie hatte 1933 den Mai-Aufmarsch verboten, die Arbeiter-Zeitung war unter Zensur gestellt, die Arbeiterkammern standen unter Regierungskuratel, Schutzbundführer waren illegal verhaftet worden in den elf Monaten, in denen die sozialdemokratische Parteiführung Stück um Stück zurückwich.

Im Februar 1934 war die Kampffähigkeit von Partei und Gewerkschaft schon längst zerbrochen.

Erst als sich der oberösterreichische Schutzbund neuerlichen Provokationen durch das Dollfuß-Regime gegen den Willen der Parteileitung widersetzte und mit dieser Aktion die Kämpfe auslöste, übernahmen die Parteiführer widerstrebend die Kampfleitung.

Der bewaffnete Widerstand gegen den Faschismus war in Österreich zum Scheitern verurteilt, bevor der erste Schuss gefallen war.

Die Widersprüche des Koloman Wallisch

Die Aktionen von Wallisch in den Krisen von 1927 und 1934 offenbaren auch die Widersprüche im Charakter dieser Kämpfernatur.

Da war Koloman Wallisch, der Parteifunktionär, der Parteidisziplin über alles stellte. Und da war Koloman Wallisch, der Revolutionär, der in Eigenitiative agierte.

Diese Widersprüchlichkeit zeigt sich auch in einem anderen Aspekt.

Wallisch hatte die Genossen in den Monaten vor dem Februar 34 zurückgehalten. Und er hatte offenbar verhindert, dass Kommunisten dem Schutzbund beitraten.

Das schildert Anna Seghers in ihrer Reportage Der letzte Weg des Koloman Wallisch, für die sie einige Monate nach dem Aufstand Material in Bruck und Umgebung gesammelt hatte.

Seghers überliefert unter Berufung auf ehemalige Schutzbündler, die nach der Niederlage der KP beigetreten waren, dass Wallisch öffentlich antikommunistische Wortmeldungen abgegeben habe.

Der Historiker Reinhard M. Czar schreibt über Wallisch in seinem Buch „Dunkle Geschichten aus der Steiermark“: „Ein in der Wolle dunkelrot gefärbter Sozialist von altem Schrot und Korn, eigentlich ein Kommunist, wie er selbst einmal bekannte“.

Welcher der Einschätzungen stimmt, ist schwierig zu beurteilen.

Das schwierige Verhältnis zwischen SP und KP

Wallisch stand wegen seines Engagements in der Ungarischen Räterepublik wahrscheinlich auch bei manchen Sozialdemokraten im Verdacht, ein heimlicher Kommunist zu sein.

Es erscheint denkbar, dass er diesen Verdacht, ob berechtigt oder nicht, mit Wortmeldungen gegen die KP zu zerstreuen versuchte.

Grundsätzlich ist Anna Seghers Einschätzung mit einer gewissen Skepsis zu begegnen.

Ihre Reportage entstand kurz nach dem Ende der Kämpfe, als die ebenfalls illegale KPÖ um ehemalige Sozialdemokraten und Schutzbündler warb um ihren antifaschistischen Widerstand zu verstärken.

Der Text könnte bei aller Wertschätzung, die er Wallisch entgegenbringt, auch als Unterstützung dieser Versuche zu werten sein.

Was nichts daran ändert, dass diese sehr lesenswerte Reportage ein lebendiges und authentisches Dokument ist, das die komplizierte Beziehung der ehemals verfeindeten Sozialdemokraten und Kommunisten dokumentiert und zeigt, dass Koloman Wallisch bereits zu diesem Zeitpunkt Ausgangspunkt für einen antifaschistischen Narrativ war.

Wallisch als Symbolfigur

Den Höhepunkt erreichte diese Erzählung mit der Koloman Wallisch Kantate von Bert Brecht.

Wallisch wird hier zur Symbolfigur für den gemeinsamen Kampf. Vor dem dürfe man sich nicht drücken, fordert Brecht.

Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen; denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will; denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.

Die Kantate endet mit dem Appell, den Kampf weiterzuführen:

Bruder es ist Zeit,
Bruder, sei bereit
Gib die unsichtbare Fahne weiter jetzt!
Gewalt oder Recht und es schwanket die Waage
Doch der Knechtschaft Tag um, kommen andere Tage.
Heut bist du besiegt und drum bist du der Knecht
Doch der Krieg endet erst mit dem letzten Gefecht.
Doch der Krieg endet nicht vor dem letzten Gefecht.

Mehr über die Hintergründe der Februarkämpfe und den antifaschistischen Widerstand in Österreich gibt es in der Rezension des Buchs „Buchengasse 100“ nachzulesen.

Quelle des Titelbilds: Homepage des österreichischen Parlaments.